Nobelpreisträger rufen zur Umkehr auf

Lorenzo Ravagli

Das Memorandum bildet die Grundlage für den Erdgipfel »Rio+20«, der im kommenden Jahr in Rio de Janeiro stattfinden wird. Die Wissenschaftler sprechen in ihrer Veröffentlichung eine beinahe religiöse Sprache. Sie ermahnen die Menschheit, ihrer Verantwortung gegenüber der Erde und sich selbst endlich gerecht zu werden.

Seit Beginn der Industrialisierung habe der Mensch so stark in das lebendige System der Erde eingegriffen, dass endgültig die Gefahr bestehe, die relativ stabilen Bedingungen, auf denen das Leben der Menschheit bisher ruhte, endgültig zu zerstören. Das Verhältnis zum Planeten Erde müsse sich ändern, die Menschheit dürfe nicht länger auf Kosten der Umwelt leben und unser ganzes Handeln müsse auf Nachhaltigkeit überprüft werden. Es dürfe kein Wirtschaftswachstum mehr ohne Nachhaltigkeit geben. Man dürfe sich den Luxus nicht länger leisten, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse im Handeln zu ignorieren.

Die Bekämpfung der Armut und die Ernährung der Weltbevölkerung stellen zwei der großen gegenwärtigen Herausforderungen dar. Im Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung vermutlich auf 9 Milliarden angewachsen sein. Die Nobelpreisträger fordern ohne Abstriche den Umbau der Agrarsysteme auf eine nachhaltige und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion, einen aktiven Umweltschutz und die Herstellung von Gerechtigkeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Um die Emission von Treibhausgasen zu reduzieren, sei der radikale Umbau der fossilen Energieversorgung auf erneuerbare Quellen erforderlich. Die Ziele, auf die sich die Weltgemeinschaft 1992 in Rio verpflichtet hat, sind bis heute nicht verwirklicht, so die Nobelpreisträger.

Inzwischen verbraucht die Menschheit in einem Jahr die Ölreserven, die in einem Zeitraum von vier Millionen Jahren entstanden sind, hat mehr Kupfer verbaut, als noch in der Erde lagert und hat es dennoch nicht geschafft, der einen Milliarde Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, diesen zu ermöglichen oder ihren täglichen Hunger zu stillen. Gleichzeitig wird die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen.

Die Nobelpreisträger sprechen vom Menschen als einem »geologischen Faktor«, der sich seiner Bedeutung endlich bewusst werden müsse. Was die Nobelpreisträger fordern, ist eine Umkehr, ähnlich jener, von der Paulus einst sprach, eine Metanoia, eine Sinnesänderung, die mit einem Wandel im moralischen Verhalten einhergeht. Denn wie soll sich der Lebensstil der Menschheit ändern, wenn nicht durch eine moralische Wandlung, die den Abbau der Verschwendung und des Raubbaus erst möglich macht? Heute steht mehr auf dem Spiel, als Renten oder Ersparnisse, – heute steht die Erde auf dem Spiel.