Noten sind alles andere als objektiv

Lorenzo Ravagli

Die Autoren der Untersuchung ziehen ein lakonisches Fazit: »Die Herkunft wird mitzensiert.« Bei der Vorstellung der Ergebnisse bemerkte der Geschäftsführer der Stiftung, Mark Speich, Noten und Schulempfehlungen trügen zur sozialen Ungleichheit bei. Die Studie zeige, so Speich, »wie wichtig individuelle Förderung sozial schwacher Kinder ist, damit diese nicht schon in einem frühen Stadium ihrer Bildungslaufbahn wegen schlechterer Leistungen abgehängt werden.

Drei Bildungsforscher haben bei der Metastudie zusammengearbeitet, die die Ergebnisse der TIMMS-Übergangsstudie, der Berliner ELEMENT-Studie und die TOSCA-Studie auswertet: Kai Maaz von der Uni Potsdam, Ulrich Trautwein von der Uni Tübingen und Franz Baeriswyl von der Uni Fribourg. Sie korrelierten Schulnoten mit Faktoren wie dem Geschlecht, der sozialen Herkunft und dem Bildungsgrad der Eltern und stellten fest, dass neben dem Bildungsgrad der Eltern auch ein möglicher Migrationshintergund eine Rolle spielt, allerdings nicht in einem solchen Maß, dass von einer offenen Benachteiligung gesprochen werden könnte: »Die Annahme, dass Schüler mit Migrationshintergrund an der Übergangsschwelle von der Grundschule in die weiterführende Schule wegen ungerechter Notenvergabe benachteiligt werden könnten, wurde durch die Studie nicht bestätigt«.

Geschlechterdifferenzen spielen kaum eine Rolle: allerdings erhalten Mädchen durchschnittlich bessere Noten als Jungen, obwohl sie bei standardisierten Leistungstests etwas schlechter abschneiden. Schließlich lassen sich Lehrer auch von der Leistungsbereitschaft ihrer Schüler bei der Notenvergabe beeinflussen (rund 14 Prozent der Note) und von ihrer Gewissenhaftigkeit im Unterricht (zu 9 Prozent). Würde sich die soziale Herkunft nicht mehr auf die Noten auswirken, könnte der Anteil von Arbeiterkindern an den Gymnasiasten von derzeit rund 20 % auf bis zu 30 % steigen. Zu rund 24 Prozent ist die Schulempfehlung von der sozialen Herkunft der Kinder abhängig, und dies bei gleicher Leistung in standardisierten Test und gleichen Noten. Zu rund einem Viertel entsteht die soziale Verzerrung bei der Empfehlungsvergabe durch ungleiche Notenvergabe bei gleicher Leistung während der Grundschulzeit.

Vergleichbare Ergebnisse wurden auch schon in früheren Untersuchungen erhoben, die Ergebnisse der Metastudie zeigen aber, dass sich das deutsche Schulsystem seit der ersten Pisa-Studie 2001 kaum geändert hat. Nimmt man die Iglu-Studie hinzu, die die Bildungschancen von Unterschichts- und Einwandererfamilien international auf den Prüfstand gestellt hat, dann schneidet das dreigliedrige selektive deutsche Schulsystem noch schlechter ab.

Henning Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen sagt zu den Ergebnissen der neuen Untersuchung: »Die Selektion der Kinder in unterschiedliche Schul- und damit oft auch Lebenslaufbahnen nach vier oder sechs Schuljahren ist ein pädagogischer Unsinn allererster Güte. Die Schule soll das Können der Kinder fördern und sie nicht nach ihrem Nicht-Können sortieren. Gerade in den ersten Schuljahren brauchen Kinder eine Atmosphäre des Vertrauens, innerhalb derer sie wachsen und sich geborgen fühlen können. Stattdessen beginnt schon in den ersten Schuljahren für sie das Rennen um die besseren Karrierechancen. Das ist ein unmenschliches System. Statt zu sortieren, sollten wir die Grundschulen besser ausstatten: mit Zweitkräften im Unterricht und mit mehr Möglichkeiten zur Einzelförderung.« 

Für den Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung ist klar: »Die üblichen Formen der Leistungsdiagnostik und Übertrittsregelungen sollten überdacht werden.«

Die Studie ist als ePub innerhalb der App der Vodafone Stiftung Deutschland im Apple-Store und Android-Market sowie auf der Webseite von Vodafone abrufbar.