April 2008 Qualität in Schule und Unterricht

Inhaltsverzeichnis (als PDF zum Download)

Editorial (als PDF zum Download)

Thomas Jachmann
Der Augenhöhen-Blick.
Neue Unterrichtsformen in der Unterstufe

Wenn Sie durch einen Supermarkt gehen, ohne die Absicht irgend etwas zu kaufen und sich dabei aufmerksam beobachten, wie Sie sich angesprochen fühlen oder ärgern, wie Sie sich zum Kauf angetrieben fühlen und alten Kaufgewohnheiten nachgehen wollen, dann sind Sie ihr eigener Seelenbeobachter bei ihrem Einkauf.
Ich habe einen solchen Selbstbeobachtungsrundgang gemacht und dabei meine Gefühle und Willensimpulse beobachtet. Als erstes bin ich erschrocken, wie hilflos und offen ich dieser sonst so gewohnten Umgebung auf einmal ausgesetzt war, da alle Zielgerichtetheit plötzlich ausgeschlossen und ich dadurch sozusagen auf freien Rundumempfang eingestellt war. Mir wurde zuerst ganz schwindelig, und dann begann ich mich langsam mit meinen Gefühlen an die verschiedenen Eindrücke heranzutasten. Bei diesem Rundgang habe ich anfänglich bewusst erfahren können, was wir sonst bei einem gewöhnlichen Einkauf verträumen und verschlafen, weil wir in Gedanken so mit dem Einkauf beschäftigt sind.

Walter Riethmüller
Verflüssigte Identität in beschleunigten Zeiten.
Ihre Konsequenzen für die Pädagogik

Vom Leben bestraft zu werden, weil man zu spät kommt: Dieses mittlerweile geflügelte Wort aus der Zeit des Zusammenbruchs erstarrter politischer und gesellschaftlicher Systeme vor fast 20 Jahren drückt treffend das Lebensgefühl auch unserer Tage aus, die Sorge nämlich, nicht mehr mitzukommen mit der Geschwindigkeit der Produktionsprozesse, gepaart mit der Angst, entscheidende Entwicklungsschritte zu verpassen, und dem Zwang, sich immer wieder neuen veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen anpassen zu müssen. Der Langsame ist offensichtlich aus der Mode gekommen, und mit ihm auch die Langsamkeit, und das nur kurz nach ihrer »Entdeckung«, die literarisch so unerwartet erfolgreich war.

Christa Burkhardt
RrrrRRRrrr - ein Konsonant verschwindet

Wann haben Sie das letzte Mal »Rrrrr« gesagt? Oder ein ebensolches in einem Gespräch gehört? Ich meine, so ein richtig leidenschaftliches und bewusst rollendes »Rrrrr«? Gerrrrrade eben? Gesterrrrrn? Oder ist es länger herrrrr? Wenn für Sie Letzteres gilt, liegen Sie im Trend. Denn das R wird in der deutschen Sprache kaum noch gerollt. Wenn überhaupt, wird es angedeutet, ein einziges kleines »R-chen« wird hörbar. Das R stirbt. Und damit erleidet nicht nur unsere Sprache, damit erleiden wir als sprechende Spezies einen herben Verlust.
Was geschieht, was erleben wir im Laut R? Wir erzittern vor der Welt, sagt Rudolf Steiner. Das R ist der konsonantische Laut der höchsten Erregung, ein mitreißender, bewegter und bewegender Laut, ein Laut, der uns inspiriert und mit dem wir die Welt inspirieren.

Holger Grebe
Marion Gräfin Dönhoff.
Das 20. Jahrhundert im Spiegel einer Journalistin

Wer mit Jugendlichen arbeitet, der kennt ihre Vorliebe für Rebellen, Grenzgänger, Außenseiter. Prometheus steht den Oberstufenschülern näher als Zeus, Widerstand ist ihnen sympathischer als Anpassung, die Infragestellung der Welt wird besser ertragen als ihre bloße Bejahung.
Nun gibt es Menschen, die zwar äußerlich zum Establishment zählen, innerlich aber Rebellen sind. Zu ihnen gehört die 2002 verstorbene Journalistin Marion Gräfin Dönhoff. Ihre 93-jährige Lebensgeschichte umfasst alle Perioden der deutschen Geschichte zwischen Kaiserreich und Wiedervereinigung. Sie durchlebte diese Zeit mit einer »widerständigen«1 Kraft, die geeignet ist, viele Klischees aufzubrechen.

Rosemarie Wermbter
Schlittschuhlaufen lernt man im Sommer.
Zur Entwicklung des Gedächtnisses

In einer Zeit, in der eine Unmenge von Wissen im Computer gespeichert wird, in der uns überall Informationen entgegenleuchten und selbstverständlich ein Notizblock neben dem Telefon liegen muss, wird dem Gedächtnis des Menschen immer weniger zugemutet und zugetraut. Wenig in Anspruch genommen, verliert es meist an Zuverlässigkeit.
Nun gehört aber ein intaktes Gedächtnis zu den Grundvoraussetzungen des Menschseins überhaupt. Versagt es auch nur für kurze Zeit seinen Dienst, fühlen wir uns unbehaglich, nicht mehr ganz vollwertig. Verliert ein Mensch sein Gedächtnis ganz, dann hat er auch seinen innersten Wesenskern, sein Ich verloren und damit die Möglichkeit, sich sinnvoll in das Leben hineinzustellen. Der kontinuierliche Faden der Erinnerungen ist es, der uns die Gewissheit gibt, dieses eine, unverwechselbare Ich zu sein.
Und doch gibt es Zeiten im Leben - auch die Schlafperioden gehören dazu - , an die wir uns naturgemäß nicht erinnern können. Die ersten Jahre der Kindheit, in denen wir gewiss viel erlebt und erlernt haben, bleiben unserem Gedächtnis verschlossen. Unser Ich war noch nicht so mit dem Leib verbunden, dass dieser schon die nötige Widerlage für das Ich-Bewusstsein abgeben konnte.


Thema Qualität  (als Paket)

Quality Development Through Action Research.
Zusammenfassung einer empirischen Studie
(Martyn Rawson)

Die Frage nach der Qualitätsentwicklung in der Waldorfpädagogik wird international von vielen Seiten gestellt. Einerseits geht es dabei um die aktuelle Qualität der Pädagogik an den Schulen, anderseits stellt sich die Frage, wie man Waldorfschule eigentlich definiert und was ihre Qualität ausmacht. Was heißt »Waldorf-Qualität« in China oder Kasachstan? Und wer entscheidet darüber, ab wann eine Schule eine Waldorfschule ist? Eine »schöne philosophische Frage« könnte man denken, vor allem wenn man die Andersartigkeit des kulturellen Kontextes berücksichtigen will. Für die »Pädagogische Sektion« am Goetheanum oder die »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners« ist diese Frage allerdings nicht so theoretisch abzuhandeln.

Selbst-, Peer- und Fremd-Evaluation von Lehrern und Unterricht (Martyn Rawson)

In der pädagogischen Qualitätsentwicklung spielt die Evaluation von Unterricht und des Unterrichtens eine zentrale Rolle, weil der Lehr- und Lernvorgang ein Kernbereich der Qualität ist. Aber gerade dies ist einer der schwierigsten Bereiche überhaupt, weil es hier quasi um heilige Prozesse der Kreativität und Verwandlung geht. Der Mensch, ob Lehrer oder Schüler, wird in seinem Wesen angeschaut und beurteilt, offengelegt und bewertet. So wird es oft empfunden.

Berufseinführung, Hospitation und Mentorierung
(Richard Landl)

Vier Arbeitsgruppen haben sich auf dem Bundeskongress in Tübingen mit den Themen Berufseinführung, Mentorierung und Qualitätsentwicklung im Unterricht beschäftigt.

Zur Qualität des Englischunterrichts.
Nachklang zum Bundeskongress in Tübingen
(Ulrike Sievers)

Menschen sind unterwegs, die Welt rückt zusammen, wir schauen über den Zaun. Anlass der Reise war der Fachkongress zu Fragen der Qualität und Qualitätsentwicklung in Tübingen. Vorträge über Messmethoden und präzise Fragestellungen, über Kriterien und Zielsetzungen sowie zahlreiche Arbeitsgruppen zu Aspekten wie Kompetenzen, Differenzierung, Evaluation und Dialogfähigkeit hatten zwei Tage lang im Mittelpunkt gestanden und vielfältige Anregungen gegeben. Jetzt galt es, diese neuen Sichtweisen nach Hause zu bringen, ihnen ins Leben zu verhelfen.

Auf dem Weg zu Qualität. Bericht über einen Workshop (Christoph Barthelmeß)

Um es gleich vorweg zu nehmen: die Beteiligung war nicht überwältigend. Etwa zehn Eltern, neue Gesichter und alte Hasen, und etwa 25 Kollegen (die Beteiligung für Lehrer war verpflichtend) fanden sich im Neubau unserer Heidenheimer Schule ein, um dem Verfahren »Wege zur Qualität« wieder auf die Beine zu helfen.

Aus der Schulbewegung  (als Paket)

Waldorf auf der didacta (Christian B. Schad u.a.)

In ihrer Eröffnungsrede zur didacta wünschte sich die Bundesbildungsministerin Anette Schavan ein Klima innerhalb der gegenwärtigen Bildungsdiskussionen wie zu Zeiten der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu den größten Reformpädagogen jener Zeit gehört Rudolf Steiner. Die diesjährige didacta zeigte, dass viele Forderungen an eine moderne Schule und an eine altersgemäße Pädagogik tägliche Praxis in den Waldorfschulen sind. Was in zahlreichen Foren diskutiert wurde, konnte der Besucher ein paar Hallen weiter sehen. Am Stand der Waldorfschulen wurde deutlich, wie der Wunsch der Ministerin konkret umgesetzt wurde. Dieser Stand erstaunte selbst erfahrene Messebauer.
Drei Meter lange Eichenstämme, jeder etwa 800 Kilo schwer, die Rückenlehnen aus armdicken Ästen, bildeten ein Zentrum, welches zum Sitzen einlud. Von hier aus konnte man die Bühnenbeiträge ansehen. Daneben ein Tisch aus drei gestuften Eichenstämmen mit Glasplatten, an dem Erzieherinnen mit Schafwolle arbeiteten. Daneben hobelten Schüler Späne, um diese in Sitzkissen zu füllen, damit man es auf den Stämmen auch gemütlich hatte. Etwas weiter zwei Tische: an einem produzierten Schüler eine tägliche Radiosendung, am anderen war die Redaktion der täglichen Messezeitung.

Kunst und Natur. Ein Projekt für die Zwölftklassfahrt
(Dirk Wegner)

Das 12. Schuljahr der Waldorfschule kennzeichnet sich durch Ganzheitlichkeit: Die Hauptunterrichtsepochen haben Überblicks-charakter, und die diversen Abschlussprojekte wie Jahresarbeit und Klassenspiel fordern den ganzen Menschen in seiner Individualität und Gemeinschaftsfähigkeit. Die Klassenfahrt kann sich da einfügen, indem schon der Prozess der Zielfindung, inhaltlich-thematisch wie geographisch, zusammen mit der Klasse gestaltet wird. Hier soll von einem Klassenfahrtsprojekt berichtet werden, das mittlerweile zweimal (in unterschiedlicher Ausgestaltung und an verschiedenen Orten) mit sehr positiver Resonanz der Beteiligten durchgeführt wurde.

»Dislocierte« Klasse. Eine beispielhafte Initiative engagierter Eltern und Pädagogen (Michael Harslem)

Donnerstagmorgen, 8 Uhr früh auf dem Parkplatz von St. Virgil. Wie jeden Donnerstag macht sich die ganze Schulgemeinschaft bei Wind und Wetter an den Aufstieg. Etwa 300 Höhenmeter liegen vor der achtköpfigen altersgemischten Schülergruppe und ihren Lernbegleitern. Macht sich manch einer noch mit gemischten Gefühlen auf den einstündigen Weg, verfliegen diese schnell in der Bewegung. Der Pfad schlängelt sich durch den lichten, von Laubbäumen beherrschten Mischwald den Gaisberg hinauf. Viele Möglichkeiten und Herausforderungen bieten sich an: umgestürzte Bäume, Steilhänge, Abkürzungen, Umwege … Endlich oben, auf dem auf 700 Meter gelegenen Demeter Bergbauernhof der Familie Radauer angekommen …

»Storchennest« Eine pädagogische Insel in der Westukraine (Ihor Terletskyj)

Seitdem auch die Westukraine, das ehemalige Galizien, 1991 die Unabhängigkeit erworben hat, verändert sich immer wieder Einiges auf dem Feld der Pädagogik. Allerdings betreffen diese Veränderungen nur die äußere Form - geprägt ist die Pädagogik weiterhin ihrem Inhalt nach von den Vorstellungen der Sowjetzeit. Neue lebendige Wege können in der ukrainischen Pädagogik im Wesentlichen nur Privatinitiativen gehen. Zum Glück werden Waldorfkindergärten und -schulen vom Staat geduldet, weil diese Pädagogik als ein experimentelles Feld vom Bildungsministerium angesehen wird.

Der neue Bundesvorstand (Albrecht Hüttig)

Zeichen der Zeit  (als Paket)

Glosse. Das Frankfurter Memorandum oder wie sich Anthroposophen diskriminieren (Max Mustermann)

Ende Januar 2008 fand auf einem Hof in Niederursel, dem geheimen Mekka der Anthroszene, wo jeder Dörfler eine Mission hat, ein konspiratives Treffen anthroposophischer Redakteure und Öffentlichkeitsarbeiter statt. Es ging um die Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner und dessen - jetzt von einem bei der UNO akkreditierten niederländischen Wahrheitsinstitut objektiv nachgewiesenen - diskriminierenden Äußerungen gegenüber Juden, Negern und Rothäuten. Die Europäer wurden trotz belastenden Beweismaterials leider übersehen. - Wie man die Nase gestrichen voll hatte von der agnostischen Leier der atheistischen Linken, die nicht aufhören wollten, zu nerven und ihre akademischen Netzwerke und Seilschaften zu spannen, und den orthodoxen Dogmatikern und Steiner-Exe-geten aus Stuttgart und Dornach, die ständig ein Dementi riefen und wachsweiche Erklärungen abgaben. Damit lässt sich die an echten spirituellen Fragen interessierte Mehrheit der Bevölkerung - weltweit - , schon gar nicht die moderne, dialogbereite Anthroposophenschaft abspeisen!

Fakten zum Frankfurter Memorandum (Mathias Maurer)

Der Märzausgabe der Zeitschrift Info3 liegt ein Diskussionspapier »Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner - Entwurf eines Memorandums« bei. Auf einem abschließenden Fachsymposion soll der Text beraten werden. Dieser Text soll dann von möglichst vielen Menschen unterzeichnet, nochmals publiziert und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Teilnahme an dem Symposion erfolgt nur auf Einladung. Voraussetzung ist ein vorab schriftlich eingereichter Beitrag bzw. Kommentar, der bis zum 30. Mai 2008 erfolgen muss.

Im Gespräch

Täter und Opfer (Wolfgang Debus)
Leserbrief zu dem Beitrag »Bekenntnis« von Johannes Widmann, in »Erziehungskunst« 11/2007, Themenheft Mobbing

Neue Bücher  (als Paket)

Jungen in Not
Andreas Neider (Hrsg.): Brauchen Jungen eine andere Erziehung als Mädchen? Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensent: Angelika Ludwig-Huber

Dr. Sommer
Markus Sommer: Fragen an den Hausarzt. Krankheiten verstehen - sich selbst helfen - gesund werden. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensent: Solveig B. Müller

Lernen zu Hause
Thomas Spiegler: Home Education in Deutschland: Hintergründe - Praxis - Entwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
Rezensent: Stefan Sedlaczek

Nothilfe für Kinder
Johannes Wilkes: Der kleine Kindertherapeut. dtv, München 2007
Rezensent: Bernhard Mrohs

Geheimnisse der Sprache
Erika Beltle: Was die Sprache versteckt hält. Vom Zauber ihrer Kunstmittel - Gesammelte Schriften zur Ästhetik. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2007
Rezensent: Alain Denjean

Blinder Gipfelstürmer
Erik Weihenmayer: Ich fühlte den Himmel. Ohne Augenlicht auf die höchsten Gipfel der Welt. Verlag Serie Piper, München 2007
Rezensent: Johannes Roth

Mensch werden
Anton Kimpfler: Mensch werden mit den Widersachern. Unser Weg zwischen Luzifer und Ahriman. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2006
Rezensent: Jürgen Spreemann

Drachensteine
Geraldine McCaughrean: Die Drachensteine. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensent: Christina Meinecke-Bürger

Der Krähenmann 
Bert Kouwenberg: Der Giftmischer von Siena. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2007
Rezensent: Bernhard Mrohs

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