Juni 2008 Thema: Burn Out

Inhaltsverzeichnis (als PDF zum Download)

Editorial (als PDF zum Download)

Ulrich Herrmann
Pension oder Prävention?
Lehrergesundheit zwischen Burn-out und Vorbeugung

»Liebe Frau Kollegin, lieber Herr Kollege, in welchem gesundheitlichen Zustand wollen Sie das Schuljahresende erreichen?« So müsste eigentlich jeder Schulleiter am Schuljahresanfang in seinem Kollegium herumfragen. Und wenn das Schuljahr erst mal in Gang gekommen ist, müsste er den einen und die andere zu einem vertraulichen Gespräch bitten: »Ich habe den Eindruck, dass Sie sich in den Ferien nicht gut erholt haben. Könnte es sein, dass …« Und im Laufe des Schuljahres müsste man das Thema »Gesund leben und arbeiten in unserer Schule« auf die Tagesordnung von Konferenzen und pädagogischen Tagen, von Elternabenden und Klassenlehrerstunden setzen.

Gerda Brändle
Zwischen Anspruch und Burn-out
Im Gespräch mit dem Psychotherapeuten Markus Treichler

In Deutschland arbeiten rund 800.000 Menschen als Lehrer. Zwölf Wochen Ferien und nur einen halben Tag arbeiten: Viele glauben, Lehrer haben einen leichten Beruf. Aktuelle Studien hingegen belegen, dass sie einer höchst belasteten Berufsgruppe angehören. Der Krankenstand bei Lehrern ist dreimal höher als bei anderen Arbeitnehmern. Viele von ihnen gehen vorzeitig in den Ruhestand wegen psychischer oder psychosomatischer Störungen. Markus Treichler ist seit 1975 Leitender Arzt der Abteilung für Psychosomatik/Psychotherapie und Kunsttherapie an der Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden bei Stuttgart. Seine meisten Patienten sind Lehrer, insbesondere Lehrerinnen.

Eckhard Schiffer
Burn-out bei Lehrern

Das Unbehagen überkommt Katja jeden Morgen, ändert sich im Laufe eines Schulvormittages nur wenig. Auch nicht in ihren starken Fächern Deutsch und Biologie. Die - von ihr zumindest so empfundene - Arroganz ihres Physiklehrers steigert das Unbehagen bis zur Übelkeit. Sie zieht dann innerlich die Notbremse und »schaltet ab«, obgleich sie sich eine Fünf in Physik gar nicht leisten kann. Hinter den lustlos vorgetragenen Erklärungen des Lehrers hört sie immer nur den Satz: »Die meisten Mädchen kapieren das sowieso nicht …« Dabei hatte sie den Physiklehrer anfangs in seiner fast noch jungenhaft unbeholfenen Art ganz sympathisch gefunden. Um so größer war später ihre Enttäuschung. - 

Dagmar Möbius
Prävention muss sein
Forschungsprojekt zur Erhaltung der Lehrergesundheit

»Wahrscheinlich gibt es nicht viele Berufe, an die die Gesellschaft so widersprüchliche Anforderungen stellt: Gerecht soll er sein, der Lehrer, und zugleich menschlich und nachsichtig, straff soll er sein, doch taktvoll auf jedes Kind eingehen, Begabungen wecken, pädagogische Defizite ausgleichen. Suchtprophylaxe und Aids-Aufklärung betreiben, auf jeden Fall den Lehrplan einhalten, wobei hochbegabte Schüler gleichermaßen zu berücksichtigen sind wie begriffsstutzige. Mit einem Wort: Der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordsüdlicher Richtung zu führen, und zwar so, dass alle bei bester Laune und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.«

Franziska Spalinger
Dialog zwischen innen und außen

Blickt man auf die in den letzten 20 Jahren aufflammenden Themen im sozialen, psychologischen und medizinischen Bereich, so kann man leicht Schwerpunkte erkennen, die in den Medien breiten Niederschlag gefunden haben. Das so genannte POS-Phänomen ist längst verschwunden, von Phosphatgeschädigten wird momentan kaum berichtet, das Thema der sexuellen Übergriffe hat seine Spitze erreicht, die Ergebnisse der modernen Hirnforschung haben Hochkonjunktur. Relativ neu aufgekommen ist das Thema Mobbing. Auch das vorliegende Themenheft zum Thema Burn-out-Syndrom reiht sich in die verschiedenen aktuellen Abhandlungen, Untersuchungen und Veranstaltungen ein. - Handelt es sich also nur um ein Modethema, das von Trendforschern aufgegriffen und »auf den Markt« geworfen wird?

Thomas Marti
Macht Idealismus krank?

Die Lebensumstände in der modernen Gesellschaft und ihre Ideale punkto Bereitschaft zu Verantwortung, Arbeitsleistung, Mobilität, Information und Kommunikation stellen eine immense Herausforderung dar für die seelisch-geistige Gesundheit des einzelnen Menschen. Diese Ideale und die Macht, die von ihnen ausgeht, führen leicht zu einer Überforderung und damit zu einem Raubbau an den Kräften des Menschen. Ein Zusammenbruch und der Verlust der vitalen Lebensfähigkeit muss die Folge sein. Der Idealismus der modernen Gesellschaft ist zu einer der größten Herausforderungen für die Gesundheit geworden. Er erfordert ein neues Gleichgewicht zu den seelisch-geistigen Ressourcen des Individuums.

Christof Wiechert
Burn-out aus biografischer Sicht

Es soll nicht Aufgabe dieses Beitrages sein, über das »Burn-out«-Phänomen mehr zu sagen, als die empirischen Wissenschaften es tun, nämlich dass es sich um einen Erschöpfungszustand handelt, der massiver kaum auftreten kann. Es soll aber der Versuch unternommen werden, aus einer anderen Perspektive als der üblichen zur Diskussion über das Burn-out-Phänomen beizutragen.

Ein relativ junger Kollege kommt mit einem etwas älteren Kollegen zusammen, und sie beide werden gebeten, das Gründungskollegium für eine Waldorfschule zu bilden. Die Schule wird auch gegründet, ein Lehrerkollegium gebildet, ein Schulverein, ein Gebäude gesucht, und viele Kinder strömen in den Kindergarten und in die zwei Gründungsklassen ein. Der Schülerzufluss ist ungebremst, und schon nach wenigen Jahren muss ein neues Gebäude gesucht werden. Da es das in der Umgebung nicht gibt, wird ein Neubau geplant. Dazu müssen die Finanzen aufgebracht, eine Baukommission ins Leben gerufen, die Architektenwahl (Eltern oder keine Eltern) durchgeführt werden und so weiter. Tatsache ist, zehn Jahre nach der Gründung der Schule steht ein prächtiger Neubau, der mit großer Freude und festlich bezogen wird.


Thema: Qualität

Die Qualität der Waldorfpädagogik - Versuch einer Annäherung (Edwin Hübner)

Drei gebildete Menschen, die häufig über Qualität sprachen, wurden unerwartet auf die Probe gestellt: »Können Sie mir sagen, was Qualität ist?« Kurzes Schweigen und dann folgten wortreiche Umschreibungen. Keiner konnte eine befriedigende Antwort geben.
Das gibt Anlass zu vermuten, dass in der gegenwärtigen Diskussion über Qualität und Qualitätssicherung keiner so recht weiß, was Qualität eigentlich ist. Was ist Qualität? Wohl jeder hat das unbestimmte Gefühl, dass Qualität eine sehr wichtige Eigenschaft einer Sache ist - aber, was ist Qualität?


Aus der Schulbewegung  (als Paket)

Der Verschwender - Wie ein Acht-Klass-Spiel entsteht (Bernd Kettel)

Mit einem Klassenspiel ist es wie mit einem guten Essen: Es bedarf langer Vorbereitung und nicht unerheblicher Mühe und Sorgfalt, um den Gaumenschmaus zuzubereiten, und dann ist das Erlebnis des Genusses innerhalb kurzer Zeit vorüber. Auch beim Klassenspiel neigt man gerne dazu, den Wert desselben in der Aufführung zu sehen, denn darin offenbart sich für den Zuschauer die Summe aller vorangegangenen Anstrengungen. Ich möchte deshalb einen Blick hinter die Kulissen werfen, um die vielfältigen pädagogischen Ansatzpunkte aufzuzeigen, die in einem solchen Unternehmen liegen.

Improvisation als Unterrichtsfach (Ulrich Maiwald)

In der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten finden im Rahmen des klassenübergreifenden Kunsthandwerks-Blocks der Jahrgangsstufen 11 und 12 regelmäßig Improvisationskurse statt. In einem Zeitrahmen von vier Wochenstunden setzen sich die Schüler ein Quartal, also etwa acht Wochen, mit den Grundlagen des Improvisationstheaters auseinander. Die Motivation, einen solchen Kurs zu belegen, kann sehr unterschiedlich sein und reicht von der bloßen Freude am Theaterspiel bis hin zu dem Vorsatz, eigene Ausdrucksblockaden zu überwinden.

Song of Waitaha - Aufführung eines Vermächtnisses (Winfried Altmann)

Das »eurythmisch-sinfonische Theaterspektakel« Waitaha, das Ende März 2008 im Großen Saal des Goetheanum durch 145 Schülerinnen und Schüler der Rudolf-Steiner-Schule Mittelrhein (Neuwied) und des Landesmusikgymnasiums Montabaur uraufgeführt wurde (weitere Vorstellungen gab es am 19. und 20. April in der Stadthalle von Ransbach-Baumbach in der Nähe von Neuwied), basiert auf den Texten und Geschichten des Buches »Song of Waitaha. The Histories of a Nation« (Neuseeland 1994 und 2003, deutsche Ausgabe Dornach 20061). Erst durch diese Veröffentlichung erfuhr die Welt von der alten matriarchalischen Friedenskultur der Waitaha, die durch lange Zeit den polynesischen Teil des Pazifiks prägte, bis sie in den letzten 700 Jahren durch patriarchalisch-kriegerische Maori-Völker mehr und mehr verdrängt und ausgelöscht wurde. Vor etwa 270 Jahren gingen die Lehrer und Priester der Waitaha in den Untergrund, damit ihr reiches esoterisches Wissen nicht untergehe; es wurde in geheimen Mysterienschulen weiterhin von Generation zu Generation an dafür besonders vorbereitete Menschen weitergegeben. Erst 1986 beschlossen die Ältesten, wieder aus dem Untergrund hervorzutreten und die Überlieferungen der Waitaha zu veröffentlichen. Der letzte heute noch lebende traditionell eingeweihte Weisheitsträger und spirituelle Lehrer ist Te Porohau (Peter) Ruka Te Korako. Er ist der Erzähler vom »Song of Waitaha«, in dem er eine Auswahl und Zusammenfassung der alten Gesänge (chants) in freier Form und heutiger Sprache (Englisch) erzählt.


Anfrage mit Folgen (Silvia Vögele)

»Könnt Ihr Euch vorstellen mit Eurythmie und Orchester einen Abend auf der Weltlehrertagung zu gestalten?« Mit dieser Frage trat Christof Wiechert an meinen Mann und mich im September 2006 heran. Ja, das konnten wir uns vornehmen und vorstellen, ohne zu wissen, was nun alles auf uns zukommen wird. Auch das Kollegium stimmte diesem Vorhaben zu. »Aber bitte nicht zu deutschlastig, denn es sollen sich Menschen aus 56 Ländern angesprochen fühlen.« Das war die Vorgabe.
Vom Ganzen in die Teile war unser Weg; es galt, einen Text zu finden, ein Thema, sub-stanzvollen Inhalt, der viele anspricht. Wir fanden, was wir suchten, in dem Buch »The Song of Waitaha«, denn was kann globaler und umfassender sein, als eine Friedensbotschaft, die von den Antipoden, aus Neuseeland kommt? Ein Buch voller Imaginationen über die »Entstehung von Himmel und Erde«, wunderbar geeignet für die Eurythmie. Wir fassten das Buch zu einem Weg des Volkes zusammen, der dann im künstlerischen Konzept vom Geistigen ins Physische und wieder ins Geistige führte. Daraus erwuchs die Konsequenz, für den tiefsten Inkarnationspunkt des Volkes Bewegungstheater nach »Jacques Lecoq« einzusetzen.

Schule als Lebensraum
Ganztagsschulprofis zu Gast in der Frankfurter Waldorfschule
(Walter Hiller)

Der diesjährige Landesverbandstag der hessischen Ganztagsschulen fand am 7. Mai in der Frankfurter Waldorfschule statt. Einerseits liegt es auf der Hand, dass sich Waldorfschulen mit ihrer reichen Erfahrung mit Schulküche, Hausaufgabenbetreuung, Nachmittagsunterricht und weiteren besonderen Aktivitäten nicht nur als Lern-, sondern vielmehr auch als Lebensort in die aktuelle Debatte einmischen. Andererseits hat aber gerade der Status der Waldorfschule als nichtstaatliche (»Privat«-)
Schule die Wirkung, von den Pädagogen an den staatlichen Schulen eher als Sonderfall denn als interessantes Beispiel gesehen zu werden.

Impulse für Sozialkundelehrer (Jochen Ketels)

Die vor Jahren begonnene Arbeit von Sozialkundelehrern (siehe »Erziehungskunst« 6/2003) hat an Substanz gewonnen. Ein gewachsener Kreis von Kollegen trifft sich jährlich an einem Wochenende zu den Fragen, die nicht nur zum Thema in den Fächern Wirtschaft und Politik gestellt werden können, sondern die vielen Zeitgenossen und insbesondere jeden Heranwachsenden mehr oder weniger bewusst umtreiben. Es sind die Fragen nach der Zukunft der Arbeit, nach der Würde des Menschen angesichts sich verschärfender Gegensätze zwischen Arm und Reich, nach der Realität und Wirksamkeit der abenteuerlichen Finanzmärkte, nach einer Erkenntnis der Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen in einer globalisierten Welt usw.

Zeichen der Zeit

Schulen als Geldmaschinen (Wilhelm Neurohr)

Jede Woche werden in Deutschland ein bis zwei private Schulen gegründet; jedes Schuljahr kommen 80 bis 100 allgemeinbildende Schulen in privater Trägerschaft hinzu, während staatliche Schulen schließen müssen, weil deren Schülerzahl sinkt. Privatschulen haben nach dem PISA-Schock Hochkonjunktur, zumal der Anteil leseschwacher 15-jähriger Schüler EU-weit auf 25% angestiegen ist. Über 20 bis 30% aller Eltern würden gerne ihre Kinder auf eine Privatschule schicken, aber die 7,5% Schulen in freier Trägerschaft können die Nachfrage bei Weitem nicht abdecken. Nur jeder 14. Schüler besucht in Deutschland eine Privatschule; die Wartelisten sind lang und die Staatsschulen sind herausgefordert, sich zu wandeln.


Im Gespräch  

Wissen Kinder, was sie brauchen? (Otto Knerr)

In einer 9. Klasse ist eine Chemiearbeit geschrieben worden. Lehrer und Schüler hatten einen Kriterienkatalog erstellt, nach welchem Marcos Lösungen der Aufgaben nahezu optimal waren. Geht doch aber dieser junge Mann zu seinem Lehrer und beklagt sich: »Was ich von meiner Arbeit halte, die Punktzahl, interessiert mich wenig, aber Ihr Urteil, Sie sind der Fachmann!«
Merkwürdig, erwartet hätte man doch eher etwas anderes, z.B.: »Was Sie von meiner Arbeit halten, ist für mich nicht so wichtig; nach unserer Liste habe ich so und so viele Punkte!« Schließlich trägt der Oberstufenschüler die Verantwortung für seinen Lernfortschritt selber, er schätzt sich und seine Fähigkeiten ein und reflektiert sein Lernen. Von der Anleitung und dem Einfluss des Lehrers ist er weitgehend unabhängig: Die neue Lernkultur.


Neue Bücher  (als Paket)

Fantasie
Hartwig Schiller/Christof Wiechert (Hrsg.): Fantasie. Von den schöpferischen Kräften der Erziehung. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensentin: Manuela Ziegert

Paradigmenwechsel
Johannes Kiersch: Vom Land aufs Meer. Steiners Esoterik in verändertem Umfeld. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Rezensent: Lorenzo Ravagli

Balance halten
Andreas Neider: Medienbalance. Erziehen im Gleichgewicht mit der Medienwelt. Ein Elternratgeber. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Rezensent: Christian Boettger

Temperamente
Helmut Eller: Die vier Temperamente.  Anregungen für die Pädagogik. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensentin: Frauke Hildebrand

Armut als Schicksal
Jelle van der Meulen: Armut als Schicksal. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2007
Rezensentin: Solveig B. Müller

Brettspiele
Frank Egholm: Brettspiele aus Holz, selbst gemacht. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Rezensent: Thomas Bock

Sklavenschicksal
Julius Lester: Im Gedächtnis der Zeit. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensentin: Mareike Stutz

Dshiras Geheimnis
Christa Ludwig: Die Siebte Sage. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensentin: Mareike Stutz

 

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