Heft 2 Februar 2009

Inhaltsverzeichnis (als PDF zum Download)

Editorial (als PDF zum Download)

Renata Wispler
Was reift denn da?
Anthropologische Grundlagen der Schulfähigkeit

Der Begriff der Schulreife ist aus dem Sprachgebrauch des öffentlichen Schulwesens verschwunden. Seit die Früheinschulung vorangetrieben wird, ist die Schulreife durch den etwas weicheren Begriff der Schulfähigkeit ersetzt worden. Es bleibt aber die Frage, was wird bei dem Kinde reif, oder was befähigt es, in die Schule zu gehen, dort äußerlich still zu sitzen und innerlich in Lernprozesse einzusteigen? Was muss geschehen, damit das Kind schulreif wird?

Ingrid Ruhrmann
Reifung und Nachreifung  
(im Paket mit "Hilfreiche Schritte bei Legastenie", Rosemarie Wermbter)

»Ich finde, verzeihen Sie das harte Wort, daß die meisten Menschen höchst ungeschickt sind […] Wenn ich Umschau halte über die achthundert Kinder, die wir an der Waldorfschule haben […] Sie werden überall bemerken, dass dieses Hineingegossensein des astralischen Leibes und der Ich-Organisation in die physische Organisation bei den meisten Menschen fehlt, weil wir in der Hochblüte des intellektualistischen Zeitalters leben […] Das Intellektuelle ist nur geeignet ins Knochensystem und seine Beweglichkeit einzugreifen, aber das muß es mit Hilfe der Muskeln tun. […] Die Ausbildung von Muskeln an den Knochen hängt davon ab, daß große Vorbilder in der Welt vorhanden sind. Selbst wenn der Mensch nur dem Gedanken nach auf Vorbilder hinschauen kann, entwickelt sich ein Ineinandergreifen des Muskel- und Knochensystems.« (Rudolf Steiner am 1.7.1924 vor Heilpädagogen)Was würde Rudolf Steiner wohl zu unserer Situation heute sagen? - Vielleicht: Fangt heute an, an eurem Gottvertrauen zu arbeiten. Werdet echte, authentische Vorbilder. Macht euch auf den Weg, ihr müsst es nicht können. Seid den Kindern unverdrossen lernende, übende Vorbilder. Entwickelt Bewusstsein, seid erfindungsreich, sucht nach etwas, was ins Schicksal dieser Kinder eingreift, denn selbstverständlich muss eingegriffen werden. Handelt verantwortungsbewusst und mit esoterischem Mut! Überwindet Eure Antipathie und Sympathie für diese schwierigen Erscheinungen bei den Kindern durch ein tiefes, empathisches Interesse! So hat Rudolf Steiner an die Heilpädagogen im Sommer 1924 appelliert und er würde seinen Appell wohl genauso, eher noch deutlicher, an uns richten.

Rosemarie Wermbter
Hilfreiche Schritte bei Legasthenie   
(im Paket mit "Reifung und Nachreifung", Ingrid Ruhrmann)

Vor Jahren, als die Legasthenie noch nicht so gründlich erforscht war wie heute, betreute ich einige Kinder mit auffallenden Lese- und Rechtschreibschwächen in Nachhilfestunden außerhalb der Schule.
Wenn nun ein Kind - immer im Einzelunterricht - neben mir sitzend seine Leseversuche machte, hatte ich den Eindruck, dass es wie ein Vögelchen über dem Text, über einem Worte schwebend, hie und da nach einem Buchstaben pickte, auch einmal einen größeren Brocken erhaschte. Es tauchte nicht bis in die Ebene hinab, in der ein lineares, kontinuierliches Hintereinander vonnöten ist.

Brigitte K. von Schwarzenfeld
Vier oder Fiehr?
Legasthenie - eine unerkannte Fähigkeit

Mir liegt das Thema »Legasthenie« am Herzen, weil ich das Leid und die Last, die dieses Wort für ein Kinderleben - ja, für eine ganze Biografie - bedeuten kann, aus eigener Erfahrung in meiner Familie kenne. Mein erster Mann und mein jüngster Sohn sind Betroffene. Aber auch in 27 Jahren Waldorflehrer-Dasein und jetzt in meiner Förderpädagogischen Praxis bin ich täglich mit Kindern und jungen Menschen zusammen, denen trotz guter Begabung die Schule zu einem Ort der Qual geworden ist.

Ernst Westermeier
Lese- und Schreibschwäche verstehen
Kulturtechniken aus menschenkundlicher Sicht

»Im Urbeginne war das Wort«. Mit diesen Worten beginnt das Johannes-Evangelium. Wenn es um die ganze Größe des Themas Schreiben bzw. Lese-/Rechtschreibschwäche geht, haben diese Worte für mich eine zentrale Bedeutung. In seinen Vorträgen über das Johannes-Evangelium von 19082 führt Rudolf Steiner aus, wie aus dem Weltenwort (dem Logos) die ganze Welt entstanden ist. In dieser Welt und als ein Teil dieser Welt ist auch der Mensch entstanden als ein Wesen, aus dessen Innenraum das Menschenwort so erklingen kann,  dass es wieder zu dem Logos emporsteigt.
Mit diesem kurzen Hinweis sei auf zwei grundlegende Entwicklungsrichtungen hingedeutet, die allem Menschsein zugrunde liegen. Auf die eine Seite gehört alles das, was die sichtbare Welt in der Vergangenheit geschaffen hat, was zur Form, zur Gestalt, zum Innenraum führt. Auf die andere Seite gehört all das, was aus diesem Innenraum als Klang, als Sprache, als Sich-ausdrücken-Wollen, als etwas Neues, Zukünftiges heraus ertönt.

Hartmut Sautter
Achtung vor der Andersheit.
Von der Schwierigkeit, den Menschen hinter seinem Verhalten zu sehen. Beispiel Autismus

Janusz Korczak hat in einer Zeit unsagbarer Menschenverachtung eine Pädagogik der Achtung nicht nur geschaffen und reflektiert, er hat sie mit »seinen« Kindern im Warschauer Ghetto gelebt.*
Heute leben wir in einer Zeit, die charakterisiert ist durch ein häufiges Nicht-Achten der Anderen, manchmal mit dem Ausmaß des Miss-Achtens. Als entsprechendes Stichwort für die gegenwärtige Situation kennen wir den Begriff des Individualismus: Jeder ist eingehüllt, eingekerkert in seine eigenen Lebensbezüge, Probleme und Angelegenheiten - der Blick auf den Mitmenschen ist nicht nur verstellt, oft wird er erst gar nicht versucht. Und dort, wo wir ihn versuchen, bringen wir in der Regel unsere eigenen Maßstäbe, unsere eigenen Beurteilungskriterien kaum reflektiert mit ein, und dies umso mehr, je andersartiger, fremdartiger das Verhalten des anderen Menschen auf uns wirkt. »Die biologisch argumentierende Intoleranz, d.h. die Denunziation alles Fremdartigen mit Verweis auf eine naturgegebene Idealnorm, gehört keineswegs der Vergangenheit an.«1

Aus der Schulbewegung  (als Paket)

36 Kinder und 250 Kilometer.
Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela
Nathan Tsangaris (Schüler), Felisa Garcia (Schülermutter), Christian Bauer (Klassenlehrer)

Vom Monte del Gozo sieht man zum ersten Mal die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela, wo die Gebeine des heiligen Jakob, Jünger Jesu und Bruder des Johannes, liegen.
Nur kurz blicken wir von dem Hügel hinab, um die Turmspitzen inmitten der Stadt zu suchen. Noch fünf Kilometer, die wir, so scheint es, im Fluge zurücklegen. Lange geht es durch die Vorstadt, bis wir endlich am Porta do Camino stehen, dem mittelalterlichen Einlass in die Stadt. Nur noch wenige Meter! Die Kinder rennen durch die engen Gassen, die Passanten schauen uns lächelnd nach. Und dann stehen wir vor der Kathedrale, unserem Ziel. Wir fallen uns in die Arme, mancher hat Tränen in den Augen, wir fotografieren uns stolz, und dann bilden wir einen großen Kreis und singen unsere Klassenfahrt-Hymne Laudato Si. Geschafft! Alle 36 Kinder sind gesund und glücklich angekommen.
Am nächsten Tag holen wir unsere Pilgerurkunden ab und gehen in die Pilgermesse, in der wir erwähnt werden; nun noch den Heiligen umarmen und unsere Pilgerfahrt ist beendet.

Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht …
Arbeitsgemeinschaft zum Thema Früheinschulung in Bayern
Petra Plützer, Mitglied des Vorstandes der Freien Waldorfschule Chiemgau in Prien

»Früheinschulung und ihre Gestaltungsspielräume« - unter dieser Überschrift werden sich am 16. Mai 2009 zum vierten Mal Vertreter und Vertreterinnen von Waldorfkindergärten und
-schulen treffen, um sich über eine gesetzliche Vorgabe auszutauschen, die nicht nur hier, sondern bundesweit Waldorfpädagogen ratlos stimmt. Schulreif mit fünf? In Bayern sind alle Kinder schulpflichtig, die bis zum 31. September eines Jahres sechs Jahre alt werden. Das eigentliche Ziel der Regierung war es, diesen Stichtag rigoros bis zum 31.12. auszudehnen. Aber zäher Widerstand von allen Seiten hatte ein wenig Erfolg: ab Oktober entscheiden die Eltern über eine mögliche Rückstellung, nicht die aufnehmende Schule.

Schulärzte und Pädagogen.
Förderlehrertagung 2008 in Dornach
Ernst Westermeier

Vom 26. bis 29. Oktober 2008 fand in Dornach zum zweiten Mal parallel zur Schulärztetagung eine eigenständige Tagung der Förderlehrer an Waldorfschulen statt. Über 120 Teilnehmer waren ans Goetheanum gekommen, um sich auszutauschen und gemeinsam zu arbeiten. 2005 und 2006 hatten die Schulärzte die Förderlehrer erstmals eingeladen. Dabei zeigte sich ein starkes Bedürfnis der Förderlehrer, sich zu treffen, sich auszutauschen und an den Grundlagen des Förderunterrichtes zu arbeiten.

MP3, Handy und DVD in der 9. Klasse
Erst digital, dann analog
Florian Schulz, Wilfried Sommer

Einen MP3-Player, ein Handy oder einen DVD-Player zu benutzen ist leicht und schön, sie zu verstehen ist herausfordernd und wunderbar zugleich. Ein Stück Zivilisation wird in seinem Funktionsprinzip erkannt. Schülerinnen und Schüler, durch den Unterricht vor diese Herausforderung gestellt, dürfen sich als Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Zeit fühlen. In diesem Sinne kann der Physikunterricht zu einem Stück gelebter Zeitgenossenschaft werden.

Zwiegespräche
Theaterpädagogische Arbeit an Dialogen
Ulrich Maiwald

»Zwiegespräche« - unter diesem Titel fand eine Aufführung von dreizehn Schülerinnen und Schülern der elften und zwölften Klasse der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten als Ergebnis eines etwa zwölfwöchigen Schauspielkurses statt. Seit vielen Jahren ist neben den Klassenspielen in Klasse acht und zwölf der Unterricht in Improvisationstheater, Sprechkunst und Schauspiel fester Bestandteil des Kunstunterrichtes unserer Oberstufe.
Der diesjährige Schauspielkurs stand unter dem Motto »Den Dialog suchen«. Neben dem literarischen stand hier vor allem der soziale Aspekt im Vordergrund. Schauspiel als Medium der Fremd- und Selbstbegegnung sollte geübt und erfahren werden. Denn eine bewusste Schulung der Empathiefähigkeit ist die Voraussetzung für eine reale Begegnung auf der Bühne - und im Alltag - und bedarf der Vertiefung.
»Schon weil du bist, sei dir in Dank genaht«

Tagung zur Jugendpädagogik in Hamburg
Andre Bartoniczek, Britta Lichtenberg, Jürgen Paul

Zum Akademietag der Pädagogischen Akademie am Hardenberg Institut mit dem Thema »Entwicklungshilfe - aber wie? Über den Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten, seelischen Krisen und Nöten von Kindern und Jugendlichen« trafen sich am 27.9.2008 etwa 150 Menschen in Hamburg. Die seelischen Nöte von Jugendlichen, mit denen Eltern und Lehrer heute zunehmend konfrontiert sind, müssen erst einmal in ihrem Charakter erkannt werden. Dazu bedarf es wacher Wahrnehmung und treffender Begriffsbildung einerseits und der Kenntnis der vorhandenen Möglichkeiten andererseits.

Wie geht es weiter mit der
Neuen Erziehungskunst
Christian Boettger

Nachdem der Vorstand in mehreren Konferenzen des Bundes der Freien Waldorfschulen das Konzept für die neue Erziehungskunst vorgestellt hat und immer wieder für die Weiterentwicklung der Zeitschrift eingetreten ist, ist mit dem unten stehenden Brief der nächste Schritt in Richtung zu einer Entscheidung gegangen worden. Alle Schulen wurden gebeten, für die Mitgliederversammlung im März 2009 die untenstehende Frage (auf Seite 190, rot markiert) zu beantworten. Wir hoffen, dass die Voten der Eltern in die Entscheidungen miteinbezogen werden.
Wir gehen davon aus, dass alle Abonnements im Jahr 2009 noch nach dem bisherigen Verfahren laufen werden. Über eine Umstellung werden Sie rechtzeitig zum neuen Jahr informiert werden.
Einige Schulen haben schon entschieden. Die Entscheidung des Waldorfschulvereins Wendelstein soll an dieser Stelle abgedruckt werden, weil damit eine interessante Finanzierungsidee Schule machen kann.

Zeichen der Zeit  

Finanzkrise:
Saugpumpe - Pyramidenspiel - achtes Weltwunder?

Helmut Creutz

»Bis 1929 und - 30, also bis zum Beginn der Wirtschaftskrise, hatte eine gewaltige Saugpumpe einen zunehmenden Anteil des erzeugten Reichtums in wenige Hände umgeleitet […] und so die Kaufkraft aus den Händen der Mehrheit genommen […] Die Massenproduktion der modernen Industriegesellschaft beruht aber auf einem Massenkonsum, und dieser setzt die Verteilung des Reichtums voraus […], um die Menschen mit einer Kaufkraft auszustatten, die der Menge der von der Wirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen entspricht.« Dieses Zitat aus den 1930er Jahren von Marriner Eccles, US-Notenbankchef unter Roosevelt, könnte auch aus unseren Tagen stammen. Denn ein Blick auf das Überwachstum der Geldvermögen in den vergangenen Jahrzehnten lässt ebenso eine »Saugpumpe« erkennen, die zu immer größeren Ungleichgewichten führte. Doch statt diesen Ursachen unserer derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise nachzugehen, spekuliert man über vordergründige Auslöser ähnlich vehement, wie einstmals an den Börsen: Mal sind es die fragwürdigen Immobilienkredite, mal die mangelnden staatlichen Regulierungen, die falsche Geld- und Zinspolitik der Notenbanken oder auch die Gier der Menschen. - Die tatsächlich auslösenden Ursachen, die tumorartigen Wucherungen der Geldvermögen, wurden jedoch bisher so gut wie nie genannt. Dabei resultieren daraus nicht nur die Hiobsbotschaften unserer Tage, sondern auch die seit Jahrzehnten beklagten sozialen und ökologischen Fehlentwicklungen in unseren Gesellschaften.

Neue Bücher  (als Paket)

Der Geist von Alanus
Jost Schieren (Hrsg.): Bildungsmotive in Kunst und Wissenschaft. 164 S. mit farb. und s/w-Abb., brosch. EUR 18,50. Athena Verlag, Oberhausen 2008
Rezensentin: Christina Meinecke-Bürger

Cool und stark
Thomas Rhyner / Bea Zumwald (Hrsg.): Coole Mädchen - starke Jungs. Impulse und Praxistipps für eine geschlechterbewusste Schule. 260 S., 6 s/w-Abb., kart. EUR 24,90. Haupt Verlag, Bern 2008
Rezensentin: Angelika Ludwig-Huber

Spiel mit Steinen
Andrea Frommherz: Naturwerkstatt Steine - Kreatives Spielen und Gestalten mit Steinen. 134 S. geb. EUR 21,90. AT-Verlag, München 2008
Rezensent: Bernhard Mrohs

Nahe dem Tod
Matthias Girke, Michaela Glöckler, Pim van Lommel: Nah-Tod-Erlebnisse. 48 S., kart. EUR 4, - . gesundheit aktiv anthroposophische Heilkunst e.V., Bad Liebenzell 2008
Rezensentin: Solveig B. Müller

Parzivals Selbst
Frank Steinwachs: »mit dir selben hâstu hie gestrîtn«. Das Figuren-Ich zwischen poetischer Konstruktion und innerer Selbstwerdung. Überlegungen zum Individuum und Individuellen im »Parzival« des Wolfram von Eschenbach. 180 S., brosch. EUR 23,80. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2007
Rezensentin: Maja Rehbein

Wortkultur
Lisbeth Wutte: Sprachpflege und Wortkultur. 152 S., kart. EUR 13, - . Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 2008. Zu bestellen bei: DRUCKtuell, Benzstr. 8, 70839 Gerlingen, Fax 07156-200826 oder www.waldorfbuch.de
Rezensentin
: Christiane Siebers

Ein kluger Kopf
Johannes W. Schneider: Wie ich der Welt begegne. Biographie und Zeitgeschichte. Herausgegeben von Ulrich Morgenthaler. 78 S., EUR 9,50. Menon Verlag, Heidelberg 2008
Rezensent: Helmut Fiedler

Himmelsteiche und Lichtrasen
Hans-Christoph Vahle: Die Pflanzendecke unserer Landschaften - Eine Vegetationskunde. 280 S., geb. m. zahlr. Farbfotos, Aquarellen, s/w-Abb. EUR 44, - . Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2007
Rezensentin: Hella Kettnaker

Das Einhorn
Emily Rodda:
Elfenzauber. Band 3:   
Das magische Einhorn. 109 S., geb. EUR 11,90. Verlag Urachhaus 2008  (ab 8 J.)
Rezensentin: Ulrike Schmoller

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