Heft 5 Mai 2009

Inhaltsverzeichnis (als PDF zum Download)

Editorial (als PDF zum Download)

Reinhard Wallmann
Gehirn und Pubertät

Immer feinere naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden bestätigen durch ihre Resultate zentrale Anliegen der Waldorfpädagogik. Man denke an die Ergebnisse der Schlafforschung über die Befestigung des Gelernten im Tiefschlaf bzw. bei Bewegungslernen in den Traumphasen. Dadurch fand ein zentrales Motiv des Aufbaus des Waldorfunterrichts mit Einbeziehung der Nacht seine Anerkennung. Auch die Wichtigkeit der Sinnesschulung für eine differenzierte Entwicklung des Gehirns wird durch die Forschung bestätigt, ebenso der Zusammenhang von Bewegung und Lernen und anderes mehr. Ergebnisse der modernen Gehirnforschung sind vielfach dargestellt, kaum eine Zeitschrift, die dieses Thema auslässt. Manfred Spitzer oder Gerald Hüther haben Ergebnisse dieser Forschung durch viele Veröffentlichungen und Vorträge für Pädagogen zugänglich und interessant gemacht. Einige Ergebnisse über die Entwicklung des Gehirns in der Pubertät zeigen nicht nur erstaunliche Neuentwicklungen in diesem spannenden Altersabschnitt, sondern verraten auch einen intimen Zusammenhang zwischen den neurobiologischen Forschungsergebnissen und den Schwerpunkten wie sie Rudolf Steiner bereits bei der Einrichtung der ersten Waldorfschule für die Gestaltung des Unterrichts der Mittel- und Oberstufe (6.-12. Klasse) dargestellt hat. Hierbei geht es um das Motiv der »Geburt« der Urteilsentwicklung bei den Jugendlichen.


Markus von Schwanenflügel
Die Korruption der Pädagogik durch ihr Ende
Über die Fragwürdigkeit von Abschlusszeugnissen

Wenn ich mir die Zeit richtig eingeteilt habe, schreibe ich gerne Zeugnisse. Ich blicke zurück auf die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, ziehe Bilanz - und die Texte sind besondere, weil schriftliche Beiträge in dem Dialog mit dem einzelnen jungen Menschen. Im Idealfall ist es ja ein Gespräch über mehrere Jahre, und ich weiß schon, dass sie oder er mir kurz nach den Sommerferien, wenn wir uns zu einem Beratungsgespräch wieder sehen werden, um die Ziele für das neue Schuljahr gemeinsam ins Auge zu fassen, auf meinen »Brief« antworten wird. Ich freue mich darauf, denn da ich es wichtig finde, persönlich und direkt zu formulieren, haben viele Schüler auch das Bedürfnis, persönlich und direkt zu antworten. Sie stimmen mir zu oder sie widersprechen mir, und ich habe die Möglichkeit, eine Aussage zu relativieren oder sogar noch zu verschärfen, vielleicht auch ganz zurückzunehmen. Selbst dann braucht aber das Zeugnis nicht neu geschrieben zu werden, denn es hat seine Bedeutung ausschließlich in dem Dialog zwischen dem Schüler und mir als Lehrer, der hier vor allem die Aufgabe des Lernbegleiters, des Beraters hat. Je deutlicher der Fokus auf dem »Lernen des Lernens« liegt, umso geringer ist die Bedeutung der Rückmeldung über den Leistungsstand. 

Christiane Kutik
»Hilfe, mein Kind schreit so viel ...«

Auf dem Weg durch eine Unterführung. Von unten herauf durchdringendes Kindergeschrei. Was ist da los? Unten steht ein zweijähriges Kind mit hochrotem Kopf und brüllt aus Leibeskräften. In einer Hand eine angebissene Brezel, in der anderen eine Nuckelflasche. »Warum schreist du denn so?«, ruft die Mutter aufgebracht, »zu essen hast du, zu trinken hast du, die Windel ist frisch. Was willst du eigentlich? Willst du mich nerven?« - Das Kind schüttelt den Kopf. So sind wir: Sowie irgendetwas Unvorhergesehenes kommt, wie hier, das Schreien des Kindes, geht die Aufmerksamkeit sofort auf Äußerliches, wie Essen, Trinken, Sauberkeit. - Stellen wir uns vor, wie es uns erginge: Gerade von Unmut erfüllt käme jemand und sagte uns: »Du hast zu trinken und zu essen und du hast eine frische Unterhose an - was willst du eigentlich?« Sicher würden wir uns mehr als nur wundern über so eine Reaktion.
Äußerlichkeiten sind nicht alles. Und das spiegeln uns die Kinder oft mit Schreien und Weinen. - Trotzdem ist es gang und gäbe, dass Eltern - wie auf Knopfdruck - Gegenmaßnahmen in Gang setzen, sobald ein Kind schreit: Schnell werden Schnuller, Keks oder Flasche angeboten. - Und? Geht das Weinen damit weg? - Kinder können daran gewöhnt werden, das, was sie gerade fühlen, hinunterzuschlucken. Doch damit ist ihnen in ihrer Not nicht geholfen.

Christiane von Königslöw
Nachreifung tut Not

Wenn ein Mensch geboren wird, kommt mit dem physischen Leib auch sein »Geistig-Seelisches«, sein »ewiger Mensch« zur Erscheinung. Man sagt: »Ein Stern geht am Himmel auf.« Dieser »Stern« zieht langsam ein in den Leib. Das ist ein langer Prozess. Wir sprechen von verschiedenen Etappen dieses Einziehens als von Stadien der jeweiligen »Reife«: Kindergartenreife, Schulreife, Geschlechtsreife, seelische Reife, Volljährigkeit, Persönlichkeitsreife …
Heutige Kinder im ersten Lebensjahrsiebt und die Schulkinder der ersten Klasse können die inneren Vorgänge ihrer Inkarnation schon ganz bewusst ausdrücken - wenn man ein offenes Ohr dafür hat - , und zwar geschieht das in Bildern, seien sie gemalt, gesprochen oder gespielt. Zu den von ihnen gemalten Bildern geben sie zum Beispiel Kommentare ab wie die folgenden:
Viktoria (5 Jahre ): »Ich habe nämlich einen Stern - der ist mir ins Haus gefolgt.« Das Haus ist das Sinnbild für den Leib - der Stern Sinnbild für die Seele.
Es wird heute viel über das »Bildungshaus von 0 bis 18« als einer Zusammenfassung der Erziehungs-»Räume« von der Geburt über den Kindergarten bis zum Ende der Schulzeit »zur Rettung der Kindheit« auf Tagungen und in Konferenzen gesprochen. Das Ur-Bild, das der Bezeichnung »Bildungshaus« zugrundeliegt, ist das Haus, in das der Stern einzieht. Damit ein solches »Bildungshaus« nicht ein Abstraktum bleibt, muss man zuerst das (Leibes-)Haus betrachten, in das die Seele einziehen will. Was es damit auf sich hat, sagen einem die Kinder selber:
Finn (6 Jahre ): »Von den Engeln ist das Haus im Menschen; wenn die Menschen ganz lieb sind, dann lassen die Engel Sterne vom Himmel fallen.«
Muhammed (7 Jahre ): »Lieber Engel, wann kommst du?! Mein allerbester Engel. Das Haus strahlt für dich!« Ein anderes Mal: »Der Engel kommt zu mir!«
Lena (7 Jahre ): »Der Engel ist in das Haus, wo der Engel drin wohnt. Da ist der reingeflogen - ganz schnell - , dass keiner ihn sieht. Und der Engel schlief ein.«

Ulrich Kling
Von der sinnigen Geschichte zur Naturkunde

Die Fichte und die Eiche
Auf einem Hügel am Waldrand wuchsen eine Eiche und eine kleine Fichte nebeneinander auf. Schon bald bemerkte der kleine Eichenbaum, dass die Fichte ihn überragte. Ein bisschen beneidete er seine Nachbarin, weil diese nun weiter ins Land hineinschauen konnte als er. »Erzähl mir ein wenig von dem, was du in der Ferne siehst!«, bat die kleine Eiche ihre schlanke Nachbarin. Und diese unterhielt die Eiche daraufhin mit ihren Berichten von entlegenen Ereignissen. Als der Herbst kam, schaute die Fichte mitleidig zu, wie die starken Windböen Blatt um Blatt vom Leib ihres Gesellen zerrten. »Du wirst dich erkälten, kleiner Freund? Ganz bloß bist du schon an manchen Ästen. Schau mich an! Wie dicht mein Nadelkleid mich umgibt und wärmt!« Der kleine Eichenbaum hielt sein Laub mit allen Kräften fest und wirklich - er konnte eine stattliche Anzahl von Blättern retten. Doch als der Winter den Schnee über die Felder und auf den Hügel blies, waren die übrig gebliebenen Blätter ganz braun und knittrig geworden. Das Nadelkleid der Fichte aber schimmerte noch immer grün, als wäre es der schönste Sommer.

Wolfgang Schad
Serie: Darwin
Darwin und der Zufall

Der häufigste Einwand gegen den Darwinismus ist bis heute, dass er die gesamte Entwicklung des Lebens auf der Erde dem blinden Zufall überlasse. Schon seine engsten Freunde frugen Darwin, was er denn unter »Zufall«  (»chance«) verstehe. Seine Antwort war: »I have hitherto sometimes spoken, as if the variations […] had been due to chance. This, of course, is a wholly incorrect expression, but it serves to acknowledge plainly our ignorance of the course of each particular variation. […] Nevertheless, […] we may feel sure that there must be some cause for each deviation of structure, however slight« (Origin, Kap. 4).
Diese Antwort ist eine recht andere, als ein heutiger Darwinist geben würde. Darwins Aussage beinhaltet ja, dass bei ihm »Zufall« nur erst ein Ersatzwort ist für das, was er bisher noch nicht kausal erklären kann. Er erwartete also von der künftigen Forschung, dass sie die Ursachen ermitteln werde, deren Kenntnis ihm noch fehlt. Sind sie einmal bekannt, so ließen sich also die Evolutionsabläufe rückwärts wie vorwärts bestimmen. Die Antwort Darwins macht deutlich, dass er gar nicht »Zufall« im Sinne von »zufällig« meinte, sondern letztlich noch ein deterministisches Naturverständnis und Weltbild hatte. Damit dachte er im Stil seiner Zeit, der des 19. Jahrhunderts.


Aus der Schulbewegung  (als Paket)

Integrative Waldorfschule Emmendingen
Eine Waldorfschule übernimmt die Vorreiterrolle bei der Integration

Michael Löser

Das Verwaltungsgericht Freiburg hat in seiner Entscheidung vom 25.3.2009 der Klage der Integrativen Waldorfschule Emmendingen auf Genehmigung stattgegeben und damit die Rechte von Menschen mit Behinderung gestärkt.
Das große Engagement von Eltern und Lehrern der Integrativen Waldorfschule Emmendingen war erfolgreich. Bundesweit wurde der Prozess der Schule gegen das Land Baden-Württemberg von Öffentlichkeit und Verbänden beobachtet. Die Bedeutung, die diese Entscheidung nicht nur für Baden-Württemberg hat, zeigt sich auch dadurch, dass die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Frau Karin Evers-Meyer, die Schule am 15. Mai besuchen wird (siehe auch ihren im Anschluss abgedruckten Brief).
Die Vertreter Baden-Württembergs haben nun die Möglichkeit, auf der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales am 6./7. Mai in Berlin geplanten Nationalen Konferenz zu Artikel 24 des UN-Abkommens zu berichten, dass die Umsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderung in Baden-Württemberg im Bildungswesen des Landes fortgeschritten ist.


PISA/Österreich:
Waldorfschüler im Vergleich
Christina Wallner-Paschon

Wie bereits in den ersten beiden Zyklen nahmen die österreichischen Waldorfschulen auch an PISA 2006 teil. Im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung lassen sich die 15-/16-Jährigen der österreichischen Waldorfschulen alle drei Jahre testen. An der Untersuchung beteiligen sich immer alle 10 österreichischen Waldorfschulen. Im Gegensatz zur regulären PISA-Stichprobe handelt es sich bei den Waldorfschulen um eine Vollerhebung mit einer vergleichbar guten Teilnahmequote von 92% auf Schülerebene. Die im Rahmen von PISA erhobenen Daten stellen erstmals empirische, repräsentative Befunde sowohl zum aktuellen Leistungsstand als auch zu Hintergrundmerkmalen der Waldorfschüler dar.

Modellversuch: Berufskolleg als Oberstufe
Inga Enderle

Am 26. Februar 2009 initiierte Peter Schneider, Professor für Erziehungswissenschaft und Berufsbildung an der Alanus Hochschule in Alfter, eine Fachtagung zum Modellversuch »Berufskolleg als Oberstufe der Waldorfschule«. Die Tagung war die Auftaktveranstaltung zur Bildung eines kooperativen Netzwerkes zwischen Involvierten und Interessierten für einen künftigen Wissens- und Erfahrungsaustausch zum Thema »Berufskolleg« und »beruflicher Bildungsweg«.

Münsteraner Konvent - Der dritte Pädagoge
Wolfgang-M. Auer

Vom 20.-22.3.2009 fand in der für ihren Schulbau preisgekrönten Wartburg-Grundschule in Münster der Konvent »Der dritte Pädagoge« statt. Veranstaltet wurde dieser Konvent vom Netzwerk Archiv der Zukunft. Initiator und Gründer dieses Netzwerks ist der bekannte Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl. Aufsehen erregte er 2005 durch seinen Film »Treibhäuser der Zukunft«, an dem viele Menschen in Deutschland, auch im Waldorfbereich, damals für die Notwendigkeit von Innovationen im Schulwesen aufgewacht sind. Im Herbst 2007 war der erste Kongress des Netzwerks in Hamburg (»Treibhäuser & Co«), im vergangenen Oktober folgte am Bodensee der zweite (»Herausforderungen«) und nun also der dritte Kongress. Anlass dafür war das Konjunkturprogramm der Bundesregierung, in dem 8,6 Milliarden Euro für Schulen und andere Bildungseinrichtungen bereitgestellt werden.
40 Jahre Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
Peter Lang

Gegen Ende der 1950er Jahre des 20. Jahrhunderts erreichten Angriffe auf die frühe Kindheit in vielen Ländern der Welt einen neuen Höhepunkt. Der damaligen Sowjetunion gelang es 1956 als erstem Staat, einen Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu bringen. Diese technische Leistung löste in der westlichen Welt nicht nur auf militärisch-wirtschaftlichem Gebiet eine Schockwelle - den sogenannten Sputnik-Schock - aus, sondern hatte auch tiefgreifende Auswirkungen auf das Erziehungs- und Bildungsverständnis für Kinder und Jugendliche. So wurden Anfang der sechziger Jahre in den Kindergärten vieler westlicher Länder die altersgemischten Gruppen abgeschafft und Frühlernprogramme installiert, z.B. Schreiben, Lesen, Rechnen sollte bereits im Kindergartenalter trainiert werden. Die Vorverlegung des Einschulungsalters, eine Verschulung des Kindergartens dominierte zunehmend die damaligen Erziehungs- und Bildungsvorstellungen.

Großes Gepäck für die Türkei
Susanne Pühler

Wie viele Gepäckstücke kann man auf einen Gepäckwagen am Flughafen packen? Sollte hierfür jemals ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben werden, könnten die Reisenden am Flughafen Istanbul durchaus mit einer Siegesprämie rechnen.
Wenn auch nicht zählbares, so doch sehr bedeutsames Gepäck hatte eine Gruppe deutscher Pädagogen geladen, als sie Ende März zu einem waldorfpädagogischen Symposium nach Istanbul reiste: Auf Einladung der »Waldorf-Initiative Istanbul«, die im Herbst 2008 gegründet wurde (siehe »Erziehungskunst« 1/2009), präsentierten sie bei dem Symposium »Waldorfpädagogik - eine zeitgemäße Erziehung in Kindergarten und Schule« die Grundlagen der Waldorfpädagogik. Interessierte Erzieher, Lehrer, Eltern und Studenten konnten sich hier über die Grundzüge dieser pädagogischen Alternative informieren. Organisiert hatte das Treffen die engagierte Übersetzerin Tarhan Onur, tatkräftig unterstützt von ihren Mitstreiterinnen Sıdıka Çalışkan und Aslı Güleryüz.


Facility Management
Energie in Mensch und Immobilie
Wolfgang Held

Das Internationale Ausbildungsinstitut für Facility Management und das Goetheanum mit seiner Freien Hochschule für Geisteswissenschaft veranstalten zusammen eine interdisziplinäre Fachtagung am 17. und 18. Juni 2009 zum Facility Management in Dornach.
Die Fachtagung widmet sich den Veränderungen, die durch flache Hierarchie, neue Kundenbedürfnisse und Kostendruck entstehen. Sie richtet sich an Führungsverantwortliche von Institutionen, öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen, die vermehrt im Wettbewerb stehen und ihre Organisation und den Betrieb auf die Zukunft ausrichten wollen/müssen. Teilnehmen werden Verantwortliche, leitende Mitarbeitende und Nachwuchskräfte aus dem Facility Management von Spitälern, Alters- und Pflegeheimen, Ausbildungs- und Studienzentren, Stiftungen und Immobilienverwaltungen.

Das Novalis-Relief
Dieter Centmayer

Im Februar 2009 wurde in der Freien Waldorfschule Braunschweig ein mehrteiliges Lindenholzrelief von Peter Lampasiak enthüllt. Auf neun Holztafeln finden sich zahlreiche Motive aus dem Märchen »Eros und Fabel« von Novalis, das der Dichter dem Romanfragment »Heinrich von Ofterdingen« eingefügt hat.
Schon die äußere Gestaltung des Reliefs entfaltet eine beeindruckende Wirkung. Um eine große, achteckige mittlere Tafel gruppieren sich acht fünfeckige Relieftafeln. Das Ganze entfaltet sich wie ein gewaltiges Sonnenrad auf einer hohen, großflächigen Wand in der oberen Eingangshalle des Mittelstufenbaus, der den Namen »Novalishaus« trägt.

Zeichen der Zeit  (als Paket)

Medienereignis Winnenden
Uwe Buermann

Wieder einmal hat ein schreckliches Schulmassaker die Bevölkerung schockiert und erschüttert. Verständlicherweise, denn die Tat ist an und für sich und in all ihren Details schier unfassbar und für jeden, der sich damit näher beschäftigt, kaum zu ertragen. Umso mehr gilt das für all diejenigen, die unmittelbar bei den Ereignissen dabei waren, und all die Angehörigen, Freunde, Bekannten und Nachbarn der Opfer. Für sie ist es kein Medienereignis, das für einige Zeiten die Schlagzeilen bestimmt, sondern auf lange Sicht eine bittere, nicht zu leugnende Realität, mussten sie doch den Ereignissen beiwohnen bzw. sind sie doch damit konfrontiert, dass ein ganz konkreter Mensch, mit dem sie verbunden waren, nun auf immer aus diesem Leben gerissen wurde.

WOW-Day 2009
213 Waldorfschulen engagieren sich für hilfsbedürftige Kinder
Holger Niederhausen

»Noch immer konnten es die Mitarbeiter der - Freunde - und des - Bundes - kaum glauben: Es hatten tatsächlich alle Schulen mitgemacht, nicht eine fehlte: 213 Waldorfschulen und auch mehrere Kindergärten hatten am 29.9.09 einen WOW-Day veranstaltet! Manche Schulen brachten 2.000 Euro zusammen, andere bis zu 8.000 Euro und mehr. Auf diese Weise erreichten alle gemeinsam, was eigentlich keiner für möglich gehalten hatte: Über eine Million Euro kamen zusammen - und kommen nun in voller Höhe hilfsbedürftigen Kindern in Waldorfinitiativen aller Welt zugute. […]« So oder ähnlich könnte eine grandiose Erfolgsstory beginnen - eine Geschichte, die zu diesem Zeitpunkt erst noch geschrieben werden muss …

Kongenialer Diskurs
Die Zuwendung zeitgenössischer Wissenschaft zur Anthroposophie:
Symptom eines neuen Epochenabschnitts? Zu Lorenzo Ravaglis Buch »Zanders Erzählungen«
Roland Benedikter

Seit einigen Jahren ist ein Trend zu beobachten, den Teile der institutionalisierten Anthroposophie meines Erachtens zu Recht aktiv mit eingeleitet haben: Die intensivere Zuwendung zeitgenössischer akademischer Wissenschaft zur Anthroposophie. Man sieht das an einer Reihe neuer Bücher, aber auch an der Einrichtung von anthroposophischen Forschungsclustern an renommierten Universitäten, wie etwa »Soziale Skulptur« an der Oxford Brookes Universität oder des »European Integrated Master Program« für anthroposophische Berufe an der Universität Plymouth in England. Ganz gleich, wie man den damit verbundenen verstärkten Austausch bewerten mag: Er wird zu einer der wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre nicht nur für Einzelaspekte, sondern für das Ganze der Anthroposophie werden. Denn in einer Wissensgesellschaft wie der heutigen, in der wissenschaftlich legitimierter Forschung - zum Teil unabhängig von ihrer tatsächlichen Güte, und meist ungeachtet ihrer notwendigen zeitbedingten Vorurteilsstruktur - der Rang einer »säkularen Religion« zukommt, kann damit eine öffentliche Aufwertung, aber auch eine Diskreditierung verbunden sein. Obwohl Anthroposophie als solche nicht davon abhängig ist, wird sich der entsprechende Prozess in der Form einer grundlegenden Prüfung zentraler Episteme als für ihr gesellschaftliches Schicksal im 21. Jahrhundert vermutlich tiefgehender erweisen als manche Einzelergebnisse im Bereich verschiedener erfolgreicher Anwendungsgebiete. Wissenschaftliche Grundsatzdebatten wirken nicht aufsehenerregend und kurzfristig wie politische Ereignisse und auch nicht mittelfristig durch Taten überzeugend wie sachliche Problemlösungsorientierungen, die mit dem Erreichen ihres Ziels abgeschlossen sind. Sondern sie beeinflussen den Status und die Identität ihrer Themen langsamer und fließender, in längeren Inkubationszeiten und manchmal auch diskontinuierlicher, aber dafür insgesamt grundsätzlicher und langfristiger.

Im Gespräch  (als Paket)

Waldorfschule statt Waldorfgymnasium
Mit Dreizehntklässlern im Gespräch
Markus Stettner-Ruff

Lange schon hatte ich es mir vorgenommen. In diesem Jahr hat es geklappt, ein Rückblicksgespräch mit den unsere Schule in Schwäbisch Hall verlassenden Abiturienten zu führen. Bei Kaffee und Kuchen trafen wir uns für zwei Stunden zu einem intensiven Austausch - und alle waren sie gekommen. Der Jahrgang 1989 saß da vor mir, dieses geschichtsträchtige Jahr, in dem die Mauer und der eiserne Vorhang fielen. Was ich von ihnen auf meine Fragen zu hören bekam, habe ich rückblickend aufgezeichnet.

methodos
Schüler nehmen Abitur selbst in die Hand

Rainer Monnet

Den Bericht über die »Abi-Rebellen« aus Südbaden möchte ich in memoriam mit einer kleinen Geschichte beginnen. In einem Gespräch mit dem Gründer der GLS Bank, Ernst-Wilhelm Barkhoff, kamen wir vor etwa zwanzig Jahren auf eine Schieflage zu sprechen, in der sich viele Waldorfschulen in Deutschland befänden. In der Oberstufe werde zu viel Staatsschule praktiziert, da sich die Oberstufenlehrer mehr als vielleicht nötig an den staatlichen Vorgaben und Zielen orientierten. Es sei bis dato nicht gelungen, einen staatlich anerkannten Waldorf-Abschluss rechtlich zu etablieren, der dem Rang der allgemeinen Hochschulreife oder zumindest einer Fachhochschulreife gleichgestellt sei. Dadurch bedingt könnten die Angaben Rudolf Steiners für die oberen Klassen nicht oder nur zum Teil in die Tat umgesetzt werden; meist mit der Begründung: Zeitmangel oder Lehrstoffvorgaben der Kultusbehörden. Eine (Auf-)Lösung dieses Dilemmas der Waldorf-Oberstufe als humanistisches Gymnasium schien Barkhoff die Gründung eines Institutes zur Erlangung der Hochschulreife. Eine klare Grenze zwischen dem 12-jährigen, in sich stimmigen Lehrplan und dem Erlangen der allgemeinen Hochschulreife, dem Abitur, wäre gezogen. Dieser Gedanke gärte lange im Schreiber dieser Zeilen und viele Jahre später sollten die »neuen wilden Schüler« aus Freiburg erste Schritte in diese Richtung tun.

Aufruf zur Alternative. Mehr als nur Abi
Hamburger Waldorfschüler wollen ihren Schulabschluss selbst in die Hand nehmen
Kim-Fabian von Dall - Armi

Unsere Welt brennt. Sie fordert Menschen, die sich einer Fülle von Problemen annehmen - heute und in Zukunft. Um das angehen zu können, braucht es mehr als Mathe, Englisch, Deutsch. Es braucht Menschen, die die Zeitnotwendigkeiten erkennen und daraus ihren Impuls zum Handeln schöpfen - und auch in der Lage sind zu handeln.
Dafür gibt es Grund genug. Schaut man einmal auf die Titelseite der Morgenzeitung, so kann man die aktuelle Entwicklung schwer verkennen: Vor unseren Augen bricht gerade das zusammen, was noch vor kurzem als sicher und zukunftsweisend galt: das globale Finanzsystem. Gleichzeitig steht unser Planet auf der Kippe, die Klimaerwärmung ist ein unumstößliches Faktum. Und wenn das unserem Lebensstil nicht ein Ende macht, dann der immer deutlicher werdende Engpass in der fossilen Energieversorgung - vorausgesetzt die Trinkwasserressourcen sind bis dahin nicht verbraucht.
Und wir jungen Menschen sitzen 13 Jahre lang in der Schule und lernen für eine Welt, die zwar noch existent, aber unverkennbar marode ist. Wir lernen nicht, um die Welt zu verändern, wir lernen für eine abstrakte Leistungsbezifferung, wir lernen für einen guten Job mit einem hohen Einstiegsgehalt.

Wörter, Wörter und nochmals Wörter
Vom Sinn und Unsinn der kognitiven Grammatik
Udo Wegner

Falls Sie sich noch nicht mit der modernsten Gehirn- bzw. Spracherwerbsforschung beschäftigt haben, werden Sie ob der Artikelüberschrift sicher verblüfft sein. Zugegebenermaßen wusste ich dies bis vor einigen Wochen selbst noch nicht! Ich hatte schon immer eine gewisse Abneigung gegen kognitiv-abstrakte Grammatik und habe die lexikalische Ebene stets für viel wichtiger gehalten. Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, kognitive Grammatik kann sehr wohl das Sprachkönnen der Schüler weiter verfeinern, aber erst auf einem recht hohen Niveau - vorher (z.B. in der Mittelstufe) ist dieser Weg als sehr mühsam und unproduktiv einzustufen: Wir kennen doch das Phänomen, dass wir mit den Schülern anhand von Beispielen eine grammatische Regel erarbeiten (z.B. für das present perfect), diese anschließend fleißig in Sätzen üben und wenn die Adressaten unserer Bemühungen einen Aufsatz schreiben oder gar frei sprechen, ist diese Zeit fast immer falsch gebraucht. Sie haben die Zeit also gar nicht gelernt!

Frontal daneben
ZDF-Sendung zur Waldorf-Lehrerbildung

Peter Augustin

Der Bund der Freien Waldorfschulen hat in einem Brief an die Chefredaktion des ZDF der Berichterstattung der Sendung Frontal 21 vom 10. März über die Qualifikation der Lehrer an Waldorfschulen energisch widersprochen. Obwohl die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bundes umfangreiche Informationen zur Verfügung gestellt habe, sei das Thema »oberflächlich abgehandelt« worden, heißt es in dem Schreiben. Einzelne Eltern, die sich in der Sendung kritisch über die Qualität des Unterrichts an Waldorfschulen geäußert hätten, seien nicht repräsentativ.

Über das Strafen in der Erziehung
Christian Seitz

Ich kann Thomas Jachmanns Ansatz, im Unterrichten und Erziehen ohne Strafen auszukommen, nur unterstützen und möchte von einer etwas anderen Seite auf den Komplex des Strafens in der Erziehung blicken.

Neue Bücher  (als Paket)

Wirklichkeit und Idee
Hartwig Schiller (Hrsg.): Wirklichkeit und Idee. Goethes Weltzugang und der geistige Hintergrund des Nordens. 390 S., brosch. EUR 19,90. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Rezensent: Ch. Boettger

Deutsch lernen
Heinrich Schirmer: Warum eine Sprache lernen, die wir können? Zum Deutschunterricht an der Waldorfschule. 131 S., geb. EUR 16,90. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Rezensent: Reinhard Bode

Dem Himmel zugewandt
Bartholomeus Maris: In Liebe empfangen - und dennoch gegangen. Bewältigung und Sinnfindung bei Fehlgeburten. 110 S., geb. EUR 16,90. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2007
Rezensentin: Monika Kiel-Hinrichsen

Gedächtnishilfe
Claudia Tebel-Nagy: Gedächtnis - Wie Eltern ihr Kind unterstützen können. Leichter lernen mit FOCUS SCHULE. 125 S., brosch. EUR 10, - . dtv, München 2008
Rezensentin: Hella Kettnaker 

Klangwege
Christian Giersch, Martin Tobiassen, Gerhard Beilharz: Klangwege - Hörbilder. 45 S., zahlr. Notenbeispiele, kart. EUR 17, - . edition Zwischentöne, Weilheim 2008
Rezensentin: Cornelia Nickel

Elementarwesen
Thomas Mayer: Rettet die Elementarwesen! 192 S., kart. EUR 17,80. Verlag Neue Erde, Saarbrücken 2008
Rezensent: Walter Siegfried Hahn

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