ADHS: Rückfall in die Polarisierung

Von Uwe Momsen, Arne Schmidt, Januar 2015

Leserbrief zum Beitrag von Manfred Schulze: »ADHS – eine erfundene Krankheit?« in »Erziehungskunst«, Oktober 2014.

Eine Fülle wissenschaftlicher Veröffentlichungen stellt seit vielen Jahren deutlich andere Zusammenhänge her, als Manfred Schulze dies tut, aktuell zum Beispiel die Publikationen von Gerald Hüther oder Gerhard Roth zur Hirnphysiologie sowie eine Reihe von Publikationen zum Thema ADHS (u.a.) 2004 unter Mitwirkung der Unterzeichner in dieser Zeitschrift.

ADHS ist ein seit langem gut definiertes Krankheitsbild, von dem etwa 4 Prozent der Kinder und etwa 1,5 Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Es gibt keinen Grund, die umfangreichen wissenschaftlichen Studien hierzu anzuzweifeln. Dass es häufiger als früher diagnostiziert und behandelt wird, liegt am größeren Bekanntheitsgrad der Problematik, der sinkenden Furcht vor Stigmatisierung und den Therapiemöglichkeiten. Das ist zum Beispiel bei Autismus nicht anders: Obwohl es dort weder um Medikamente noch um Industrieinteressen geht, hat sich die Häufigkeit der Diagnose in den letzten zwanzig Jahren etwa verzehnfacht. Die Unterzeichner und ihre Fachkollegen haben Tausende von ADHS-Betroffenen und ihre Familien kennengelernt, die oft unter massivem Leidensdruck stehen und sich verhöhnt fühlen würden, wenn man sie, statt individuell Hilfe anzubieten, mit Kritik am bestehenden Gesellschaftssystem abspeisen würde. Sie brauchen sich nur vorzustellen, dass Sie mit einer schweren Depression zum Arzt gehen und dieser Ihnen sagt, dass es Ihre Depression gar nicht gibt!

Die Therapie bei ADHS kann sehr verschieden sein. Wir behandeln in unserer Praxis multimodal mit verschiedensten (psycho-)therapeutischen Ansätzen, zum Teil ohne, zum Teil mit anthroposophischen Medikamenten, zum Teil auch mit Stimulanzien. Die Entscheidung trifft, nach ausführlicher Aufklärung, maßgeblich die betroffene Familie. Unbehandelt hat ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter oft eine ungünstige Prognose (z.B. Störung des Sozialverhaltens, keine begabungsentsprechende Berufsausbildung, Frühschwangerschaft, erhöhtes Drogenrisiko). Auch das ist durch Studien gut belegt, und wir sind sogar rechtlich verpflichtet, auch darüber aufzuklären. Sicherlich kann man bei vielen Kindern mit ADHS durch Tätigkeit in Natur und Landwirtschaft (und entsprechende Sinneserfahrungen) die Symptome mildern – zumindest solange die Kinder dort sind. Die Frage ist nur: Wollen wir 4 Prozent unserer Kinder aus der regulären Schule statt – wie im Artikel kritisiert – in Sonderschulen, nun eben in die Landwirtschaft aussondern? Und hat jemand die Betroffenen gefragt, ob sie das auch wollen? Auch sei die Frage erlaubt, ob nur diejenigen Kinder mit ADHS ein Recht auf Besserung ihrer Situation haben sollen, deren Eltern sich eine intensive, naturnahe oder heilpädagogische Förderung mit entsprechender Tagesstrukturierung leisten können. Was ist mit Kindern aus armen Familien, von psychisch kranken, einfach nur überforderten, vielleicht tatsächlich auch »zu bequemen« oder allein erziehenden Eltern? Müssen diese Kinder schulisch und sozial scheitern – weil man ihnen aus ideologischen Gründen anders nicht helfen darf? Dann werden gerade die bedürftigsten Kinder zum Faustpfand einer spirituellen Dogmatik. Der Autor des Artikels, der selber Wertungen wie »böse« verwendet, darf sich fragen lassen, wo eine solche Einstellung in ihrer letzten Konsequenz anzusiedeln ist.

Rudolf Steiner und Ita Wegman haben ihre Grundlagen der anthroposophisch erweiterten Medizin ausdrücklich an die Vertreter der damals etablierten Medizin gerichtet. Auch heute wird eine Therapie nicht dadurch individuell oder »gut«, dass pauschal die Methoden der etablierten Medizin, ihre Vertreter oder ganze Berufsgruppen (»denkschwache Hirnforscher«) diskreditiert und entwertet werden. Die Unterzeichner hatten den Eindruck, dass in den letzten Jahren auch in der (waldorf-) pädagogischen Fachwelt viel von der früher bestehenden Polarisierung und Ideologisierung bezüglich ADHS überwunden worden ist. Wie dieser Beitrag zeigt, war das möglicherweise ein Irrtum.

Zu den Autoren: Uwe Momsen und Dr. Arne Schmidt sind als Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Anthroposophische Medizin (GAÄD) in einer sozialpsychiatrischen Praxisgemeinschaft in Herdecke tätig.

Link: http://www.praxis-schmidt-momsen.de/

Den Beitrag von Manfred Schulze: »ADHS – eine erfundene Krankheit?« finden Sie hier

Kommentare

Armin Ruch, 21.01.15 00:01

Ich möchte mich bei den Unterzeichnern des Leserbriefs für die deutlichen Aussagen in und zwischen den Zeilen bedanken! Es ist sehr erfreulich, dass einer polarisierenden Meinung neutrale Fakten gegenübergestellt wurden. Bezüglich des ADHS-Themas und der Therapie scheinen mir leider all zu oft Veralgemeinerungen und subjektives Halbwissen die Diskussion zu lenken und Betroffene zu stigmatisieren - verwirr mich nicht mit Fakten, ich hab schon eine Meinung.

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