Ästhetische Bildung wirkt - nachweisbar

Von Thomas Wildgruber, September 2010

Kunst in der Schule – wo muss sie ihren Platz nicht verteidigen? Wo ist sie nicht bedroht von Kürzungen zugunsten der auf der Hierarchieleiter höher stehenden »Kernfächer«? Kreativität, Imaginationsfähigkeit und geistige Flexibilität als Basiskompetenzen für das 21. Jahrhundert forderte 2006 ein UNESCO-Kongress. Pädagogen, die diese Forderungen umsetzen wollen, finden eine Vielfalt von Argumenten und harten Fakten in den neueren Forschungen zur künstlerischen Tätigkeit in der Schule. Christian Rittelmeyer hat sie in der vorliegenden Broschüre verständlich und übersichtlich dokumentiert. Den Fokus richtet er dabei auf die »Transferwirkungen« künstlerischer Aktivitäten, die vor allem in der Musiker­ziehung, im Tanz und Theaterspiel, weniger im Kunstunterricht, untersucht wurden.

Nach Rittelmeyer zeigen die Forschungen »erhebliche Auswirkungen künstlerischer Erfahrung auf kognitive, emotionale, soziale und moralische Qualitäten Heranwachsender«. Rittelmeyer führt nicht nur Forschungsergebnisse aus der Hirnforschung, der Chronobiologie und der Aufmerksamkeitsforschung an, sondern auch der Wirkungen künstlerischen Tuns auf die Körpersinne und die damit verbundene Selbst- und Weltwahrnehmung. Die Fülle der Belege für pädagogisch förderliche Wirkungen künstlerischer Tätigkeit fordert Eltern und Erzieher geradezu auf, ihren Kindern langfristig eine anspruchsvolle ästhetische Erziehung zukommen zu lassen. Sind es auch die harten Fakten, derer die Verteidigung einer ästhetischen Erziehung bedarf, es gibt Begründungen für sie, die tiefer ansetzen. Rittelmeyer, der seinen Pädagogikstudenten stets Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen nahe gebracht hat, verweist darauf, in welchen Zustand »gesteigerter Aufmerksamkeit und kognitiver Offenheit« das »Spiel von Einbildungskraft und Verstand« den Menschen bringt. Doch ist auch zu untersuchen, was in den künstlerischen Lernfeldern »wirklich geschieht« Damit verweist Rittelmeyer auf den qualitativ anthropologischen Kern ästhetischer Bildung und zugleich methodenkritisch auf die offene Frage, ob er quantitativ erforscht werden kann.           

Christian Rittelmeyer: Warum und wozu ästhetische Bildung? Über Transferwirkungen künstlerischer Tätigkeiten. Ein Forschungsüberblick. Reihe Pädagogik: Perspektiven und Theorien, hrsg. von Johannes Bilstein, Bd. 15/2010. 124 S. m. Abb., brosch. EUR 17,50. Athena Verlag, Oberhausen 2010

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