Aktuelle Themen: Inklusion

Von Maud Beckers, Juli 2018

Montagmorgen. Beginn der Mathematik-Epoche in der zwölften Klasse – 25 Schüler mit den unterschiedlichsten Begabungen.

Der Klassenraum ist zur Werkstatt umgewandelt geworden: leergeräumt, die Tafel unbeschrieben, der Fußboden mit schwarzem breitem Klebeband in einem Raster aus Quadraten von je einem Meter beklebt. Verwirrung bei den Schülern: Fängt so eine Epoche an? Hinsetzen ist nicht möglich. Der Morgenspruch wird im Kreis stehend gesprochen, in Bewegung auf dem Raster werden Vorstellungsübungen gemacht. Danach werden die Schüler mit einer Fragestellung konfrontiert, die sie in Gruppen am Gegenstand erforschen, aus der sie eine Hypothese bilden, die im gemeinsam hergestellten »Produkt« sichtbar werden soll: »Wie kann der Mensch die Position zweier im Karton hängenden Perlen genau bestimmen?« In dieser Phase sind sie »ermächtigt«, den Lernprozess in die eigene Hand zu nehmen. Dabei ziehen sich Fachlehrer und die Inklusionspädagogin mit Absicht zurück. Sie greifen nicht ein, sondern beobachten sowohl die Arbeits- als auch die sozialen Prozesse in den Gruppen. Sie wollen erkennen, ob das Interesse geweckt worden ist und sich alle mit dem Inhalt verbinden können. Das wird spätestens am Produkt sichtbar werden.

Die Waldorfpädagogik versucht zu ermöglichen, dass jeder Schüler sich mit dem altersspezifischen Inhalt verbinden und daran entwickeln kann. Entwicklung findet nicht nur auf kognitiver Ebene statt, sondern umfasst immer den ganzen Menschen. In der inklusiven Pädagogik gewinnen diese Grundsätze an Bedeutung: Je heterogener unsere Schülergruppen sind, desto intensiver müssen wir die menschenkundlichen Motive neu durchdringen. Es soll sich am Inhalt genauso der einseitig Hochbegabte wie der Mensch mit Down-Syndrom, entwickeln können. Es geht dabei um mehr als um die Frage der Differenzierung!

Die Methodenschulung nimmt einen zentralen Platz in der inklusiven Waldorfpädagogik ein. Sie fußt auf drei Grundgedanken:

  • Alle Menschen wollen und können lernen.
  • Jeder ist in seinem So-Sein richtig.
  • Die Barriere liegt niemals im Menschen.

Die Auseinandersetzung mit diesen augenscheinlich ein­fachen Gedanken führen zu Fragen, die direkt unsere innere Haltung und so unser pädagogisches Handeln berühren. Handle ich aus Gewohnheit? Wie sehr prägen meine Vorstellungen den Unterricht? Ziele ich – auch unbewusst – auf kognitive Leistung oder Anpassung an Normen?

Eine inklusive Methodenschulung kann uns helfen, zwischen traditionell geführten und inklusiven Motiven zu unterscheiden und unsere Rolle als Lehrer neu zu finden. Der Grundgedanke, dass alle Menschen lernen wollen, geht von dem Grundvertrauen in das vorhandene Interesse der Schüler aus und kann dazu ermutigen, die Lehrerzentriertheit der Lernprozesse aufzugeben, so dass Schüler und Lehrer gemeinsam lehren und lernen. Er hilft uns, die eigenen Prozesse zu reflektieren, die Wahrnehmung zu schulen, um schließlich aus der Reflexion die nächsten Schritte zu gestalten. Wenn uns das gelingt, werden wir zunehmend entspannter und kreativer unsere Praxis als entwicklungsfördernd erleben.

Die Menschenkunde mit dem »Heilpädagogischen Kurs« Rudolf Steiners als Vertiefung kann zu einer ergiebigen Quelle werden, aus der wir fortwährend schöpfen können, um eine inklusive Waldorfpädagogik auch methodisch umzusetzen. Dafür brauchen wir nicht noch mehr Personal, sondern vor allem den Willen und den Mut, neu zu denken und zu handeln.

Ja, sie kann gelingen, die inklusive Waldorfpädagogik!

Zur Autorin: Maud Beckers ist Inklusionspädagogin und Dozentin am Hamburger Lehrerseminar, Leiterin des Projekts »Inklusive Waldorfpädagogik in der Aus- und Fortbildung«.

Literatur: Blickwechsel 8 unter https://www.forschung-waldorf.de/service/downloadbereich/blickwechsel/

Hinweis: Im Lehrerseminar Hamburg wird ab Sommer 2018 die inklusive Waldorfpädagogik in die Ausbildung integriert und die Zusatzqualifizierung Inklusionspädagoge angeboten: http://waldorfseminar.de

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