Aktuelle Themen – Migration

Von Johannes Mosmann, Juli 2018

Als tiefere Ursache der Katastrophe des Ersten Weltkriegs identifizierte Rudolf Steiner das Zusammenprallen zweier Entwicklungsströme: die Entstehung einer globalisierten Wirtschaft einerseits, und die dieser Entwicklung nicht gewachsenen, noch an »Blut und Boden« haftenden Gemeinschaftsempfindungen andererseits.

Die Weltwirtschaft mache eine Erziehung notwendig, welche die Fähigkeiten heranbilde, sich nationalen, sozialen oder religiösen Zuordnungen frei gegenüberzustellen und als Mitglied einer Weltgemeinschaft zu erleben. Dies sei jedoch nur möglich, wenn das Bildungswesen der nationalstaatlichen Verwaltung entrissen und in die Selbstverwaltung entlassen werde. Nicht die Unterwerfung des Einzelnen unter gemeinschaftlich beschlossene »Werte« sozialisiere, sondern das Ich selbst – sobald man es konsequent frei lasse. Das Ich strebe seiner Natur gemäß nach Ganzheitlichkeit und werde, sofern es seine intimsten Erkenntniskräfte zur Entfaltung bringen könne, über die eigene volksmäßige Prägung hinauswachsen und mit den Angehörigen anderer Völker zusammenfinden.

»Während wir in das eigene Volk hineinwachsen, weil wir gewissermaßen ein Glied von ihm sind, lernen wir die anderen Völker kennen. Sie wirken ... auf dem Umwege des Erkennens, des Verstehens zu uns. Wir lernen sie nach und nach verständnisvoll lieben, und in dem Maße, in dem wir die Menschheit in ihren verschiedenen Völkern auf ihren verschiedenen Gebieten verständnisvoll lieben können, in dem Maße wächst unser innerer Internationalismus.« (Rudolf Steiner)

Erkennen, verstehen und lieben – das sind Tätigkeiten, die der Mensch nur als freies Vermögen in sich entfalten kann. So verständlich daher aktuelle Forderungen wie jene nach der Einführung eines »Werte-Unterrichts« oder der Ernennung eines »Integrationsministers« sind – derlei wirkt von außen auf den Menschen ein und zerstört jene intimen Kräfte, auf welchen alle Völkerverständigung beruht.

Die Waldorfpädagogik stülpt deshalb das Verhältnis zwischen »Sender« und »Empfänger« um: Vom Erlernen des ABC bis hin zum Geschichtsunterricht wird der Stoff so gehandhabt, dass die Form zum Mittel wird, die freien Erkenntniskräfte des Kindes hervorzulocken. Das Kind soll sich an der Welt selbst bilden, und mit dem Ende der Schulzeit die Fähigkeit erlangt haben, sein Selbstwertgefühl unabhängig von jedweder Gruppenzuordnung auf die eigene, freie Persönlichkeit zu stützen. Heute ähnelt die Weltlage in vielfacher Hinsicht dem Vorabend des ErstenWeltkrieges. Andererseits leben in Deutschland mittlerweile über 190 Nationen. In dieser Durchmischung der Völker liegt die gewaltige Chance, ihr Nebeneinander durch gegenseitige Erkenntnis in ein Miteinander zu verwandeln und an einem Gemeinsinn jenseits überkommener Gruppeninstinkte zu arbeiten.

2003 eröffnete in einem Mannheimer »Problemviertel« die erste »Interkulturelle Waldorfschule« mit erweitertem Fächerangebot wie zum Beispiel den »Begegnungssprachen« Türkisch, Polnisch und Kroatisch. Nach diesem Vorbild entstanden dann in Berlin, Hamburg, Dortmund, Stuttgart und Dresden weitere Initiativen, die innerhalb des Bundes der Freien Waldorfschulen im »Arbeitskreis für Interkulturelle Waldorfpädagogik« vernetzt sind.

»Das Umfassend-Menschliche kommt eigentlich durch keinen einzelnen Menschen, ... es kommt nur durch die ganze Menschheit zum Vorschein.« Rudolf Steiner

www.waldorfschule.de/waldorfpaedagogik/interkulturalitaet/

Zum Autor: Johannes Mosmann ist Geschäftsführer der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin und Mitarbeiter des Instituts für soziale Dreigliederung.

Literatur: R. Steiner: Das nationale und internationale Leben im dreigliedrigen sozialen Organismus, GA 332a, Vortrag vom 30.10.1919 in Zürich, S. 190; R. Steiner: Die Völker im Lichte der Geisteswissenschaft, GA335, Vortrag vom 10. 3 1920 in Stuttgart, S. 91

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