Alles Unsichtbare ist echt

Von Philipp Tok, Friedel Reinhardt, Dezember 2009

Philipp Tok im Gespräch mit Friedel Reinhardt

Friedel Reinhardt

Wäre Friedel Bauteil einer Betonarchitektur, sie wäre wohl so etwas wie ein Stahlträger. An ihm findet der Bau seinen Halt, in ihm konzentrieren sich alle Kräfte, an ihm bestimmen sich die Grenzen des Machbaren. Der Stahlträger ist unsichtbar, verbirgt sich im Beton und bildet keine Fassade. Der Vergleich hinkt, da menschliche Statik in der Zeit und nicht im Raum geschieht. 2004 wurde am Lehrerseminar Witten »captura« geboren, eine Initiative, die die Grundsatzfrage »Was ist Schule?«bewegte und zur Kultur- wie Gesellschaftsfrage ausweitete.

Vor zwei Jahren wurde »captura« ein baufälliges, doch herrschaftliches Gutshaus in Hugoldsdorf, nahe Rostock angeboten. Dort geht es um die Entfaltung der Zukunft, ausgehend von dem Begriff der Individualität. Was heißt es, ganz aus der Situation, ganz aus der konkreten Begegnung, aus dem Leben heraus zu arbeiten? Aktuell dient das Gutsgelände Suchenden als Fluchtpunkt, es kommen probende Theatergruppen und Musiker, Arbeitsgruppen und Schulverweigerer. Aus der vereinsamten Ostprovinz will eine »pädagogische« werden. Maria Veron und Florian Lück sind Friedels tägliche Kollegen, Freunde und die Wahl-Familie in einem. Auf dieser Baustelle gibt es kein allgemeines Programm, keine vorgefertigten Inhalte oder Tagesabläufe. Täglich trifft man sich zur Frage: »Was steht an?« – Florian liefert Ideen und Fragen in Überfülle, Maria steigt ein, reißt andere in ihrer Herzensgeste mit, und Friedel prüft, grenzt ab und holt sie auf den Boden.

Philipp Tok | Wo ist im Moment Dein Ort des Lebens?

Friedel Reinhardt | Im Garten. Im letzten Jahr fing das an, dass ich in die graue Landschaft Farbe reinbringen wollte. Ein kleiner Samen, den ich in die Erde tue, wird drei Monate später ein zwei Meter hohes Ding, mit einer goldenen Scheibe, das hat mich wahnsinnig fasziniert. Diese Lebenskraft, das ist ein neues Feld. Alle Blüten richten sich zur Sonne. Klar, das wusste ich auch vorher. Ich richte mich auch gerne zur Sonne hin, aber das so zu erleben, egal wo du sie hintust, durch das Selber-getan-Haben wird es so krass. Ein kosmisches Erlebnis, du setzt dich selber unmittelbar in Beziehung zu Erde und Sonne.

PT | Was ist die Herausforderung?

FR | Der Boden ist vermüllt, dreckig und zugewuchert. Die Erde muss hier bearbeitet werden, damit etwas wachsen kann. Das ist eine äußere Notwendigkeit. Auf der anderen Seite gibt es hier die Menschen, das Gespräch. So entsteht oft die Frage: Was ist jetzt notwendiger? Dass ich mich dem Gespräch widme oder sage, ich will weitergraben?

PT | In welchem Verhältnis steht die körperliche zur geistigen Arbeit?

FR | Eine kaputte Mauer siehst du einfach, einen anfäng­lichen Keim von Inhalt, der entstehen will, den siehst du nicht. Es geht um die Frage nach Wahrnehmung von Keimen, von Themen und Inhalten, die wachsen sollen.

PT | Wo siehst Du die großen Themen und Aufgaben?

FR | Anfänglich würde ich antworten: Es ist die Frage nach der Öffnung des Raumes, damit das menschliche Potenzial zum Vorschein kommt. Irgend etwas ist noch nicht da. Aber ich kann nicht sagen, was oder in welche Richtung. Unsere Zeit fordert, dass das Unsichtbare sichtbar werden kann. Die Aufgabe ist, im ganz konkreten Leben Möglichkeiten dafür zu schaffen.

PT | Ein Praktikum in der Heilpädagogik war für Dich richtungsweisend? Was ist da passiert?

FR | Im Grunde genommen hat sich mir dort das Geheimnis des Menschen offenbart, als eine leise Ahnung. Zuerst erfuhr ich die Breite an Einzigartigkeit des Menschseins, die durch die Behinderten deutlich wird. Ich betreute ein autistisches Mädchen. Sie hat nicht gesprochen. Sobald irgendetwas nicht stimmte: riesiges Geschrei und Gezeter. Am Anfang hat sie mich nur gebissen. Meine ganzen Unterarme waren blau. Mit dem normalen Verständnis, mit der normalen Artikulation kamst du überhaupt nicht an sie heran. Hier erlebte ich zum ersten Mal, dass die gängigen Sinneswahrnehmungen überhaupt keine Rolle spielen, um an das Eigent­liche zu kommen.

Ich habe wahnsinnig viel von ihr geträumt. Ich war an den unterschiedlichsten Orten mit ihr. Sie erschien in den unterschiedlichsten Typen von Mensch. Ich erlebte sie als ganz großen Menschen, groß im Sinne von weise.

PT | Gibt es für das Unsichtbare des Menschen auch eine Sonne?

FR | Ich hoffe doch, dass es die gibt.

PT | Was sagt sie zu Dir?

FR | Es ist etwas Kräftiges, nicht im Sinne einer körperlichen Stärke. Es hat absolut nichts mit Zeit oder Raum zu tun. Es ist warm. »Schreite!«, glaube ich, ist das richtige Wort. Wie eine bewusste Führung, um etwas in eine Klarheit zusammen­zukriegen, um wie ein nicht verständliches Bild malen zu können.

PT | Schreite um sichtbarmachend zu vollenden?

FR | Ich such grad noch. Da ist noch was von etwas Farbigem darinnen. Das Tuende in diesem Wort ist schon richtig. Da suche ich gerade eine Verbindung.

PT | Von Farbe und Tätigkeit?

FR | Da geht es irgendwo hin. ‹›

Zu Friedel Reinhardt: Geboren 1981. Aufgewachsen in Lontzen, Belgien bei Aachen. Schulzeit und Abitur, Freie Waldorfschule Aachen. Tagebucheintrag 15j-ährig: »Ich will in meinem Leben die Kraft haben, aufrecht gegen den Strom der Masse zu stehen.« 2000 Reisen durch Südamerika und Mittelamerika. 2001 Praktikum an der heilpädagogischen Schule »Haus Tobias« in Freiburg. Ab 2002 Studium am Institut für Waldorfpädagogik Witten-Annen, Ausbildung zur Klassenlehrerin und im Fachbereich Theaterpädagogik, Ergänzungen in Arbeits- und Erlebnispädagogik. Seit 2002 captura. 2007 Umzug nach Hugoldsdorf in Nordvorpommern.

www.captura-online.de

Beitrag aus »projekt.zeitung«: »Menschenbilder – Menschen sind Fragmente aus der Zukunft«. In der aktuellen Ausgabe des jungen Magazins zeigen 20 junge Menschen ihre Gedanken, Anliegen und Initiativen in Text und Gespräch.

www.projektzeitung.org

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