Allianz für einen neuen Kammerton

Von Magnus Schlichtig, April 2016

Der Kammerton ist die heutzutage in Hertzschwingungen (Hz) definierte Tonhöhe a´, nach der Instrumente gestimmt werden oder beim Singen angestimmt wird. Die Schwingungen pro Sekunde wurden nach dem deutschen Physiker Heinrich Hertz benannt. Der heute offiziell genormte Kammerton liegt auf 440 Hertz (also 440 Schwingungen pro Sekunde), wobei die Orchester meist auf 442 oder 443 Hz gestimmt werden. Das war nicht immer so.

Foto: © Charlotte Fischer

Die genaue Schwingungszahl der Tonhöhen wurde in früheren Zeiten vermutlich meist intuitiv erfasst. Philosophen und Sternenkundige wie Platon leiteten exakte Tonhöhen aus den Proportionen der Sternen-Rhythmen her. In der Zeit von 1600 bis 1885 waren viele Kammertonhöhen in Gebrauch, wobei die meisten sich auf der Höhe von 432 Hz bewegten. Aufgrund des immer internationaler werdenden Musiklebens entstand der Wunsch nach einer einheitlichen Kammertonhöhe.

So wurde im Jahre 1885 durch eine Jury, der auch Brahms und Verdi angehörten, die Schwingung auf 435 Hz festgelegt. Dabei blieb es aber nicht: 1939 wurde die Kammertonhöhe dann noch einmal auf 440 erhöht.

Die erneute Festlegung soll auf Wunsch von Musikern geschehen sein, aber schon fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erhob sich der erste Protest von Musikern gegen die Kammertonhöhe 440 Hz in Frankreich in Form einer Eingabe bei der Académie des Sciences Paris, begleitet von einer Liste mit 32.000 Unterschriften.

Günter Haffelder vom Institut für Kommunikation und Gehirnforschung in Stuttgart lässt am Kammerton 440 Hz kein gutes Haar. Er fördere Nervosität und Aggression; er wirke negativ auf das Zusammenspiel der Gehirnhälften, während 432 Hz diese gesund und harmonisch koordinierten und dadurch auch die Lernfähigkeit drastisch verbesserten. »Es gibt aufgrund des überspannten (zu hohen) Kammertones 440 Hz keinen größeren Stressberuf als den des Musikers!«, behauptet Haffelder. Seine Position stützen einige Indizien: Da das Ohr auf das C der Zweier-Potenz gestimmt ist, muss das Gehirn andere Tonhöhen fortwährend umwandeln, was Stress erzeugt.

Das Corpus Callosum, das die Brücke zwischen den beiden Gehirnhälften bildet, schwingt bei harmonischer Übereinstimmung der Gehirnhälften auf einem tiefen A unter der Hörbarkeit, bei 3,375 Hz. 3,375 steht in reinem Oktavverhältnis zu 432 Hz! Denn 3,375  sieben mal verdoppelt ergibt 432. Das heißt, durch Verdoppelung der Hertzzahl entsteht immer die nächst höhere Oktav. Haffelder erzielte durch Musiktherapie mit 432 Hz große Erfolge bei Lernschwäche. Für die Kammertonhöhe 432 Hz setzten sich Persönlichkeiten wie Verdi, Paul Hindemith, Luciano Pavarotti, Peter Schreier, Wilhelm Furtwängler oder Dietrich Fischer-Dieskau ein. Seit der Kammerton-Änderung im Jahr 1939 gibt es immer wieder Tagungen und Unterschriftensammlungen für den Kammerton 432 Hz.

Wegen praktischer Probleme wie zu hoch gestimmter Orgeln und hoch genormter Blasinstrumente, die die Korrektur der Kammertonhöhe erschweren, ist Zusammenarbeit Gleichgesinnter notwendig. Allein durch die unermüdliche Aufklärungsarbeit von Dietrich Marx haben über 70.000 Einzelpersonen 432 Hz-Stimmgabeln und einige hundert Waldorfschulen weltweit Flöten für die Anfangsklassen in 432 Hz erworben.

Weitere Wirkung kann erzielt werden, wenn Kammermusikkreise und Orchester, Schulen und Musikschulen sowie Akademien die Reform der Kammertonhöhe gemeinsam planen, auch was die Finanzierungen der nötigen Um- und Neubauten betrifft.

Der nächste Waldorfkongress 432 Hz findet am 16. April 2016 in Dortmund im Thomashaus statt.

Zum Autor: Magnus Schlichtig ist Musiker und Mit-Initiator verschiedener Kammerton-Tagungen. Autor des Buches »Uraspekte des Geigens«. Für Fragen und weitere Infos steht die Musikvereinigung Orpheus e. V. zur Verfügung, E-Mail: magnusromantik(at)online.de

Kommentare

Knut Rennert, 23.05.16 11:05

Die Werbung für den Kammerton a' = 432 Hz empfinde ich als durchaus heikel und problematisch. Das liegt nicht an den vorgetragenen Tatsachen, sondern an deren Auswahl und Bewertung. Zur Urteilsbildung möchte ich einzelne Gesichtspunkte und Fragen ergänzen.

Die Auswahl von a' = 432 Hz ist keineswegs so eindeutig wie dargelegt, denn diese Schwingungszahl ergibt sich durch den Quintenzirkel mit der reinen Quinte 3/2, ausgehend von c' = 256 Hz. Die musikalische Praxis würde entweder die gleichschwebende Temperatur mit a' = 430,54 Hz oder die Terz-reine Stimmung mit a' = 426,66 Hz vorziehen, was noch deutlich tiefer läge. Dieses Problem ließe sich nicht durch Verschieben des Tones a’ lösen, sondern nur dadurch, dass man c' = 256 Hz zum neuen Kammerton macht.

Doch auch dieses c' = 256 Hz ist zu hinterfragen: Es ergibt sich aus der Potenzreihe der Zahl 2, und alle mit ihm verbundenen Eigenschaften sind zunächst einmal verknüpft mit der besonderen Stellung der 2 als erste und einzige gerade Primzahl in unserem dekadischen Zahlensystem mit 0- und 1-Element.

Jedes andere Zahlensystem, von denen es geschichtlich einige gab, und jede andere Zahl ergäben völlig andere Verhältnisse. Zudem ist die Schwingungszahl 256 Hz bedingt durch die Länge der Zeit-Sekunde, welche wiederum von physikalischen und astronomischen Gegebenheiten und der Setzungen unseres Maß-Systems innerhalb der dadurch gegebenen Toleranzen abhängt. Das bedeutet, dass unsere Schwingungszahlen von sehr vielen Bedingungen und (willkürlichen?) Setzungen abhängig sind, deren Bedeutung zu prüfen wäre.

Die dritte Frage knüpft an den Stress an, der durch den Widerspruch zwischen der Stimmung des Ohres, des ganzen Menschen und des Kosmos und der Stimmung der gehörten Musik entsteht. Wenn ich nicht etwas grundsätzlich falsch verstanden habe, gibt es keine Initiation ohne Stress. Und gerade die heutige Initiation der Menschheit, welche zur Entwicklung der Bewusstseinsseele führen soll, beruht ganz entscheidend auf dem Widerspruch zwischen der Seelenstimmung der Menschen und den leiblichen Gegebenheiten, ja der vorgefundenen Schöpfung insgesamt. Aus dem Erleben dieses Widerspruchs kann gerade der Impuls entstehen, sich seelisch-geistig weiterzuentwickeln, welcher für die Menschheit überlebenswichtig ist. Man mag die damit verbundene innere Unruhe und auch die Unruhe in den Klassen für schädlich bzw. für störend halten, doch sind sie auch ein Antrieb des Willens und ein Quell der Kreativität und Wachheit. Meine eigenen Erfahrungen mit tiefer Stimmung entsprechen dem durchaus: Ich fühle mich darin pudelwohl, aber auch etwas gedämpft, und mir fehlt das Anregende, was ich bei neuer Musik, den Schlesinger-Skalen und den Kulturepochen-Stimmungen usw. immer erlebe. Ähnliches habe ich bei Schülern und Erwachsenen erlebt, die sich angenehm beruhigt und wohl fühlen, aber in ihrer Aktivität und Ich-Anwesenheit gedämpft werden. So halte ich, kurz gesagt, die tiefe Stimmung für ein so starkes Heilmittel, dass es rezeptpflichtig sein müsste. In Schule und Musikleben halte ich es daher, wenn man nicht Altes konservieren will, für nur in sehr engen Grenzen einsetzbar.

Magnus Schlichtig, 27.08.17 18:08

Stress gibt es in unterschiedlicher Weise:

In diesem Zusammenhang zunächst einmal den Dauer-Stress, mit dem der heute übliche Kammerton alle Musik jedweder Musikrichtung überzieht. Dies soll die Initiation fördern?

Es kann auch Stress geben, wenn Personen aufgefordert werden, lieb gewordene Gewohnheiten zu ändern.

Ersterer währt also dauernd, Lezterer löst sich, so bald die wohltuende Wirkung des „Rezeptes für 432 Hz“ - welches nach Giuseppe Verdi (an die internationale Musikwelt) auch Paul Hindemith (Siehe Hans Kayser „Akrosiasis“) ausgestellt hatte, sowie u. a. a. Rudolf Steiner an die gesamte Waldorf-Bewegung, die Schule der Stimmenthüllung, und an die Forscher mit uralten Skalen - zu wirken beginnt.

Der moderne Symphoniker Raimund Schwedeler, dessen symphonisches Schaffen sich schrittweise in den nächsten 100 Jahren erschließen wird, bestätigte mir, dass sich die Inspiration stets in Schwingungen, die dem 432 Hz-Kammerton entsprechen, ereignet. Bei der heute üblichen Zählweise in Hertz (Schwingungen pro Sekunde) entspricht 432 Hz dem reinen A Dur Dreiklang, das C der 2er-Potenz dem reinen C Dur Dreiklang. Wenn man vom C der 2er-Potenz durch den Quintenzirkel geht, ergeben sich vollkommen reine Dur-Dreiklänge (schwebungsfrei). Auf diesem Gang ergibt sich 426 Hz als Prim von A Moll. Ich gehe davon aus, dass auch schon Giuseppe Verdi deswegen auf die 432 Hz-Schwingung abhob, da 432 Hz Prim im Quinten-Kreis der Primen der reinen Dur-Dreiklänge ist! Moll hingegen gibt es als schwebungsfreie Drei-Klänge nicht.

Zur mathematischen Übereinstimmung von Zahlen und Tonhöhen sind die Ausführungen von Georg Glöckler zu empfehlen (teilweise im Buch „Der hörende Mensch“ von A. Husemann abgedruckt).

Auch S. Prokoffieff weist im Buch „Die 12 heiligen Nächte“ auf die Bedeutung des 2er Potenz-C Tones hin, der über die heutige Frequenzbezeichnung nach Hertz hinaus von größter Bedeutung ist.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen