Analytisch oder synthetisch?

Von Manfred Feyk, Dezember 2012

Ergänzung zu J. F. Brakels Artikel: »Land macht Leute – Geographie als Weg zum anderen Menschen« in Heft 12/2012

Zur Methodik der wissenschaftlichen Geographie wäre Folgendes in Kürze zu ergänzen bzw. richtig zu stellen: Ferdinand von Richthofen war im 19. Jh. derjenige, der den Wandel des Faches methodisch aus einer regionalen synthetischen hin zu einer analytischen, historisch-genetischen Betrachtungsweise bewirkte. Diese wurde ihrerseits Basis für die heutige analytisch-dynamische Vorgehensweise in der Geographie. In dieser geht es längst nicht mehr vorrangig um Zahlen, Daten oder Fakten, sondern um die Erkenntnis der kausalen und prozessualen Zusammenhänge im vielfältig vernetzten Geflecht der Natur, um die Haltung des Menschen dazu und seine Rolle hierin.

Alexander von Humboldt und Carl Ritter begründeten um 1800 die moderne Geographie: die Erforschung der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Zuvor, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, hatte Bernhard Varenius eine erste bis heute gebliebene Ordnung in die 2000jährige Faktensammlung seit Strabo (20 v. Chr.†) gebracht: Varenius hatte das Fach in eine beschreibende allgemeine (Verbreitung und Wandel räumlicher Einzelerscheinungen) und eine spezielle Geographie (Summe der Erscheinungen an einem Ort) unterteilt. Den bis dahin üblichen Zweigen, dem mathematisch-astronomischen und dem historisch-menschlichen, fügte er noch einen dritten Zweig hinzu, nämlich die Betrachtung der Natur der Erde. Dies war der Beginn der Physischen Geographie, die lange Zeit das Fach naturwissenschaftlich prägte.

Humboldt und Ritter waren die letzten, die jeweils den Versuch unternahmen, ein Gesamtwerk der Geographie auf der Höhe ihrer Zeit zu schreiben: V. Humboldts »Kosmos« und Ritters »Erdkunde« (20.000 Seiten!) blieben jedoch unvollkommen; beide Geographen waren nicht zuletzt an dem ungeheuren Materialfundus gescheitert. Viele von ihnen behandelte Sachverhalte erforderten eine ursächlich-genetische Betrachtungsweise, was nur in eigenständigen Disziplinen mit speziellen, fachgemäßen Methoden zu leisten war. Damit einhergehend wandelte sich die Geographie aber von einer Sachwissenschaft zu einer Integrationswissenschaft. Seitdem wurde sie im Unterschied zu den sich etablierenden Spezialwissenschaften wie etwa Geologie (ursprünglich Erdgeschichte), Biologie und Meteorologie zunehmend als Bildungswissenschaft in Schule und Öffentlichkeit wahrgenommen.

Auf die bedeutenden Entwicklungsschritte des Faches in den letzten hundert Jahren will ich hier nicht weiter eingehen: Durch den seit dem 37. Deutschen Geographentag in Kiel 1969 vollzogenen Wandel der Geographie zum Primat des Sozialen begann jedenfalls eine Hinwendung zu einer Gesellschaftswissenschaft, die Raum nur mehr als bloßen Verfügungsraum betrachtete. In den Schullehrplänen wurde dies seit den 1970er Jahren mit dem Aufgehen der Geographie in ein Fach »Gemeinschaftskunde« nachvollzogen. Auch deshalb verschwand die Geographie – wie Herr Brakel richtig bemerkt – mehr und mehr aus den Lehrplänen.

Es bleibt also festzuhalten:

  1. Die von Herrn Brakel zu Beginn seines ansonsten empfehlenswerten Aufsatzes vertretene Auffassung, die wissenschaftliche Geographie arbeite anders als andere Wissenschaften synthetisch, hatte ihre Richtigkeit vor über 100 Jahren!
  2. Die von ihm erwähnte Geomorphologie ist eine tragende Teildisziplin der Physischen Geographie, das Fach Bodenkunde verdankt ihr wesentliche Impulse. Die Einrichtung von Laboratorien in Geographischen Instituten erfolgte seit den 1960er-Jahren. Sie ermöglichten die Hinwendung zur quantitativen Prozessforschung in Geomorphologie, Klimatologie und Bodenkunde.
  3. Eine Wissenschaft für den Handel zu sein, war nie Aufgabe der wissenschaftlichen Geographie, sondern bestenfalls Motiv einzelner Reisender sowie Anwendungserwartung bestimmter Nutznießer.
  4. Erdgegenden lebendig zu beschreiben, selbst (Nach-)Erlebtes authentisch zu erzählen, Fremdes im Unterricht fühlbar machen, ist enorm wichtig. Aber eine Karte ist fast wie ein Buch: Schüler sollten sie lesen lernen. Sie gehört zum Geographieunterricht!
  5. Im geographischen Kontext gilt »Land macht Leute« ebenso wie »Leute machen Land«!

Eines der wichtigsten Basisfächer für Erd-, Mensch- und Umweltbewusstsein an der (staatlichen) Schule abzubauen war einer der größten bildungspolitischen Skandale der 1970er Jahre mit Langzeitwirkung bis heute! Die pädagogischen Möglichkeiten der Geographie sind dagegen nicht nur ungebrochen, sondern sogar äußerst geboten. An der Waldorfschule können wir sie entfalten, eine geoökologisch ausgerichtete Erdkunde wäre dabei sicherlich der zeitgemäße Anspruch.

Manfred Feyk, Klassen- und Fachlehrer an der Freien Waldorfschule Braunschweig

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