Analytisches Denken mit dem Herzen verbinden. Im Gespräch mit der »Baumfrau« Julia Butterfly Hill

Von Julia Butterfly Hill, Valentin Ihßen, Oktober 2011

»Es ist falsch zu sagen, wir wüssten nicht, was wir tun! Wir tun nicht, was wir wissen, und wenn wir das nicht bald ändern, werden wir wissen, was wir hätten tun sollen.« So ungefähr könnte man den Tenor des 4. Kasseler Jugendsymposiums zum Thema »Energie« zusammenfassen, denn natürlich standen angesichts der aktuellen Ereignisse der Klimawandel und die Energiewende im Mittelpunkt. Ein Highlight der Tagung, bei der unter anderen Franz Alt, Hermann Ott und Gerald Häfner mitwirkten, war der Vortrag »Living Lives of Purpose, Passion and Power« von Julia Butterfly Hill.

Waldorfschüller und Baumfrau in der Mitten

Julia Butterfly Hill wurde durch ihren »Treesit« im Jahr 1997 international bekannt. 738 Tage lebte sie auf einem tausendjährigen Redwood-Baum, um gegen die Zerstörung der Urwälder zu demonstrieren. Im Dezember 1999 betrat sie zum ersten Mal nach zwei Jahren auf dem Baum wieder den Boden. Seitdem setzt sie sich international für einen respektvolleren Umgang mit der Natur ein.

Hill ist davon überzeugt, dass die globalen ökologischen und gesellschaftlichen Probleme nur die Symptome eines inneren Ungleichgewichts sind. Ihr Schlüsselwort ist »Co-Creating« – die aktive Mitgestaltung unserer sozialen und natürlichen Umwelt. Begegnungen scheitern ihrer Ansicht nach zu oft daran, dass sich beide Seiten im Besitz der Wahrheit wähnen und die Ansichten ihres Gegenübers verurteilen. »By standing together in unity, solidarity and love we will heal the wounds in the earth and in each other. We can make a positive difference through our actions.«

Gemeinsam mit ungefähr zwanzig anderen Jugendlichen nahm Valentin Ihßen an Julia Hills Workshop teil und unterhielt sich in der Mittagspause mit der legendären »Baumfrau«.

Valentin Ihßen | Welche Kraft inspiriert und treibt Sie an?

Julia Butterfly Hill | Die Liebe. – Liebe ist meine Religion, meine Liebe für diese Welt, unseren Planeten und für unser Dasein. Sie inspiriert mich, mein Leben so zu gestalten, wie ich es tue. Wenn ich keine Liebe verspüre, verliere ich all meine Inspiration. Nur wenn ich Liebe empfinde, fühle ich mich dazu inspiriert, sorgsam mit meiner Umwelt umzugehen und politisch aktiv zu werden.

VI | Sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch, wenn Sie über die Zukunft unserer Zivilisation und der Natur nachdenken?

JBH | Ich glaube, die Begriffe Optimismus und Pessimismus klammern sich zu sehr an Ergebnisse. Ein sicherer Weg zu scheitern, ist, sich ausschließlich auf Ergebnisse zu fixieren. Ich kann die Welt nicht kontrollieren, sondern nur mich selbst! Wenn es so etwas wie Optimismus gibt, dann existiert er nur, indem ich jeden Morgen aufwache und mich frage: »Was kann ich heute tun, um meine Welt zu verbessern?« Darin bestünde für mich Optimismus. Aber für mich geht es gar nicht so sehr um Optimismus und Pessimismus, sondern um die Frage: »Was möchte ich mit meinem Dasein bewirken?« Und was sollte ich anderes mit meinem Leben tun wollen, als es dafür einzusetzen, unsere Welt zu verbessern – ohne dabei auf Ergebnisse fixiert zu sein?

Wenn ich jemandem gegenüberstehe, der meine Ansichten nicht teilt, ist alles, was ich ändern kann, mein Gefühl. Entscheide ich mich dazu, frustriert zu sein, werde ich mich in der Situation sehr viel schlechter fühlen, als wenn ich akzeptiere: »Diese Person tut etwas, mit dem ich nicht einverstanden bin. Sie tut es – wie möchte ich damit umgehen?«

VI | Sie geben Ihrem Gesprächspartner also durch ihre Akzeptanz die Möglichkeit, seine Sichtweise zu ändern?

JBH | Ja klar, er ist dadurch weniger gefangen in seiner Meinung. Aber ich fühle mich in solchen Situationen auch viel freier, wenn ich die Meinung meines Gegenübers akzeptiere. Denken Sie mal darüber nach: Wenn Sie frustriert sind, fühlen Sie sich nicht frei, oder? Also ich fühle mich in solchen Situationen wie gefangen. Meine Akzeptanz gibt also nicht nur meinem Gegenüber ein Freiheitsgefühl, sondern zuallererst mir selbst. Mein Gesprächspartner wird womöglich nie sein Verhalten ändern. Wenn ich daran festhalte, ihn dazu bringen zu wollen, werde ich nur frustriert …

VI | Wie sehen Sie die Entwicklung unserer Gesellschaft hinsichtlich der Umweltzerstörung seit Ihrem »Treesit« 1997?

JBH | Es ist interessant, dass Menschen in den verschiedensten Lebenslagen auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf die Aktion reagiert haben. Viele haben ihre Gewohnheiten und ihr Konsumverhalten überdacht und geändert oder sind selbst umweltpolitisch aktiv geworden.

Eine Frau ist zu mir gekommen, nachdem ihr Arzt Krebs diagnostiziert hatte. Sie hatte sich gesagt: »Wenn der Arzt sagt, ich werde sterben, dann sterbe ich!« Dann hörte sie von meiner Aktion und dachte sich: »Wenn diese Julia Butterfly Hill zwei Jahre auf einem Baum leben konnte, ohne ein Mal den Boden berührt zu haben, kann ich meine Krankheit besiegen!« Die Frau änderte ihr Leben, und als ich sie wiedertraf, hatte sie den Krebs überwunden. Und das, nachdem ihr Arzt ihr gesagt hatte, sie hätte nur noch sechs Monate zu leben.

Was ich daraus gelernt habe: All unsere Taten beeinflussen unsere Mitmenschen und unsere Umwelt. Selbst wenn wir die Auswirkungen unserer Entscheidungen manchmal nicht sehen – sie sind da. Gewissenhaftes Handeln bewirkt mehr, als wir denken.

VI | Wie, glauben Sie, lebt die Menschheit in fünfzig Jahren?

JBH | Unser aktueller Lebensstil tut weder uns noch unserer Umwelt gut – so können wir also nicht weitermachen. Das Trinkwasser auf der Südhalbkugel wird knapp, wie auch die alten Energie-Ressourcen. Wir nehmen negativen Einfluss auf unser Klima und die Landwirtschaft. Die Bienen verschwinden. Wo man auch hinschaut, kollabieren Ökosysteme aller Art – es ist unmöglich, dass die Weltbevölkerung so weitermacht! Meine Hoffnung ist, dass wir in fünfzig Jahren aus den Wirren des maßlosen Konsums aufgewacht sein werden, um zu realisieren, dass unser alter Lebensstil ungesund und zerstörerisch ist.

Wir werden unser Leben lokaler gestalten müssen: Unsere Lebensmittel regional anbauen, unser Konsumverhalten überdenken und soziale Netzwerke in unmittelbarer Umgebung ausbauen. Wir sollten nicht nur darüber nachdenken, wie wir unseren riesigen Energiebedarf durch die erneuerbaren Energien decken können, sondern vielmehr darüber, wie wir Energie einsparen können. In fünfzig Jahren werden wir als Weltbürger unsere Art zu denken geändert haben und respektvoller mit der Natur umgehen.

VI | Was denken Sie über das Jahr 2012?

JBH | Die Mayas waren brillante Naturwissenschaftler. Sie waren so weit entwickelt, dass wir ihre Erkenntnisse heute immer noch nicht fassen können. Ich glaube, dass sich im Jahre 2012 irgendetwas verändern wird, dass es einen Umbruch gibt. Was das genau sein wird, wissen wir nicht! Außerdem dürfen wir nicht zu fixiert auf Resultate sein! Alles, was wir tun können, ist, uns klar zu machen: Hier und jetzt leben wir unser Leben – entweder im Einklang mit unserer Umwelt oder auf eine zerstörerische Art, die uns am Ende die Lebensgrundlage nehmen wird. Was immer 2012 passieren wird, unser Leben sollte dazu beitragen, die Veränderungen ins Positive zu wenden!

VI | Haben Sie darüber nachgedacht, wieder eine Protestaktion zu starten, dann vielleicht nicht in den USA, sondern im Ausland?

JBH | Ich habe viel unternommen seit dem Treesit, das ist nur die Aktion, durch die ich berühmt wurde. In Equador demonstrierte ich gegen die Rodung der Regenwälder, wurde verhaftet, festgehalten und ausgewiesen. Der damalige Präsident Equadors gab persönlich den Befehl, mich aus dem Land zu schaffen.

Am meisten habe ich in den USA und Europa gearbeitet, hauptsächlich, weil ich eine schmerzhafte Knochenkrankheit habe, die es mir unmöglich macht, weite Strecken zu Fuß zu gehen. Ich habe aber trotzdem Projekte in Afrika, Neuseeland, Australien, Japan und China unterstützt – aber nicht in Person.

VI | Hatten Sie schon von Rudolf Steiner und der Anthroposophie gehört, bevor Sie nach Kassel kamen?

JBH | Ja, Ich kenne die Anthroposophie schon sehr lange.

Waldorf ist in Amerika sehr verbreitet. Ich habe bei Fund­raising-Aktionen mitgeholfen, um auch Kindern aus finanziell benachteiligten Familien den Schulbesuch an einer Waldorfschule zu ermöglichen. Außerdem habe ich anthroposophische Projekte wie Monte Azul in Sao Paulo unterstützt.

VI | Was ist Ihr Eindruck von den Deutschen?

JBH | Die Deutschen, die ich auf meinen Reisen getroffen habe, haben die Kunst des Denkens perfektioniert. Wir alle haben einzigartige kulturell bedingte Wesenszüge, und ich glaube, das Talent der Deutschen ist das analytische Denken. Ich versuche, dabei behilflich zu sein, analytisches Denken mit dem Herzen in Verbindung zu bringen.

Das ist ein Geschenk, das ich euch gerne machen würde!

Das 4. Kasseler Jugendsymposium fand vom 2.-5.6.2011 statt. Das 5. Symposium zum Thema »Ästhetik« findet vom 8.-11.12.2011 statt.

Link: http://wiki.jugendsymposion.de

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