Angriff auf die Meinungsfreiheit

Von Christel Traut, April 2019

Leserbrief zu dem Artikel »Wo stehen Waldorfschulen politisch: rechts, links oder in der Mitte?«, in »Erziehungskunst«, Heft 9/2018.

Mit Staunen und Sorge habe ich in dem oben genannten Artikel gelesen, dass in Nordrhein-Westfalen 2017 ein Arbeitskreis gegen »Rechts« begründet wurde und dass der Bund der Freien Waldorfschulen derartige Arbeitskreise unterstützt. Als Begründung werden einige Fälle von Rechtsaktivisten an Waldorfschulen genannt. Die Anzahl der genannten Fälle ist allerdings, im Verhältnis zur Anzahl der Waldorfschulen im deutschsprachigen Raum, sehr gering. Meine bange Frage ist nun, wohin es führt, wenn die Waldorfschulen politisiert werden, egal, in welche Richtung. Könnte durch derartige Arbeitsgruppen gegen »Rechts« nicht die Gefahr entstehen, dass die Meinungsfreiheit an Waldorfschulen langfristig und schleichend eingeschränkt wird, weil die Menschen sich nicht mehr trauen, offen zu sprechen, aus Sorge, dass sie, wenn sie etwas Falsches sagen, als irgendwie »rechts« (was auch immer der Einzelne darunter verstehen mag) verdächtigt und eingeordnet werden und damit auf der als »böse« definierten Seite stehen? Treibt man damit nicht vor allem eine Spaltung innerhalb der Waldorfwelt voran, anstatt einen gemeinsamen positiven und zukunftsweisenden geistigen Strom zu initiieren? Wer weiß, welcher politische Geist zur DDR-Zeit an den Schulen in Ostdeutschland geherrscht hat, der weiß auch, wie grundsätzlich gefährlich für ein freies Geistesleben die Politisierung der Schulen ist. Sollen jetzt an Waldorfschulen verdächtige Äußerungen gesammelt, die Menschen nach Markierungswörtern sortiert und Schüler, Eltern und Lehrer auf sogenannte »rechte« Bemerkungen hin »bespitzelt« werden? Dann wäre es um den guten Geist der Waldorfschule geschehen.

Wenn man sich schon vom Bund der Freien Waldorfschulen und zusätzlich eingerichteten Arbeitskreisen aus um übergeordnete gesellschaftliche Fragen kümmern möchte, sollte man sich auf jeden Fall auch mit der von Rudolf Steiner entwickelten sozialen Dreigliederung und mit seinen Vorträgen zum Zeitgeschehen (GA 170-174b) auseinandersetzen. Denn die gedankliche Arbeit an der sozialen Dreigliederung und an den Vorträgen zum Zeitgeschehen schult das Wahrnehmungs- und Differenzierungsvermögen für gesellschaftliche Phänomene und deren Hintergründe. Diese Arbeit könnte auch zu einem tieferen Verständnis des Attributs »frei« führen, welches die Waldorfschulen in ihrem Namen tragen. Als Bildungseinrichtungen sind sie tatsächlich Bestandteil des Geisteslebens, das in der sozialen Dreigliederung vom Prinzip der Freiheit durchdrungen sein müsste.

Solange man in Gesellschaft und Schule sowie Arbeitskreisen offen und auch kritisch sprechen kann und eine freie Meinungsäußerung möglich ist, gibt es auch ein freies Geistes­-leben. Sollte eine Freie Waldorfschule sich lieber »für« als »gegen« etwas einsetzen wollen, dann könnte sie es z.B. wie die Freie Waldorfschule Eisenach machen, die sich anlässlich des Flüchtlingsthemas um den Titel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« beworben hat. Hierbei engagiert man sich dann in selbstgewählten Projekten, besonders für Zivil­courage und kulturelle Vielfalt.

Wo stehen Waldorfschulen politisch: rechts, links oder in der Mitte?

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