Ankommen – Flüchtlingskinder in Waldorfschulen

Von Kaja Godart, Februar 2016

Wie gut sind Waldorfschulen für die Aufnahme von Flüchtlingskindern gerüstet? Mit dieser Frage beschäftigten sich Waldorflehrer auf der didacta Bildungsmesse letzte Woche in Köln. Der Bund der Freien Waldorfschulen hatte zum Erfahrungsaustausch geladen und wollte wissen, wie sich die Schulen auf diese große Aufgabe vorbereiten.

Es ist die wohl größte Herausforderung des Bildungssystems derzeit: Die Integration von Flüchtlingskindern in Kitas und Schulen. Dennoch haben gerade einmal 21 von 235 Waldorfschulen Flüchtlingskinder aufgenommen. Viele Fragen sind offen, es braucht mehr Personal und zusätzliche Gelder für Deutschunterricht, Förderstunden und Heilpädagogik. Wie lösen die 20 Waldorfschulen das?

Darüber tauschten sich Lehrer auf dem Messe-Forum des Bundes der Freien Waldorfschulen aus. Man könne nicht länger warten, sondern müsse jetzt handeln, forderte etwa Matthias Braselmann bei dem Gespräch in Köln. Er ist Lehrer an der Windrather Talschule Velbert, an der zur Zeit 30 Flüchtlingskinder die Klassen 1 bis 11 besuchen. Als inklusive Schule sei man darauf vorbereitet, dass Kinder mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Voraussetzungen in die Schule kommen, sagte Braselmann, daher seien solche Schulen von Haus aus für die Aufnahme von Flüchtlingskindern geeignet. Die Klassenkameraden seien zudem die wichtigsten Integrationshelfer, berichtete Johannes Hüttich, Lehrer an der Freien Waldorfschule Kassel. Gerade jüngere Kinder würden keinen Unterschied zwischen Nationalitäten machen und die Neuankömmlinge ganz selbstverständlich aufnehmen, bestätigten auch die anderen Lehrer.

In Kassel fand man kreative Finanzierungswege: Es wurden Industriepartner gewonnen, etwa der dm Markt oder der Städtische Versorger. So können beispielsweise der tägliche Sprachunterricht und die Berufsorientierung für die Flüchtlinge in der 9. und 10. Klasse finanziert werden.

Deutschkenntnisse sind ohnehin das Wichtigste, betonte Roswitha Rodewig, Schulärztin an der Rudolf Steiner Schule Witten, wo derzeit 20 Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Ehemalige Lehrer geben dort nun zusätzliche Deutschstunden, außerdem wurde ein Arbeitskreis gegründet, in dem Lehrer und Eltern aus Deutschland, Syrien oder Aserbaidschan zu Gesprächen oder gemeinsamen Aktionen zusammenkommen.

Ein großer Vorteil sei, dass die Methoden der Waldorfpädagogik kulturübergreifend wirksam seien, nicht umsonst gäbe es Waldorfschulen auf der ganzen Welt, warf Johannes Hüttich in die Runde. Gerade die künstlerisch-handwerklichen Fächer bieten eine große, heilende Chance: Man muss nicht viel reden, sondern konzentriert sich auf das Tun. Das erleichtert die Annäherung untereinander und lenkt zumindest einen Moment von Erlebtem ab. Die feste Klassengemeinschaft kann zudem einen sicheren Rahmen für Kinder bieten, die bisher kaum Sicherheit erfahren haben. Das hilft, anzukommen.

Wichtig sei aber dennoch, dass die Lehrer gut auf die Arbeit mit teils schwer traumatisierten Kindern vorbereitet werden, gab Barbara Schiller von der Organisation Start international e.V. zu bedenken und forderte mit Nachdruck Fortbildungen in Traumaarbeit und interkultureller Kommunikation.

»Integration ist kein Selbstläufer, aber jede Schule kann sich auf den Weg machen«, schloss Roswitha Rodewig die Runde. Und die Schulen sind auf dem Weg: Rund 100 weitere Waldorfschulen haben angekündigt, in den kommenden Monaten Flüchtlingskinder aufzunehmen, hieß es vom Bund der Freien Waldorfschulen.  

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