Gesunde Ernährung macht lernfähig

Von Sabine Schäfer, April 2010

Eine gute Ernährung schützt vor Übergewicht und ist gut für die Gesundheit. Das weiß heute fast jeder. Weniger bekannt ist, dass gesunde Ernährung die Lernfähigkeit verbessert. Die anthroposophische Ärztin und Ernährungsmedizinerin Dr. Sabine Schäfer erklärt warum.

Auch das Gehirn will ernährt sein

Die heutigen Krankheiten zeigen auffällig häufig Störungen des Nerven- und Sinnessystems. So leiden Kinder und Erwachsene immer öfter an mangelnder Konzentrationsfähigkeit, Unruhe, ADHS, Störungen der Fein- und Grobmotorik, Migräne und Kopfschmerzen. Auch Allergien, Ekzeme und nervöse Verdauungsstörungen nehmen zu. Die Beschwerden sind häufig Folgen einer mangelnden Nahrungsqualität oder einer fehlerhaften Ernährung.

Was heißt eigentlich Ernährung?

Die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners lassen uns die menschliche Ernährung völlig neu verstehen. Im Jahr 1924 weist Steiner während des landwirtschaftlichen Kurses in Koberwitz darauf hin, dass die Art, wie die moderne Menschheit sich ernähre, immer mehr zu einer Schwächung und zu chronischen Erkrankungen führen werde. Der »materialistische Landwirt« könne sich heute schon ausrechnen, »in wieviel Jahrzehnten die Produkte so degeneriert sein werden, dass sie noch im Laufe dieses Jahrhunderts nicht mehr zur Nahrung der Menschen dienen können« (GA 327).

Die Aufnahme von Nahrungsmitteln, sagt Steiner, diene in erster Linie der Ernährung des menschlichen Kopfes. Die Nahrungssubstanzen, die der Mensch isst, werden im Magen und durch die Tätigkeit von Galle, Bauchspeicheldrüse und Verdauungssäften vollständig in ihre kleinsten Bausteine abgebaut, das heißt, alles Lebendige der Pflanze und der tierischen Produkte wird abgetötet.

Diese Stoffe gelangen dann durch die Darmwand ins Innere des Menschen, werden neu aufgebaut zu menschlichem Eiweiß, Fetten und Kohlenhydraten und strömen hinauf in den Kopfbereich. Durch das Blut kommt nun dieser Ernährungsstrom an die Blut-Hirnschranke im Gehirn heran. Nur die mineralischen Extrakte, die Salze und Zucker, können direkt die Blut-Hirnschranke durchdringen und bilden dann die Grundlage für die Hirntätigkeit und das Denken. Hochwertige Fette benötigt das Nervensystem für seinen inneren Aufbau, Kohlenhydrate liefern die nötige Energie für die Hirnfunktion.

Symptome falscher Ernährung nehmen massiv zu

Werden Gehirn und Nerven nicht genügend durch hochwertige Nahrungsmittel ernährt, so treten immer häufiger Krankheiten und Beschwerden auf, die Ausdruck eines geschwächten Nervensystems sind. Eine dieser Krankheiten ist die Legasthenie. Bei den betroffenen Kindern kommt es oft zu Koordinationsstörungen der Augenmuskeln, Teile des Gesichtsfeldes fallen aus und die Feinmotorik sowie die Sprachwahrnehmung sind gestört. Oft leiden die Kinder unter Ängsten und Depressionen oder haben Verhaltensstörungen. Eine molekularbiologische Grundlage der Störung wird angenommen. Die gestörte Informationsverarbeitung lässt sich über Arealen der linken Hirnsphäre messen, wie Schulte-Körne und Remschmidt gezeigt haben.

Auch das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) geht mit einem gereizten Nervensystem, Konzentrationsstörungen, Unruhezuständen und häufig Störungen der Grob- und Feinmotorik  einher. Mediziner gehen davon aus, dass gestörte Abläufe im Gehirn Ursache des Problems sind. Jedes fünfte Schulkind ist daran erkrankt, mit steigender Tendenz.

Störungen des vegetativen Nervensystems nehmen ebenfalls zu und zeigen sich bei Kindern und Erwachsenen in Form von Verdauungsproblemen: Durchfall oder Verstopfung, Bauchschmerzen und Blähungen. Auffällig ist eine zunehmende Lebensmittelunverträglichkeit und eine Laktose- oder Fruktoseintoleranz. Es finden sich häufig Funktionsstörungen der Galle oder der Bauchspeicheldrüse.

Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Allergien, die wiederum zusammenhängen mit Unruhezuständen und Überreiztheit, gehören ebenfalls zu den Krankheiten des Nervensystems. Auffallend ist bei diesen Patienten, dass sie besonders geruchs- und geräuschempfindlich sind.

Falsche und qualitätsarme Ernährung schwächt die Nerven- und Sinnesorgane sowie das Immunsystem, was sich in einer Abnahme der Lymphozyten ausdrückt. Kein Wunder: Schließlich ist der Darm an 80 Prozent aller Immunvorgänge beteiligt.

Welche Lebensmittel fördern unsere Leistungs- und Lernfähigkeit?

Für eine gesunde Ernährung ist wichtig, dass die einzelnen Nahrungsgrundlagen ausgewogen auf den menschlichen Organismus abgestimmt sind und seinen heutigen Bedürfnissen entsprechen: maximal 50–55 Prozent Kohlen­hydrate, 20–25 Prozent Eiweiß, 20–25 Prozent hochwertige Fette.

Die heute übliche kohlenhydratreiche Ernährung (Brot, Kartoffeln, Nudeln, Süßigkeiten) mit hochraffinierten Produkten sollte deutlich reduziert werden, da Kohlenhydrate im Organismus immer in Zucker umgewandelt werden und damit das Nervensystem schwächen und Entzündungen hervorrufen.

Weniger problematisch sind Kohlenhydrate in Form von Vollkorn-Getreideprodukten, die jedoch nicht roh, sondern gekocht, geröstet oder als Sauerteigbrot verzehrt werden sollten.  Besonders empfehlenswert sind Hirse, Hafer, Dinkel und Roggen.

Eiweiß (Protein) ist die Grundlage allen Lebens. Es baut die inneren Organe auf und stärkt die Muskulatur. Hochwertige Proteine finden sich in Milchprodukten wie Quark und Frischkäse, Eiern, Fisch, Fleisch und Nüssen. »Die denkbar größte Sorgfalt muss darauf gerichtet sein, dass dem Körper nicht zuviel und zuwenig Eiweißstoffe zugeführt werden. Da muss unbedingt das richtige Maß gefunden werden«, so Rudolf Steiner 1923 (GA 350). Ein Proteinmangel führt zu Muskelschwäche, Kraftlosigkeit, Herzmuskelschwäche und anderen Organstörungen sowie Immunschwäche.

Hochwertige Fette wärmen unseren Organismus und ernähren unsere Nerven. Empfehlenswert sind Öle aus Nüssen, Oliven, Kürbis, Lein sowie hochwertige Fette aus Biomilch (Milch, Butter, Sahne, Joghurt), Fischen und Sesam. Demeter-Milch, die von Kühen stammt, die überwiegend Heu und Gras und kein Kraftfutter erhalten, enthält ein Vielfaches mehr an ungesättigten Fettsäuren und sollte daher bevorzugt werden.

Viel frisches Obst (Äpfel) und heimisches Gemüse aus biologisch-dynamischem Anbau sollten den Speiseplan bereichern. Große Bedeutung für das Nervensystem haben mineralreiche Gemüse, da Mineralien die Blut-Hirn-Schranke durchdringen und direkt die Nerven stärken. »Nur salzreiche Stoffe sind fähig, in den Kopf zu dringen. Salzreiche Stoffe, wurzelhafte Stoffe machen den Menschen durch den Kopf stark, und gerade bei den Möhren, da ist es so, dass die allerobersten Partien des Kopfes stark werden ...«, sagte Rudolf Steiner in einem Vortrag in Dornach 1924 (GA 354).

Ergebnisse der »Möhrenstudie«

Ich habe diese Zusammenhänge durch eine auf drei Jahre angelegte Studie mit hundert Patienten im Rahmen des Persephoneia Instituts für Agrarkultur und Heilkunst überprüft. Dabei konnte ich nachweisen, dass ein regelmäßiger Möhrenkonsum eine deutlich positive Wirkung auf nervlich bedingte Krankheiten hervorruft (siehe Grafik in der gedruckten Ausgabe).

Ich empfehle  Möhren für Säuglinge in der Übergangszeit von der Muttermilch auf sogenannte »Erdennahrung«. An die lebendige Pflanze gebundene Mineralien beugen Allergien und Unverträglichkeiten vor, fördern eine gesunde Hirn- und Nervenentwicklung und damit die Lern- und Konzentrationsfähigkeit. Schulkindern empfehle ich täglich eine Möhre, einen Apfel und Nüsse (Mandeln, Walnüsse) für das Pausenessen mitzugeben. Es wird die Lernfähigkeit deutlich verbessern. Ein kleines Pausenbrot belegt mit Butter und gutem Aufschnitt sollte das Frühstück abrunden.

Für jede Denkfähigkeit und für jede Vorstellung ist ein materieller physischer Stoff wie hochwertige Mineralien und Salze als Grundlage nötig, der aus dem lebendigen Ernährungsvorgang stammt. Unsere Zeit fordert auf Grund der massiven Zunahme ernährungsbedingter Krankheiten und Störungen eine rasche Umsetzung von gesunden Ernährungsformen, insbesondere im Kindesalter. Von einer gesunden Ernährung hängen nicht nur die Gesundheit, sondern unsere geistige Tätigkeit und das Denken ab.

Zur Autorin: Dr. med. Sabine Schäfer arbeitet als anthroposophisch orientierte Allgemein- und Ernährungsmedizinerin im Gesundheitszentrum Marbachshöhe und leitet das altersstufenübergreifende IAKCHOS Kinder- und Jugendhaus.

Literatur:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Ernährungsbericht, Bonn 2008
Gerd Schulte-Körne, Helmut Remschmidt: Legasthenie-Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf, Behandlung, Deutsches Ärzteblatt, Jg. 100, Heft 7, 14. Februar 2003
Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft, GA 327. Vortrag vom 20.6.1924 und 16.6.1924. Dornach 1999
Ders.: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. GA 350, Vortrag vom 22.9.1923. Dornach 1991
Ders.: Die Schöpfung der Welt und des Menschen, GA 354, Vortrag vom 31.7.1924. Dornach 2000

Link: www.gzm-kassel.de

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