Arme Kinder

Von Henning Köhler, März 2012

In Deutschland leben immer mehr Kinder in Armut. Die Zahlenangaben schwanken. Nimmt man einen Mittelwert, sind es etwa 2,4 von 13,6 Millionen. Als arm gilt, wer unter die Grenze von 60 Prozent des durchschnittlichen monatlichen Pro-Kopf-Einkommens rutscht, also weniger als 870 Euro zur Verfügung hat. Die betroffenen Kinder müssen nach ungefähren Berechnungen mit rund 200 Euro im Monat auskommen. Das bringt niemanden um, genügt aber, wie die UNICEF in ihrem Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland feststellte, um soziale Ausgrenzung, Ausschluss von kultureller Teilhabe und Bildungsbenachteiligung nach sich zu ziehen. Bemängelt wurde auch die armutsbedingte Zunahme chronischer Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Für Hartz-IV-Empfänger liegt der Regelsatz bei 351 Euro monatlich, plus Miete und Heizkosten. Die Kinder erhalten rätselhafterweise weniger (unter 14 Jahren 70 Prozent, über 14 Jahren 80 Prozent des Regelsatzes). Sie sind häufig schlecht und falsch ernährt, schon ihre Kleidung verrät Armut. Extraausgaben für Klassenfahrten oder Freizeitaktivitäten gibt das Budget nicht her. In den Familien herrscht ein Klima der Demütigung und Entmutigung, das sich natürlich auch den Kindern mitteilt. Wer einmal unten angekommen ist, findet kaum mehr Anschluss nach oben. »Deutschland driftet auseinander«, sagt der Armutsforscher Markus Grabka. Sein Kollege Christoph Butterwegge spricht vom »Paternoster-Effekt. »Die Kluft wächst«, bestätigt auch der UNICEF-Bericht. Ob es aufwärts oder abwärts geht, hängt keineswegs von der Tüchtigkeit des Einzelnen ab. Bei Kindern schon gar nicht. Deutschland droht zu einem »Almosen- und Suppenküchenstaat zu werden« (Butterwegge). Und das in einer Zeit, in der absurde Geldmengen fließen, sobald »Sachzwänge« es zu gebieten scheinen. In der marktradikalen Logik stellt Kinderarmut aber keinen Sachzwang dar. Bankensanierungen sind dagegen zwingend. Satte Unternehmensgewinne auch. »Der Staat muss ›sparen‹, Aufgaben streichen«, schreibt der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Erhard Eppler, »zumal in der Sozialpolitik. Nur eines darf er nicht: die Steuern für Unternehmen erhöhen, auch wenn sie lächerlich gering sind.« Und der Publizist Albrecht von Lucke stellt fest: »Der Gesellschaft ist in den letzten zehn Jahren jeglicher Reform- und Fortschrittsoptimismus abhanden gekommen.« Er meint mit Fortschritt etwas anderes als das, was darunter zu verstehen, man uns anzutrainieren versucht. Er meint einen neuen Sozialvertrag. »Nicht Wachstum, sondern weniger Ungleichheit steigert die Lebensqualität«, stellen Richard Wilkinson und Kate Pickett klar, die in ihrem Buch The spirit level den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und gesellschaftlichen Problemen darlegten. Soziale Benachteiligung zu beseitigen, ist, so der französische Wirtschaftswissenschaftler und langjährige Berater des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, Jacques Attali, »in jedermanns Interesse« und schlägt ein bedingungsloses Grundeinkommen vor.

Das gilt vor allem für Kinder; sie müssen Vorrang haben! Daher muss das Grundeinkommen von Geburt an ge­währt werden und einen Bildungsgutschein beinhalten, der Selektion nach sozialer Herkunft ausschließt.

Link: www.kinder-armut.de

Literatur: Gerhard Eppler u. a. (Hrsg.): Humaner Fortschritt, Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte 3/2011. Jacques Attali: Brüderlichkeit, eine notwendige Utopie im Zeitalter der Globalisierung, Stuttgart 2003

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