Das Rätsel der Sphinx. Nachhall eines Zeugnisspruchs

Von Anna Ribeau, September 2018

Es ist schon merkwürdig, dass ein Mensch einem mitunter erst in der Ferne, ja sogar nach dem Tod das erste Mal so richtig nah sein kann. Mir erging es so mit meiner Klassenlehrerin.

Als ich noch nicht schreiben konnte, habe ich meiner Mutter Geschichten erzählt, die sie für mich aufschrieb. Ich malte Bilder dazu. So fertigte ich mein erstes Buch an. Zum Geburtstag meiner Geschwister schrieb ich ihnen, als ich schließlich schreiben konnte, eigenhändig Geschichten; später fertigte ich extra auf sie zugeschnittene Gedichte an. Heute schreibe ich immer noch. Ich liebe die Sprache.

Was hat das mit meiner Klassenlehrerin zu tun? Anscheinend wusste sie schon früh mehr über mich als ich selbst. Als wir uns das erste Mal in einem Vorgespräch begegneten, war ich elf Jahre alt, als ich neu an die Schule und in ihre fünfte Klasse kam. Sie gab mir einen Spruch, den ich vor dem Einschlafen sagen konnte, wenn ich wollte. Es war kein Zeugnisspruch. Eher ein Sinnspruch. Ich sollte erstmal ankommen. Später bekam ich einen Zeugnisspruch, den ich wöchentlich wie die anderen Kinder vorsprach.

Viele Jahre später fiel mir der Zeugnisspruch wieder in die Hände. Es traf mich wie der Schlag. Was hatte sie da geschrieben? Die Worte gingen mir nah. Sie waren tiefsinnig. Hatte sie den Spruch selbst verfasst? Wie weise diese unscheinbare Frau war. Ihr Name und ein Datum standen darunter. Hatte sie den Spruch wirklich für mich geschrieben? Ich konnte sie nicht persönlich fragen, denn sie war nur bis zur siebten Klasse unsere Lehrerin und starb, kurz nachdem sie unsere Klasse abgegeben hatte. Jetzt, als Erwachsene, fühlte ich mich persönlich von ihr angesprochen. Ich war zutiefst berührt von dem Spruch und dankbar. Ich recherchierte. Unter den anderen Sprüchen, die sie im Laufe der Jahre entweder auf Karten oder in Zeugnissen geschrieben hatte, fand ich keine weiteren Sprüche, unter denen ihr Name stand, sondern immer Namen anderer Autoren. Ich wollte herauszufinden, ob sie mehr geschrieben hatte und fragte herum. Ein ehemaliger Vater aus der Klasse, der ihr nähergestanden hatte, wusste, dass sie seiner Tochter auch einen Zeugnisspruch selbst geschrieben hatte. Ich kontaktierte ihren Sohn. Er kopierte mir ihre Sammlungen von Sprüchen aus ihren Aufzeichnungen und Notizbüchern, die sie in ihrem Schreibtisch aufbewahrt hatte. Ich hatte gehofft, ich könnte weitere Schätze von ihr finden und bergen. Aber ich fand nur Sprüche von anderen Autoren, neben den beiden von ihr, die ich schon kannte.

Der Spruch, den sie mir aufgeschrieben hatte, handelt von der Sphinx. Ich bin Dichterin, schreibe Gedichte, Orakelsprüche, rätselhafte Zeichen. Meine Klassenlehrerin hatte mich gesehen.

Zur Autorin: Anna Ribeau war Waldorfschülerin, studierte Literatur- und Sprachwissenschaft, aktuell Psychologie, dichtet und ist Mutter von vier Kindern. www.geh-dicht.info

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