Eile mit Weile. Ein Erfahrungsbericht zur Einführung der Schreibschrift

Von Ludger Helming-Jacoby, September 2018

Maria-Anna Schulze Brüning und Stephan Clauss haben ein nachdrückliches Plädoyer für den Erhalt der Schreibschrift verfasst. Ihr Fazit ist niederschmetternd: Jeder sechste Schüler hat keine brauchbare Handschrift mehr.

Foto: © misterQM/photocase.de

Die Ursachen? Anhand detaillierter Analysen der Schriftproben weisen die Autoren nach, dass vor allem die weit verbreitete Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) unweigerlich zu Krakelschriften führt, da die Verbindungen zwischen den Buchstaben unstimmig sind. Als »Lösung« dieses Problems wurde in mehreren Bundesländern den Grundschulen freigestellt, die Schreibschrift ganz abzuschaffen. Wie kommen die Kinder also zu einer schönen Schreibschrift und wann ist der richtige Zeitpunkt, sie einzuführen?

Auf Elternabenden wurde ich manchmal gefragt: »Wann fangen Sie denn endlich mit der Schreibschrift an? Also unsere anderen Kinder haben sie schon viel früher gelernt!« Zur »Erklärung« erzählte ich dann die folgende Geschichte von Till Eulenspiegel:

Till Eulenspiegel ging eines schönen Tages mit seinem Bündel an Habseligkeiten zu Fuß zur nächsten Stadt. Auf einmal hörte er, wie sich schnell Hufgeräusche näherten, und eine Kutsche hielt neben ihm. Der Kutscher hatte es sehr eilig und rief: »Sag schnell – wie weit ist es bis zur nächsten Stadt?« Till Eulenspiegel antwortete: »Wenn Ihr langsam fahrt, dauert es wohl eine halbe Stunde. Fahrt Ihr schnell, so dauert es zwei Stunden, mein Herr.« – »Du Narr«, schimpfte der Kutscher und trieb die Pferde zu einem schnellen Galopp an, und die Kutsche entschwand Till Eulenspiegels Blick. Till Eulenspiegel ging gemächlich seines Weges auf der Straße, die viele Schlaglöcher hatte. Nach etwa einer Stunde sah er nach einer Kurve eine Kutsche im Graben liegen. Die Vorderachse war gebrochen und es war just der Kutscher von vorhin, der sich nun fluchend daran machte, die Kutsche zu reparieren.

Der Kutscher bedachte Till Eulenspiegel mit einem bösen und vorwurfsvollen Blick, worauf dieser nur sagte: »Ich sagte es doch: Wenn Ihr langsam fahrt, eine halbe Stunde …«

Der ganze Mensch schreibt

Nach der Einführung des Alphabets schreiben die Kinder in den ersten beiden Schuljahren in Druckschrift. Erst zu Beginn oder im Laufe der dritten Klasse wird die Schreibschrift eingeführt. Pädagogisch begründet wird dieser für manche Eltern vielleicht ungewöhnlich späte Zeitpunkt damit, dass die Fähigkeit zur Formenbildung, wie sie beim Formenzeichnen geübt wird, erst voll ausgebildet sein sollte. Eurythmie und Handarbeit helfen dabei, die Fingergeschicklichkeit und Bewegungssicherheit für die »Laufschrift« zu entwickeln. Rudolf Steiner betont in seinen pädagogischen Vorträgen, wie wichtig das Schreiben als Grundlage für das Lesenlernen sei: »Vor allen Dingen soll man [...] erkennen, dass man nicht das Lesen-Lehren vor dem Schreiben-Lehren treiben soll, denn im Schreiben, insbesondere, wenn es aus dem malenden Zeichnen, zeichnenden Malen herausgeholt ist, betätigt sich der ganze Mensch. Die Finger sind dabei beteiligt, die Lage des Körpers, der ganze Mensch ist dabei beteiligt. Beim Lesen ist nur der Kopf beteiligt. Und man sollte möglichst spät [...] an das Kind heranbringen, was nur einen Teil des Organismus in Tätigkeit versetzt und den anderen gleichgültig lässt. Das allerwichtigste ist, dass man zuerst den ganzen Menschen in Bewegung, in Regsamkeit bringt und dann einen Teil.«

Welche Schreibschrift ist die richtige?

Ich begann nicht, wie etwa von Rolf Rein in einem »Erziehungskunst«-Aufsatz empfohlen, mit der Vereinfachten Ausgangsschrift, denn sie wirkte auf mich auf Anhieb künstlich und unharmonisch; diese Entscheidung wurde nachträglich durch das oben genannte Buch bestätigt. Eine geeignetere Grundlage für die Herausbildung einer geformten individuellen Handschrift schien mir die gute alte Lateinische Ausgangschrift zu sein.

Selbstredend ist Voraussetzung für die Einführung der Schreibschrift, dass der Klassenlehrer die gewählte Schrift selber sicher beherrscht, in der Form, wie die Kinder sie schreiben sollen; diese ist vom ihm – da er ja gewohnt ist, in seiner individuellen Handschrift zu schreiben – auch gleichsam neu zu lernen. Das mag einiges Üben erfordern!

Als Einstieg machte ich den Kindern an der Tafel deutlich, dass die Schreibschrift eine in Fluss gebrachte Druckschrift ist; das kann man auch gut von den Kindern auf Blättern ausprobieren lassen.

Lateinische Ausgangsschrift

Vereinfachte Ausgangsschrift

Die ersten Zeilen unseres Schreiblehrgangs

Die Kinder schrieben jeden Tag die jeweils neuen Buchstaben oder Buchstabenkombinationen zum Kennenlernen mit Wachsmalstiften auf große Blätter und dann die vorgegebenen Übwörter mit einem weichen blauen Buntstift in ihre dreifarbig linierten Übhefte. Diese Wörter waren mehrmals zu schreiben, das am besten gelungene wurde eingekringelt, damit die Kinder lernten, ihre eigenen Buchstabenformen genauer anzuschauen. Wichtig beim Üben der Buchstaben war, dass diese nicht einzeln, sondern im Verbund geschrieben wurden.

Ich ermunterte die Kinder, im Unterricht oder zu Hause selber Wörter zu suchen, die die schon erarbeiteten Buchstaben enthielten; das haben einige auch eifrig getan. Diese Wörter schrieb ich dann als Zusatzaufgabe, für die, die mit ihrem Pensum schon fertig waren, an die Tafel.

Unter den Wörtern, die zu schreiben waren, fanden sich auch Substantive, die jedoch von den Kindern – da die Großbuchstaben noch nicht eingeführt worden waren – mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben wurden. Ich wies sie aber darauf hin, dass diese Wörter eigentlich groß geschrieben werden müssten. Dass bei den Übwörtern vereinzelt noch nicht eingeführte Buchstaben auftauchten, war kein Problem, im Gegenteil – die Kinder freuten sich darauf, diese Buchstaben auch bald zu erlernen.

Nachdem die Kinder auch die Großbuchstaben kennengelernt hatten, schrieben sie, um diese noch mal zu üben, alle in der Klasse vorkommenden Vornamen auf. Bei den Buchstaben, bei denen kein Name vorhanden war, durften sich die Kinder einen Namen aussuchen. Ich hatte ein Namenslexikon mitgebracht, und die Kinder hatten Freude daran, sich ausgefallene Namen herauszusuchen. Das »Gesellenstück« bildete das Schreiben eines ABC-Gedichts (rechts), in dem alle Großbuchstaben einmal, jedoch in alphabetischer Reihenfolge, und alle kleinen Buchstaben mindestens einmal vorkamen.

ABC-Gedicht

Antje isst gern Butterkuchen,
süße Crêpes liebt Desirée,
Emmy träumt vom eignen Fohlen,
Gerd trinkt oft Hibiskustee.

Ilse quasselt viel mit Jana,
Katjas Leggings sind knallrot,
Mia schwimmt wie eine Nixe,
Olaf mag kein Pausenbrot.

Quirin hieße lieber anders,
Robert oder Samuel,
Tom will Urwaldforscher werden,
Viktor läuft beim Waldlauf schnell.

Xaver kann verblüffend zaubern,
wie er’s macht, will er nicht zeigen;
Yannick geht gern in den Zirkus
so ist jeder doch ganz eigen!

Anschließend ließ ich die Kinder noch ein Gedicht auf große Blätter schreiben, als Geschenk für die Eltern. Da konnten sie zeigen, was sie gelernt hatten, und sahen, dass man die Schreibschrift für etwas Schönes gut gebrauchen kann. An der Wand waren die Klein- und Großbuchstaben des Alphabets das ganze Schuljahr über zum Nachschauen zu sehen.

In der nächsten Sachkunde-Epoche (das war in der Regel die Handwerksepoche) schrieben die Kinder die Epochentexte mit Buntstiften und wurden dabei im Handhaben der Schreibschrift immer sicherer. Ich verwendete dafür Linienblätter, da ich den Eindruck hatte, dass die Schrift ohne diese Hilfe häufig schräg läuft und die Kinder dann unzufrieden mit ihrem Schriftbild sind; vor allem aber neigten etliche Schüler ohne Linienblatt-Hilfe dazu, zu klein und kritzelig zu schreiben und zu wenig Abstand zwischen den Schriftzeilen zu lassen.

Dann wollte ich zum Füller übergehen. Vorher aber, als Teil der Handwerksepoche, lernten die Kinder den Beruf des Schreibers kennen, der ja früher eine große Bedeutung hatte; so erzählte ich ihnen von den Mönchen, die ihr Leben dem Schreiben der Bibel gewidmet hatten, und zeigte ihnen einige Beispiele solcher Buchseiten. Dann schrieben wir wie in alten Zeiten mit Gänsefeder und blauer Tinte, zunächst einen Übtext auf weiße Blätter, dann einen schönen Spruch auf ein pergamentähnliches Blatt, zum Aufheben oder Verschenken. Die meisten Kinder schrieben in Druckschrift; mit der Gänsefeder Schreibschrift zu schreiben erwies sich doch als recht schwierig. Einige wollten es dennoch probieren, und es gelang ihnen auch recht gut. Bei meinem letzten Durchgang war es ein irischer Segenswunsch, den sie zu Papier brachten (siehe Abb. links). Nach dieser Erfahrung wussten die Kinder dann den Füller um so mehr zu schätzen! Nachdem die Kinder eine Weile die Schreibschrift in den Epochenheften verwendet und sich mit ihr vertraut gemacht haben, wäre es auch gut möglich, einmal ein Buch in Schreibschrift mit ihnen zu lesen. Das haben die Kinder in meiner letzten Klasse gegen Ende des dritten Schuljahres getan – wir lasen Feuerschuh und Windsandale von Ursula Wölfel –, und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht.

In der Mittelstufe gab es dann noch einmal einen (kurzen) Wiederholungs-Schreiblehrgang, um nochmals der allgemeinen Tendenz zu flüchtigem und krakeligem Schreiben entgegenzuwirken. Ich ließ die ganze Klasse diesen Lehrgang machen; das hatte den Vorteil, dass sich niemand als Krakel-Schreiber diskriminiert zu fühlen brauchte.

Viele Wege führen nach Rom – ich hoffe, dass vorstehende Ausführungen den Lehrern und Eltern eine Hilfe sein können, für ihre jeweilige Klasse einen gut gangbaren Weg im Schreibschrift-Lernen zu finden.

Zum Autor: Ludger Helming-Jacoby hat 27 Jahre lang als Klassen- und Englischlehrer gearbeitet. Jetzt, im Ruhestand, ist er als Mentor tätig und gibt Seminarkurse.

Literatur: R. Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, Vortrag vom 13.8.1924, Dornach 1989 | E. Dühnfort / E. M. Kranich: Der Anfangsunterricht im Schreibens und Lesen, Stuttgart 1996 | E. M. Kranich: Das Formenzeichnen und die Begründung eines neuen Formverstehens, in: Formenzeichnen, Stuttgart 1992 | R. Rein: Eine Schrift, die mitwächst – Mit welcher Schreibschrift soll begonnen werden?, in Erziehungskunst, 11/1995 | M.-A. Schulze Brüning / S. Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm – Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen, München/ Berlin 2017 (siehe Besprechung in diesem Heft) | Der vollständige Schreibschrift-Lehrgang findet sich in L. Helming-Jacoby: Der goldene Schlüssel. Anregungen für Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, Flensburg 22018

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