Astronomie-Epoche. Emanzipation vom Kosmos

Von Albrecht Hüttig, Oktober 2013

Durch den Blick in die Weiten des Universums lernen die Jugendlichen, dass sich das Wirklichkeitsverständnis im Lauf der Geschichte radikal gewandelt hat. Darin liegt laut Albrecht Hüttig, Oberstufenlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Nürtingen, die Bedeutung einer Astronomie-Epoche.

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Grundlegende Fragen stehen am Anfang der Astronomie-Epoche in der 11. Klasse: Was ist der Sinn der Auseinandersetzung mit astronomischen Themen? Welche Bedeutung hat der Kosmos? Gibt es persönliche Bezüge? Diese Fragen zeitigen Antworten, die im Klassengespräch mit Toleranz behandelt werden. Denn Waldorfpädagogik produziert keine Weltanschauung.

In der Mittelstufe war der Blick von der Erde zum Himmel gerichtet. Die kosmischen Erscheinungen wurden geozentrisch erschlossen: der Sonnenlauf, die Mondphasen, Finsternisse, der Tierkreis und die Planeten. Die Oberstufe dagegen verlegt den Beobachterstandpunkt gedanklich in die Sonne (heliozentrisch) und sie erweitert ihn zum Galaktozentrischen. Evidenzerlebnisse genügen nicht mehr: Mit geometrischen, mathematischen und physikalischen Ansätzen müssen objektivierbare Resultate erzielt werden.

Die Astronomie weist als eine der ältesten Wissenschaften den Vorzug auf, dass es in ihrer Geschichte die unterschiedlichsten Fragestellungen, Beobachtungen und Erklärungen gibt, die gut dokumentiert sind. Zudem zählt sie zu den so genannten exakten Wissenschaften. Sowohl in der chinesischen klassischen Astronomie als auch in der Maya-Kultur wurden Mittelwerte der Planeten- und Mondrevolutionen, zum Beispiel der Bewegungsabläufe im Tierkreis, errechnet. Die mathematischen Formeln wurden überliefert. Wie diese Formeln zustande kamen, bleibt allerdings meist verborgen. Exakte Beobachtung, verbunden mit Geometrie und Mathematik, bedeutet für den Menschen, sich eine Sicherheit zu erarbeiten: Im Kosmos walten durchschaubare Gesetze – aber wie entdecke und erfasse ich sie?

Wie forschte Johannes Kepler?

Diese Grundkonstante des forschenden Bewusstseins ist ein Leitmotiv in der 11. Klasse. Wie sucht ein Johannes Kepler? Er geht von der Grundüberzeugung aus, dass das Sonnensystem ein Abbild der Dreieinigkeit ist. Die göttliche Schöpfung vollzieht sich nach geometrischen Gesetzen und Proportionen, die teilweise bereits von den Platonikern erkannt wurden. Beweise dafür, dass Gott »geometrisiert«, ergeben sich für Kepler aus seinen drei berühmten Gesetzen, ebenso wie aus den von ihm entdeckten Proportionen der Peri- und Aphel-Bewegungen der Planeten, das heißt deren minimaler und maximaler Entfernung von der Sonne. So gesehen ist Astronomie eine Art Gottesdienst. Auch Isaac Newton sieht keinen Widerspruch zwischen den von ihm entdeckten Gesetzen und einer Schöpfung der Welt. Sein Blick schärft das Bewusstsein für Bewegungsabläufe, die sich erklären und voraussagen lassen. Mit Einstein und seinen Zeitgenossen gelangt man in Bereiche, in denen die landläufigen Vorstellungen versagen. Es ist ein wichtiger Moment, sich mit den Jugendlichen bis hierher vorzutasten, denn dazu bedarf es einer gewissen Selbstsicherheit. Ein wesentliches Ziel des Unterrichts ist die Auseinandersetzung mit der Theorie des »Urknalls«, die in der Folge der Galaxie-Untersuchungen durch Edwin Hubble entstanden ist. Die zugrunde liegenden Phänomene und deren unterschiedliche Interpretationen werden diskutiert, zeigen aber auch die Grenzen dieses Modells. Die Chaostheorie eröffnet weitere Perspektiven.

Jede Epoche hat ihre eigene Brille

Im besten Fall wird gegen Ende der Epoche deutlich, dass sämtliche Weltbilder das Ergebnis menschlichen Erkennens sind, dass sich dieses Erkennen im Lauf der Geschichte radikal verändert hat – und weiter verändern wird. Der Kosmos eines Kepler hat mit dem Kosmos eines Hubble kaum mehr etwas gemein, obwohl es der gleiche Kosmos ist.

Die Jugendlichen gelangen zur Einsicht, dass das Wirklichkeitsverständnis unterschiedlicher Epochen bestimmt, welche Ergebnisse möglich sind, dass sich aber dieses Wirklichkeitsverständnis selbst in der Geschichte radikal gewandelt hat. Der heutige Mensch kann keine Autorität anrufen, die ihm sagt, ob seine Erkenntnisse richtig sind – das muss er selbst leisten und verantworten. Dieser enorme Emanzipationsschritt erscheint in der 11. Klasse nicht nur in der Astronomie-Epoche, sondern in allen Gebieten wissenschaftlichen Forschens, die Inhalte des Epochenunterrichtes sind.

Es gibt keine Pflicht, Astronomie zu unterrichten, aber sie führt in makrokosmische Dimensionen, die andere Gebiete so nicht aufweisen. Astronomie und Biologie ergänzen sich in Klasse 11 ideal, weil die Biologie eine gegenläufige Bewegung macht: Sie öffnet den Blick für den Mikrokosmos.

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