Auch Hasen sind Mitglieder des Kollegiums

Von Dominique Tolo-Litschgy, März 2013

Tiergestützte Intervention ist Teil der Ausbildung für Heilpädagogik in Bad Boll. Schafe scheren und Pferde tränken schult nicht nur die Sinne und das soziale Miteinander der Kinder, sondern verändert ein ganzes Seminarleben.

© Charlotte Fischer

Im Schaufensterkasten vor dem Rudolf Steiner Seminar können vorbeiziehende Wanderer einen Einblick in die Weiterbildungsangebote des Hauses bekommen:

Heilpädagogik, Frühförderung, Praxisanleiterkurs, Einführung in die Anthroposophie, Tagungen für Menschen mit Behinderungen … Vor zwei Jahren kam der Bereich Tiergestützte Intervention neu hinzu.

Als Lehrerin, Heilpädagogin und Reittherapeutin ist mir bewusst, wie unterschiedlich die Beziehungen zwischen Tieren und Menschen sein können und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Allerdings, »Tiere als Co-Therapeuten oder sogar Mitarbeiter zu bezeichnen – geht das nicht zu weit?«, wurden wir gefragt, nachdem unsere sechs Schafe als offizielle Mitarbeiter auf unserer Internetseite erschienen waren. Nach knapp zwei Jahren Zusammenarbeit mit unseren Vierbeinern weiß ich jedoch, dass diese Darstellung der Wirklichkeit entspricht.

Tiere verändern das Leben – auch am Seminar

Die Atmosphäre des Hauses habe sich verändert, seit die sechs Schafe, die Hasen und Meerschweinchen auf dem Gelände des Rudolf-Steiner-Seminars wohnen, bemerken manche Kursteilnehmer und Besucher des Hauses. Auf genaueres Nachfragen, was denn anders sei, heißt es: »Lebendiger.«

Und tatsächlich: Schafe können sich nicht nur laut melden, wenn etwas nicht in Ordnung ist, sondern auch überaus unternehmungslustig sein. So an jenem Tag, an dem unsere kleine Schafherde einen Ausflug in das Gebäude des benachbarten Altersheims unternahm. Und dann gab es da den Sonntag, an dem wir feststellten, dass ein Mutterschaf hochtragend ist. Der Vater, ein Nachbarsbock, war anscheinend vor Ankunft der kleinen Herde eines Nachts unerlaubt über einen Zaun gesprungen. Lamm »Momo« wurde sechs Monate später von den Seminaristen mit einem Begrüßungslied herzlich in Empfang genommen und im Laufe der Zeit der Freund vieler Kinder.

Tier und Kind brauchen den Erwachsenen

Wer mit Tieren arbeitet, weiß, wie wichtig nicht nur eine grundsätzliche Wertschätzung ist, sondern auch eine artgerechte Haltung sowie eine gute und angstfreie Kommunikation zwischen Mensch und Tier. Es kann nicht darum gehen, Tiere als Mittel für unser seelisches Wohlbefinden auszunützen. Tiere sind weder Gebrauchsgegenstände noch Spielzeuge. Doch die Realität zeigt häufig ein ganz anderes Bild: Wie oft bekommen unsere Kinder Kaninchen, Meerschweinchen oder sogar einen Hund geschenkt, damit sie lernen, Verantwortung zu übernehmen? Oftmals können sie das aber gar nicht, da sie viel zu jung sind, für jemand anderen zuverlässig zu sorgen! Damit die Arbeit mit Tieren ihren pädagogischen Wert entfalten kann, brauchen Tier und Kind einen Erwachsenen, der sie bei der Wahrnehmung ihrer jeweiligen Bedürfnisse unterstützt, denn die Mensch-Tier-Beziehung beruht auf der Grundlage von Geben und Nehmen. Die Psychologin Andrea Beetz betont denn auch, dass nach ihren Untersuchungen die Einflüsse von Tieren nur dann positiv wirken, wenn diese artgerecht gehalten werden und Kinder einen vorbildlichen Umgang mit ihnen in der Familie vorgelebt bekommen.

Schafe lieben Zuwendung

Die Teilnehmer der Vollzeitausbildung Heilpädagogik im Rudolf-Steiner-Seminar nehmen einmal pro Woche und unter fachlicher Annleitung an Praxisprojekten teil. Diese finden in verschiedenen Arbeitsfeldern statt, wie zum Beispiel in Frühförderung, Förderschule, Regelschule, Jugendhilfe, Sozialtherapie oder Gerontologie. In diesem Rahmen können seit 2011 auch Erfahrungen mit der Tiergestützten Intervention gesammelt werden. Max, Zweitklässler an einer Förderschule, wundert sich, warum die Schafe wegrennen, als er, mit Futter in der Hand, auf diese zustürmt. »Haben sie keinen Hunger?«, fragt er erstaunt. Svenja und Martina, zwei gleichaltrige Schulkameradinnen, sind sich sofort einig: »Du bist zu schnell, die Tiere mögen es nicht, wenn man zu schnell ist!« Martina macht es vor, sie kniet sich hin und wartet. Mit Erfolg.

Innerhalb weniger Minuten ist sie der Mittelpunkt unserer kleinen Schafherde und genießt den Trubel um sich herum. Max hört zu.

An so einem kleinen Beispiel aus dem Alltag der tiergestützten Intervention ist zu sehen, welche Rolle Tiere spielen können.

Auch Pferde tränken kann schwierig sein

Aber wir arbeiten nicht nur mit Schafen. Drei Pferde von einem benachbarten Stall bereichern ebenso unser Leben. Im Rahmen der Praxisprojekte der Heilpädagogischen Ausbildung werden sie von der Koppel geholt, geputzt, gefüttert und geritten. Der offene Stall muss ausgemistet und die Pferdeäpfel müssen von der Koppel gelesen werden. Und wenn die Tiere Durst bekommen? Einen Wasserhahn gibt es hier nicht. Das Wasser muss mit einem Eimer vom Bach geholt werden – ein sinn(es)reiches Erlebnis für die Kinder. Es ist für die erwachsenen Begleiter immer wieder spannend zu sehen, wie die Kinder diese Aufgabe meistern und welche Lösungsstrategien sie finden, wenn es nicht auf Anhieb funktioniert. Manche Kinder fragen einen Schulkameraden um Hilfe, andere nehmen weniger Wasser. Der erste Versuch hatte ja gezeigt, dass der bis zum Rand gefüllte Eimer viel zu schwer war! Die Kinder bekommen eine direkte Rückmeldung zu ihrem Handeln – nicht von einer Person, sondern aus der Situation heraus. Die Arbeit ist sinnvoll, sie kann die Willenstätigkeit anregen und unterstützen.

Auch für den sozialen Zusammenhang der Gruppe ist die Arbeit eine große Unterstützung. Die fünf Kinder im Alter von 8-10 Jahren besprechen die Arbeitseinteilung. Es geht darum, selber zu entscheiden, welche Aufgabe von wem übernommen wird oder wie die Reihenfolge beim Reiten sein soll. Marie möchte, nachdem sie ihr Lieblingspferd geputzt hat, unbedingt als erste reiten. Stefanie möchte das allerdings auch. Markus ist es egal, und Anna macht grundsätzlich immer, was Marie ihr sagt. Lukas hat die Diskussion noch nicht wahrgenommen, weil er mit etwas anderem beschäftigt ist. Beim ersten Mal waren die Kinder mit dieser Aufgabe überfordert. Dabei wurden sie laut, manchmal auch handgreiflich. Für diesen Fall steht der Projektbegleiter im Hintergrund und gibt Hilfestellung, wenn die Situation zu kippen droht. Er hilft, Regeln zu vereinbaren, und meldet der Gruppe, wenn diese nicht eingehalten werden.

Die Kinder geben sich meist auch gegenseitig Rückmeldungen: »Du willst immer als erstes reiten. In der Schule willst Du auch immer alles als erstes machen. Ich mag das nicht.« Sie hören sich an, was jeder und jede zu sagen hat, um dann gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Alle Gruppenmitglieder sollen mit dem Ergebnis zufrieden sein oder zumindest damit leben können.

Workshops für das spirituelle Verständnis von Mensch und Tier

Ein Grundsatz für unsere Arbeit mit den Tieren ist unsere Verpflichtung zur Weiterbildung und zum kollegialen Austausch. Aus diesem Bestreben heraus haben sich vor drei Jahren erstmals zwanzig Menschen aus verschieden Bundesländern bei uns im Rudolf-Steiner-Seminar getroffen. Dieses erste Fachtreffen fand so positiven Anklang, dass es nun regelmäßig zweimal im Jahr durchgeführt wird. Die Zahl der Teilnehmer hat sich mittlerweile verdoppelt und die Fragestellungen entwickeln sich weiter. Neben praxisbezogenen Workshops und kollegialem Austausch versuchen wir, die spirituellen Aspekte der Beziehung zwischen Mensch und Tier zu verstehen.

Zur Autorin: Dominique Tolo-Litschgy, Heilpädagogin und Waldorflehrerin, ist Dozentin und stellvertretende Schulleiterin am Rudolf-Steiner-Seminar Bad Boll.

Literatur: Andrea Beetz: Vortrag bei der Tagung »Mensch-Tier-Beziehung im interdisziplinären Dialog«, 2010; Erhard Olbrich, Carola Otterstedt: Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der Tiergestützten Pädagogik und Therapie, Stuttgart 2003

Link: www.rudolf-steiner-seminar.de

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