Auf Augenhöhe Brücken bauen

Juni 2021

Angelika Enss ist Klassenlehrerin und Einarbeitungsbeauftragte an der Freien Waldorfschule Kräherwald in Stuttgart. Wir wollten wissen, welche Herausforderungen und Klippen es bei der Einarbeitung von jungen Kollegen gibt.

Als der Klassenzirkus noch möglich war: Zwei junge Kollegen unterstützen die Klassenlehrerin bei den Proben mit einer 6. Klasse.

Erziehungskunst | Frau Enss, die Waldorfschulen suchen händeringend Lehrer, die Abbruchquote der jungen Kollegen ist – wie allgemein bekannt – höher als man es sich wünscht. Wie schwierig gestaltet sich die Ein­arbeitung neuer Lehrer an Ihrer Schule?

Angelika Enss | Die Freie Waldorfschule am Kräherwald hat sich vorgenommen, in diesem Bereich gründlicher zu arbeiten, mehr Zeit zu investieren, um zu vermeiden, dass zu schnell zu viele Kollegen wieder kündigen. Naturgemäß kommt das trotzdem immer wieder vor: Schwangerschaften, Fehl­einschätzungen usw. Die Gründe eines Ausscheidens können vielfältig sein, bei Klassenlehrern ist es für die Kinder in der Regel schmerzhaft, auch bei Fachlehrern sind Lehrerwechsel oft schwierig für die Schüler. Leider finden mehr Wechsel statt, als man sich wünscht. Aus diesen Gründen werden Einarbeitungs­fragen mittlerweile ausführlicher als früher besprochen. Es gibt einen Einarbeitungsbeauftragten, der in Zusammenarbeit mit dem Personalkreis den Schulleitungskreis berät, in der Regel aber nicht mitentscheidet.

EK | Was für eine Lehrergeneration kommt heute an Ihre Schule?

AE | Es kommen offene, interessierte und sehr engagierte Menschen an unsere Schule, die viele Begabungen mit­bringen – auch in spiritueller Hinsicht –, die Änderungsideen haben, gerade im Hinblick auf globale Ansätze. Dabei ist zu bemerken, dass Menschen mit anthropo­sophischem Hintergrund oft diejenigen sind, die sich als initiativ auf vielen Ebenen erweisen. Menschen mit hohen Idealen müssen besonders behutsam und gut eingeführt werden, damit es nicht zu Missverständnissen und Überforderungen kommt, weil sie alles perfekt machen wollen. Vor allem darf man sie sich nicht selbst überlassen, sondern sollte sich wirklich Zeit für sie nehmen. Da jeder eine völlig andere Vorbildung mitbringt, braucht jeder auch etwas anderes, um gut einsteigen zu können. Eine Schule ist ein riesiger Organismus mit geschriebenen und ungeschriebenen Regeln. Oft werde ich gefragt: »Muss ich denn …«? Müssen muss niemand, trotzdem ist es sinnvoll, das, was bisher an der Schule gelebt hat, mit einzubeziehen in das eigene Handeln. Oft haben Gepflogenheiten Hintergründe, die am Anfang nicht so klar durchschaut werden können.Erfahrene Kollegen sind natürlich daran interessiert, ihre Erfahrungen weiterzugeben, sie dürfen allerdings nicht zu einem Rezeptbuch werden und man darf nicht von vorherein erwarten, dass alles genauso übernommen wird.

EK | Wie sieht die Begleitung konkret aus?

AE | Es gibt – vor allem bei Klassenlehrern – regelmäßige Unterrichtsbesuche und Gesprächszeiten, Vor- und Nachbesprechungen. Das sind Zeiten, die teilweise auch im Deputat berücksichtigt und nicht nur ehren­amtlich geleistet werden. Es werden Arbeitsberichte und Unterrichts­dokumentationen erstellt, es gibt Hand­lungsleitlinien, die wir ehrlich gesagt noch nicht an allen Stellen konsequent umsetzen. Der Mentée bekommt darüber hinaus eine Informationsmappe, wird in den Elternabenden unterstützt und ihm werden Fortbildungen angeboten. Der Austausch findet auf Augenhöhe statt und es ist hilfreich, wenn man in Sachen Gesprächsführung, zum Beispiel mit Hilfe der Dynamischen Urteilsbildung geschult ist bzw. sich diesbezüglich auf den Weg macht. Wir Mentoren sehen uns als Brückenbauer, die einerseits beim Reflektieren der Lehrtätigkeit die Neigung zur Selbstbetroffenheit dämpfen und andererseits die Dynamik sozialer Prozesse innerhalb der Klasse, der Elternschaft und des Kollegiums etwas neutralisieren.

EK | Die eine Seite ist die persönliche Eignung, die andere ist das soziale Umfeld. Welche Beobachtungen machen Sie hinsichtlich der Frage nach der richtigen Schule?

AE | Das stimmt, die Schule muss auch zum Lehrer passen. Er kann es an einer Schule in der Gemeinschaft, im Kollegium, in der Elternschaft sehr schwer haben  und an einer anderen Schule sich voll positiv entfalten. Das Gefühl, Mitglied einer Schicksalsgemeinschaft zu sein, sollte im Laufe der ersten Zeit entstehen, das kann schon ein oder zwei Jahre dauern. Und es bedeutet nicht von vornherein ein persönliches Scheitern oder eine generelle Unfähigkeit zum Lehrerberuf, wenn es an einer Schule nicht gelingen sollte.

EK | Man hat es ja mit jungen Erwachsenen zu tun, die ihren eigenen Kopf haben. Wie gestaltet sich die Einarbeitung auf menschlicher Ebene?

AE | Wir versuchen, die neuen Kollegen anzuhören und wahrzunehmen, wo sie stehen, und sie ernst zu nehmen. Dabei urteilen wir nicht, sondern machen ein begleitendes Führungsangebot. Wir spiegeln Verhaltens- und Arbeitsweisen, machen Mut und geben Zuspruch. Wir führen sozusagen einen Realitätsabgleich durch. Man macht sich oft nicht klar, welche Dimensionen die Arbeit eines Waldorflehrers, insbesondere eines Klassenlehrers hat. Dennoch gilt es, das Bewusstsein dafür auszubilden, dass der Lehrerberuf keine private Angelegenheit, sondern ein öffentliches Amt bedeutet und natürlich auch, dass die Arbeit grundsätzlich zu leisten ist. Am Anfang ist so viel zu tun, dass man den Riesenberg an Aufgaben kaum überschaut. Es geht auch darum, zu sich selbst in eine professionelle Distanz zu treten. Die meisten Überforderungen entstehen durch die große Komplexität der vielen verschiedenen (Führungs-) Aufgaben gegenüber den Kindern, den Eltern, den Kollegen und nicht zuletzt auch gegenüber sich selbst. Auch Konfliktfähigkeit, eine gewisse Robustheit und Resilienz gehören dazu, ebenso Gelassenheit und Zuversicht. Es ist gut, wenn man lernt, ein bisschen etwas auszuhalten und nicht bei jeder Kritik einknickt, die ankommt. Das gilt besonders für die Eltern­arbeit. Eltern sind dicht an ihren eigenen Kindern und oft nicht geschult, die Dinge im Kontext des Schulganzen zu besprechen. Als Lehrer sollte man gut sortieren können, was die Aufgaben der Schule und was die Aufgaben des Elternhauses sind. Über die unterschiedlichen Erwartungshaltungen, Wünsche, Ziele und Vorstellungen muss man zusammen mit der Klassengemeinschaft immer wieder ins Gespräch kommen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Gemeinsam diese Vertrauensgrundlage zu schaffen, ist die Basis für eine gute Zusammenarbeit.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

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