Auf dem Weg zum musikalischen Zeitgenossen

Von Barbara Kern, Holger Kern, November 2020

Große Geister haben in der Vergangenheit danach gefragt und gesucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sollten wir nicht auch nach dem suchen, was die Welt im Inneren bewegt? Was die Welt und den Menschen anregt und was sich in die Zukunft hinein Bahn brechen will?

Foto: © Charlotte Fischer

Wenn wir Materie in Bewegung bringen, gibt sie tönend etwas von ihrem inneren Zustand preis. Ob es der nicht sichtbare Riss im Porzellan, das Leere und Hohle einer Kiste, die Dichte und der Feuchtigkeitsgrad eines Holzstückes oder der Stimmklang eines Lebewesens ist: Im Reich des Hörbaren erfahren wir etwas von dem Inneren der Dinge und dem Nicht-Offenbaren des Gegenübers. In der Musik erscheint dies gesteigert.

Bereits dann, wenn ein Mensch mit Lust ein schlichtes Volkslied singt, wirkt diese Musik auf den aufmerksamen Zuhörer und darüber hinaus intensiv in dessen Inneres hinein. Um wie viel vielgestaltiger und differenzierter kann diese Wirkung bei kunstvoll gestalteter Musik sein! Musik ermöglicht aber nicht nur tiefreichende Eindrücke. Als Ausdrucksmedium ist sie Kommunikationsmittel innigster Empfindungen, Ventil seelischer Spannungen und Hort reinster Spielfreude. Dieser Ausdruck des Inneren eines oder mehrerer Menschen kennzeichnet Musik als in Tönen verlaufendes Geschehen. So ist alle gegenwärtige Musik hörbares Bild des inneren Erlebens der jeweiligen Menschen. Die Musik unserer Zeit spiegelt im Hörbaren den in der Menschheit wirkenden Zeitgeist.

Zudem können wir mit Musik – dank der heutigen Medien in Sekundenschnelle – Zeit und Ort überbrücken und so etwas von dem kulturellen und inneren Geistes- und Seelenleben längst verstorbener oder weit entfernt lebender Menschen erfahren. Wir können also an dem teilhaben, was in diesen Menschen dort oder damals an geistigen Strömungen lebt(e).

Bewegung von innen

In der Waldorfschule gehen wir durch die Klassenstufen einen musikalischen Bildungsgang, der die Schüler in komprimierter und metamorphosierter Weise nach-erfahren und nach-erleben lässt, wie die seelisch-geistige Entwicklung der Menschheit verlaufen ist. Am Ende stehen der im Musikalischen empfindungs- und verstandesmäßige Anschluss und die Teilhabe an den heutigen Zeitgeist.

Im Wesentlichen erfahren die Schüler durch eigenes Musizieren und Singen ausgewählte Stationen der musikalischen Geistesgeschichte und etwas von der Klang-Vielfalt der Welt. Daran entwickeln sie ihre eigenen inneren Kräfte. In der Waldorfschule war die Musik von Anbeginn an eine zentrale Kraft, die alles durchdringen und von innen her bewegen kann und soll. Ist das heute noch aktuell?

Gerade in unserer technisch und wirtschaftlich so fortgeschrittenen Zeit, die mit den Algorithmen, die immer mehr Bereiche beherrschen, zunehmend in mechanisierte, verfestigte Lebensumstände gerät, ist die Musik wichtiger denn je. Die große Sehnsucht der Menschen nach Musik scheint genau das auszudrücken, selbst wenn sie diese Sehnsucht überwiegend (nur) auf elektronischem Wege stillen.

Die jeweils live von und für Menschen im Hier und Jetzt produzierte Musik ist aber unmittelbare Teilhabe an den inneren Bewegungen des anderen und von daher im Pädagogischen unersetzlich. Noch viel wichtiger ist im Pädagogischen das musikalische Üben, da der heranwachsende Mensch dabei seine Kräfte stärkt, diese beherrschen lernt und Ausdrucksfähigkeiten ausdifferenziert und erweitert. Überdies macht das den meisten Schülern auch noch große Freude.

In einem Interview hat der ehemalige Englischlehrer und Gründer von Alibaba (chinesisches »Amazon«), Jack Ma betont, dass die Schule in Zukunft sich zunehmend auf die Fächer konzentrieren solle, die etwas zur Bildung des spezifisch Menschlichen beitragen. Er ist damit einer, der nicht nur auf dem Gebiet der Technik arbeitet, sondern diese auch so gut versteht, dass er weiß und ahnt, auf welchem Feld sie den Menschen übertrifft oder übertreffen wird. Gerade darum besinnt er sich auf das, wodurch sich der Mensch als Mensch auszeichnet. Auch er kommt zu dem Schluss, dass es in der Schule in Zukunft nicht so wichtig sein wird, hauptsächlich Wissen zu vermitteln, sondern Kunst, Musik, die Bewegungsfächer und das Soziale mit den Kindern zu üben – und all die Fähigkeiten, die der Mensch nicht den Maschinen übertragen kann.

Empathie und Gemeinschaftsgefühl

Das spezifisch Menschliche in der Welt, das nicht maschinell ersetzbar ist, basiert auf der Verständigung zwischen den Menschen. Die Kluft zwischen zwei Menschen, zwischen ihren jeweiligen Innen-Erlebnissen, kann nur überbrückt werden, wenn sie das sie trennende »Außen« überwinden: Wenn beide gelernt haben, sich verständlich mitzuteilen und aufmerksam zuzuhören und die Gedanken des anderen nachzuvollziehen. Im gemeinsamen Singen und Musizieren erlernen wir wie nebenbei grundlegende Fähigkeiten für unser Empathievermögen. Wir üben soziale Kompetenzen im Auf-Einander-Hören. Wir kommunizieren durch innere Impulse, innere Bewegungen und Regungen, und wenn wir durch dieses Geben und Nehmen im Musikalischen ein harmonisches Ergebnis erzielen, erzeugen wir ein intensives Gemeinschaftsgefühl. Das, was dabei »die Welt« im Innersten zusammenhält, ist dasjenige, was die Beteiligten im Innersten bewegt. Der Einzelne lernt dabei auch, sich so auszu­drücken, dass der Andere hören kann, welche Impulse von ihm kommen. Beide Seiten richten sich nach etwas Gemeinsamem, Größerem: demjenigen, was als Musik­stück entstehen will. Diese Formen der musikalisch-sozialen Wirkungen entstehen bereits beim einfachsten, aber innerlich erfüllten Musizieren. Wird dann aber Musik als Ausdruck des Geistes auch noch auf ein künstlerisches Niveau gehoben, indem man die Musik großer klassischer Musiker gemeinsam wieder zum Leben erweckt, dann lebt und denkt man sich in eine weiterreichende, fremde Gedankenwelt ein und erhebt damit seine eigene, so wie es im Chor und im Orchester geschieht.

Grundton und Leitton

Seit etwas mehr als hundert Jahren zeigt sich in allen Musikrichtungen, die eine gewisse Entwicklung aufweisen, dass – unabhängig von stilistischen Einschränkungen – mehr oder weniger deutlich im Musikalischen der Grundton in Frage gestellt und der Leitton umgangen wird. Der Grundton gibt nicht nur einer Tonart oder einem Akkord den Namen, sondern er gibt uns vor allem in der Musik das Gefühl eines Standpunktes, eines Ausgangs- und Zielpunktes, eines eindeutigen Bezugspunktes. Wer mag, singe eine Tonleiter ein paar Töne aufwärts und kehre wieder zurück zum Anfangston: Wenn man dort angekommen ist, wird man erleben können, dass dieser Ton einen sicheren Halt gibt und dass man dort im Zielton quasi »einrastet«. Noch stärker ist dieses Erlebnis, wenn man eine Tonleiter aufwärts weitersingt, bis man den Schritt vom siebten zum achten Ton vollzieht. Im achten Ton kommt man im oberen Grundton an und das »Einrasten im Ziel« (im achten Ton) ist hier noch stärker. Das hat mit der seelischen Wirkung des siebten Tones zu tun, der uns eindeutig »zeigt« und »sagt«, wohin wir fortschreiten müssen. Der siebte Ton der Tonleiter leitet uns eindeutig hoch zum achten und wird daher Leitton genannt. Seine leitende, ja nahezu »befehlende« Wirkung und alles das, was Musiker daraus und damit machen, wurde in Mitteleuropa ab  1600 n. Chr. immer beliebter. Alle spätere, die gesamte klassisch-romantische und fast alle daraus entstandene »westliche« Musik arbeitet in verschiedener Weise mit diesen Wirkungen. In der heutigen Freude an der Um­gehung dieses Leittones zeigt sich die Sehnsucht der Menschen, selbstbestimmte Wege zu gehen, sich nicht mehr vorschreiben zu lassen, wohin man seine Schritte lenkt. Der Verzicht auf den Grundton oder gar dessen »Verlust« korrespondiert einerseits mit der Vielfalt der Bezugsmöglichkeiten sowie andererseits mit der heute oft anzutreffenden Orientierungslosigkeit. Man sieht allenthalben die Schwierigkeiten der Menschen, gemeinsame Bezugspunkte zu formulieren und zu akzeptieren. Auch hier finden wir den Zusammenhang mit den musikalischen Phänomenen, denn Musik ist Ausdruck der seelisch-geistigen Verfassung der Menschen und Menschengemeinschaften.

Freiheit und der Halt in sich selbst

In der Pädagogik kann es nun nicht um ein Zurück zu »alten Harmonien« gehen. Beide, Grundton und Leitton sind in der Entwicklung der Musik quasi »natürlich« entstanden und der gelegentliche Verzicht auf sie stellt einen Fortschritt und Gewinn für die Menschen dar. Heute wollen wir eigene Standpunkte und Bezugspunkte, Selbstbewusstsein, Verantwortungsgefühl und Handlungsbereitschaft bilden und kein Leitton zwingt uns mehr, auf direktem Wege in den Schlusston zu gehen. Entweder gehe ich den Schritt (vom siebten zum achten Ton) aus freien Stücken, gehe anders oder gar nicht!

So wie es auch in der Menschheitsentwicklung vor vielen Jahrhunderten war, sind die kleinen Kinder noch nicht »auf dem Boden des Grundtones« angekommen. Wie die Menschheit erobern auch sie sich erst im Laufe der Schuljahre die Wirksamkeit und Beherrschbarkeit der Grundton- und Leitton-Wirkung. Bei den meisten erwacht jedoch noch während der Schulzeit mehr oder weniger das Interesse an solcher Musik, die in ihrem Klangraum die genannten Freiheiten sucht oder von diesen bereits in neuer Weise »spricht«.

In solcher Musik wird der Einzelne nicht mehr von den »Naturkräften der Töne« geführt, sondern wird als selbstverantwortlicher Mensch gefragt, muss Orientierung, Ziel und Halt in sich selber finden und darüber hinaus im Musikalischen Gemeinschaft mit anderen bewusst herstellen.

Damit der Erwachsene zu diesen musikalischen Phänomenen seiner Zeit einen Zugang finden kann, ist die grundtonlose Offenheit, die in den Waldorfschulen in den ersten Schuljahren gepflegt wird, eine ideale Voraussetzung. Im Laufe der Schulzeit tauchen die Schüler zunächst ganz in die Welt der Harmonien und wohl­tuenden Rhythmen ein. Am Ende der Schulzeit erobern sie sich dann aber auch anhand der zeitgenössischen Phänomene ein sicheres, eigenständiges Handeln, differenziertes Empfinden und ein angemessenes Urteilen-Können. Ein reifes Urteilen kann sich über das bloße eigene Gefallen und Nicht-Gefallen erheben und auch emotionale Gehalte wie Musik in ihrem jeweiligen Kontext verstehen. Damit haben die Schüler die Möglichkeit, nicht nur im Musikalischen selbstständige Individuen zu werden, sondern finden auch Unterstützung auf ihrem Weg zum seelisch freien, zeitgenössischen Mitmenschen. Sie haben die Fähigkeit gewonnen, mit denen sie die Welt bewegen und gleichzeitig auch zusammenhalten können.

Zu den Autoren: Barbara Kern ist Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart; Dr. Holger Kern ist Professor für Musik und Musikpädagogik in Stuttgart

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