Chemie kann auch schmecken. Eine Chemieepoche in der achten Klasse

Von Bernd Kettel, Juli 2011

Wenn man wie Bernd Kettel über 30 Jahre an der Freien Georgenschule in Reutlingen als Klassenlehrer gearbeitet hat, gibt es kaum noch etwas, das einen überraschen kann. Bei den Versuchen im Chemieunterricht können dennoch Situationen eintreten, in denen man ein leichtes Zittern in den Knien fühlt.

Im Schuljahr 2009 / 2010 erlebte ich das Finale meines vierten Durchgangs, aber es gab eine Epoche, die ich bisher noch nie gehalten hatte: Chemie in der achten Klasse. Das liegt daran, dass an unserer Schule die Klassenlehrer der achten Klassen in der Zeit zwischen Pfingsten und den Sommerferien vom Unterricht weitgehend befreit werden, soweit es die personellen Möglichkeiten zulassen. Epochenfreie Oberstufenkollegen kommen in dieser Zeit gerne in die Klasse, um die Schüler schon ein wenig kennen zu lernen. Dadurch kann der Klassenlehrer eine Weile verschnaufen, bevor der nächste Durchgang beginnt. In meinen früheren Durchgängen war die Chemieepoche immer in meine unterrichtsfreie Zeit gefallen, dieses Mal jedoch nicht.

Ich suchte also in den Winterferien meinen Kollegen auf, der in der Oberstufe den Chemieunterricht erteilt und bat ihn um eine Einführung. Er sagte sehr freundlich zu, traf sich mit mir, drückte mir das Standardwerk Manfred von Mackensens »Die Chemieepochen der 7. und 8. Klasse« in die Hand und ging die einzelnen Versuche sorgfältig mit mir durch, wobei er mir zeigte, wo ich die jeweiligen Gerätschaften und Zutaten finden konnte, die dafür nötig waren. Er bot mir an, jederzeit hilfreich zur Seite zu stehen, wünschte mir Glück und verließ mich.

Irgendwie fühlte ich mich wie ein blutiger Anfänger und hatte Lampenfieber. Ich begann mich in das Werk zu vertiefen und hoffte inständig, dass mir die Epoche gelingen möge. Mir gefiel der Gedanke Mackensens, den Schülern darzustellen, wie der Mensch in die Lebensprozesse der Natur eingreift, um seine Ernährung zu sichern, und so fing ich guter Hoffnung nach den Winterferien mit der Epoche an. Im Folgenden einige ausgewählte Erlebnisse.

Die Geburt der Chemie aus dem Wunsch nach Genuss 

Wir begannen mit Getreidekörnern, die ich mitgebracht hatte. Jeder meiner 36 Schüler bekam eine Hand voll Körner mit dem Auftrag, sie zu kauen und den Geschmack zu prüfen. Gerne unterzogen sie sich dieser Aufgabe und stellten dabei fest, dass es mühsam war, die Körner zu zer­kleinern. Der Gedanke, sich auf diese Weise satt zu essen, hatte nichts Verlockendes. Außerdem fiel ihnen auf, dass sich während des Kauens und Einspeichelns der Geschmack veränderte: Sie nahmen eine leichte Süße wahr. Wir kamen zu dem Schluss, dass offenbar schon im Mund ein chemischer Prozess durch den Speichel ausgelöst wurde.

Als nächstes folgte der Schwimmtest, der genau so verlief, wie im Lehrbuch beschrieben, die guten Körner sanken – für die Schüler überraschend – in die Tiefe, einige wenige schadhafte schwammen oben. Aber nun bemerkte ich, dass meine Gedanken plötzlich eigene Wege gingen und von den Versuchen im Lehrbuch abwichen, zunächst nur ganz sachte, aber doch deutlich. Das beunruhigte mich ein wenig, aber ich war auch neugierig, was sich daraus entwickeln würde. Wir warfen die im Wasser versenkten Körner nicht weg, sondern beschlossen, sie bis zum nächsten Morgen weiterhin einzuweichen und dann erneut zu probieren.

Gesagt, getan. Am folgenden Morgen wurden die Körner abgeseiht und in zwei Häufchen geteilt. Die eine Portion blieb naturbelassen, die andere wurde leicht mit Kräutersalz aus dem Reformhaus gewürzt. Dann folgte der Test. Ganz eindeutig waren diese Körner viel leichter zu verzehren, als die harten und trockenen vom Vortag, die gesalzenen schmeckten sogar vergleichsweise gut.

Nun überlegten wir, ob es noch andere Möglichkeiten gäbe, die Körner zu zerkleinern. Natürlich wurde sofort die Getreidemühle genannt, welche bei einigen Schülern zu Hause im Gebrauch war. Aber dann stellten wir uns vor, Getreidemühlen seien noch nicht erfunden worden, also kamen nur flache Kieselsteine in Frage; die holten wir vom Schulhof und reinigten sie. Ein paar Schüler bekamen außerdem kleine Mörser mit Stößeln und eine Gruppe durfte mit einer handbetriebenen Kaffeemühle arbeiten. Sie wurden vom Rest der Klasse beneidet, aber im Dienste der Wissenschaft durfte kein Neid aufkommen, das sahen sie schließlich ein. Schon nach etwa fünfzehn Minuten hatten wir ein gutes Pfund grobes Mehl zerstoßen und gemahlen und unsere Erfahrungen bezüglich der verschiedenen Werkzeuge ausgetauscht. Bei den Kieselsteinen fielen die Körner dauernd an den Seiten heraus, in den Mörsern ließen sich nur kleine Mengen zerstoßen und die Kaffeemühle musste richtig eingestellt werden, damit das Korn zu Schrot wurde. Natürlich hatten wir auch Körner der Länge nach durchgeschnitten um Keimling, Mehlkörper und Schale in Augenschein zu nehmen.

An dieser Stelle begann sich meine Phantasie erneut vom Lehrbuch zu entfernen. Es widerstrebte mir, das gewonnene Mahlgut einfach beiseite zu legen oder gar wegzuwerfen. »Was fangen wir nun mit dem gemahlenen Schrot an? Wer hat eine Idee?« Die Schüler blickten mich an und die Antwort kam prompt. Die Schüler schlugen vor, einen Teig anzurühren, mit etwas Wasser und Salz. Kurz darauf war ich damit beschäftigt, einen einfachen Teig zu kneten. Einige Schüler wussten noch aus der dritten Klasse, dass ein Teig erst dann die richtige Konsistenz hat, wenn er nicht mehr an den Fingern klebt – davon war ich weit entfernt, arbeitete jedoch zur Freude meiner Schüler hart daran und hatte ihre ganze Aufmerksamkeit. 

Das Chemielabor als Backstube 

Schließlich war der Teig fertig und ging in der Schüssel still vor sich hin, während ich etwas abseits meine Hände wusch und fieberhaft überlegte, was zu tun sei. Einen Backofen hatten wir nicht, es galt also zu improvisieren. Unsere Urahnen hatten nur das offene Feuer zur Verfügung, in Indien, das ich vor 40 Jahren vier Monate lang bereist hatte, buken die Frauen Brotfladen auf einfachsten Lehmöfen, aber die hatten wir auch nicht. Da sah ich vor meinem geistigen Auge zwei Dreibeine mit dazugehörigen Bunsenbrennern. Als Nächstes fiel mir ein, dass ich im Vor­bereitungsraum neben Drahtgittern auch kleine, feuerfeste Glasplatten gesehen hatte. Ich stellte die Dreibeine auf und setzte die Bunsenbrenner in Gang. Die Klasse beobachtete mich neugierig. Ich bat einen Schüler, mir zu assistieren. Ich wusste nun, dass ich kleine, handtellergroße Fladenbrote backen würde, aber unter solchen Bedingungen hatte ich das noch nie zuvor gemacht.

Ich zwickte von dem großen Teigklumpen kleine Bällchen ab und rollte sie mittels einer kleinen Flasche auf einem Holzbrett aus. Dann legte ich sie auf die erhitzten Glasplatten über den Bunsenbrennern. Der assistierende Schüler war dafür verantwortlich, dass die Fladen rechtzeitig gewendet wurden und nicht anbrannten. Er tat das in Ermangelung rechten Küchengerätes mit einem Taschen­messer. Sofort, nachdem die Fladen ge­backen waren, wurden sie unter die Menge verteilt und mit sichtbarem Wohlbehagen verzehrt.

In einem weiteren Versuch untersuchten wir das Eiweiß näher, indem wir bei einem Ei den Dotter vom Eiweiß trennten und die im Buch angegebenen Versuche machten.

Diesmal war mir schon zu Hause der Gedanke gekommen, dass sich sowohl das Eiweiß, als auch der Dotter in unsere Entwicklungsreihe genussfähiger Nahrungsmittel einreihen könnten. Vorsorglich hatte ich daher eine Bratpfanne und etwas Milch mitgenommen. Im entscheidenden Moment, nachdem die Versuche aus dem Buch abgeschlossen waren, zeigte ich also der Klasse Mehl, Eiweiß, Eigelb, Milch und Bratpfanne. Die Erleuchtung kam augenblicklich: Pfann­kuchen. Also rührte ich in einem großen Becherglas Mehl, Milch, Eier und etwas Zucker zu einem zähflüssigen Teig, gab ein wenig Öl in die Bratpfanne, erhitzte es und goss den Teig hinein. Die Schüler hatten derweil die Vorstellung, wir seien ein chemisches Institut, das sich mit der Entwicklung gesunder Nahrungsmittel befasst. Die Pfannkuchen wurden bis auf den letzten Rest verzehrt. 

Schüler filmen das Feuer speiende Ungeheuer 

Es folgte noch ein Aufsehen erregender Versuch mit Fett. Der ging so: Ich erhitzte Speiseöl in einer kleinen Metallschale über einem Bunsenbrenner. Dann setzte ich mir eine Schutzbrille auf, die wie eine Motorradbrille aussah, und näherte mich vorsichtig dem Öl, das schon zu rauchen und zu stinken begann – natürlich hatte ich den Versuch mit einer Schutzwand aus Plexiglas zur Klasse hin abgesichert. Den Schülern gefiel die Vorstellung, sie glaubten jedoch nicht, dass mit dem bisschen Öl etwas Gefährliches passieren könne und unterhielten sich nebenher. Nun warf ich ein brennendes Zündholz in die Schale, worauf das Öl sofort Feuer fing – eine Situation, die durchaus in jeder Küche einmal passieren kann, wenn Öl in der Pfanne überhitzt wird. Jetzt nahm ich eine Spritzflasche mit Wasser zur Hand und spritzte ein klein wenig Wasser in das brennende Öl. Unmittelbar darauf ertönte ein Fauchen wie von einem wild gewordenen Raubtier und eine gewaltige Stichflamme erhob sich bis zur Decke des Chemiesaals. Die Schüler waren wie vom Blitz getroffen. Es war zu spüren, wie ihnen das Adrenalin bis in die Haarspitzen schoss. Aber sie waren auch begeistert. Sie wollten es mehrmals sehen und ich erlaubte ihnen schließlich, die erstaunliche Reaktion zu filmen. Anschließend machten wir uns Gedanken über den Vorgang. Wir betrachteten den Experimentiertisch und sahen, dass rings um die Schale alles voller Öl war. Offenbar waren Tausende von brennenden Öltröpfchen blitzartig in die Höhe gefahren, als sie vom Wasser getroffen wurden und dann wieder herunter auf den Tisch gefallen. In einer realen Situation in der Küche würde also Wasser alles nur noch schlimmer machen. Wir überlegten, was in einem solchen Augenblick zu tun sei. Man müsste dem Feuer die Luft entziehen, einen Deckel auf die Bratpfanne setzen oder ein dickes Handtuch darüber werfen, folgerten wir.

Am Ende der Epoche war ich erleichtert und auch ein wenig stolz. Wir hatten neben den hier beschriebenen Versuchen auch Schokoladenpudding, Vanillesauce, Hüttenkäse und Lippenpflegestifte entwickelt. Ich hatte es gewagt, eigene Wege zu gehen und mich von den Vorgaben des Lehrbuches zu entfernen, wobei die darin enthaltenen Versuche natürlich hervorragende Grundlagen boten. Aber den Einfällen nachzugehen, die mir im Unterricht in der Zusammenarbeit mit den Schülern kamen, das war ein Abenteuer, an das ich mich gerne erinnere – und die Schüler ebenfalls, soweit ich das beobachten konnte. 

Zum Autor: Bernd Kettel Jahrgang 1949, seit 1979 Klassenlehrer an der Freien Georgenschule Reutlingen; www.freie-georgenschule.de

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen