Cyrano meets Romeo – Fremdsprachen hören und sehen

Von Siegmund Baldszun, Oktober 2010

Nach den Sommerferien. Schulbeginn. Die zehnte Klasse mit ihren zwei Tutoren, der Englischlehrerin und dem Französischlehrer, trifft sich zum Vorblick auf das Schuljahr. Was steht an? Neue Gebiete in den Hauptunterrichtsepochen, neue Werkepochen, das Feldmesspraktikum und … dann war da doch noch unser Fremdsprachenprojekt?

Die Schüler sind neugierig, aber es fehlt die Stimmung des freudigen Aufbruchs der neunten Klasse. Es riecht nach Arbeit und Mühe: »Können wir nicht einfach ganz normal Unterricht machen und lernen?« maulen die Schüler.

Schwanken zwischen den Polen

Sie sind ein Stück erwachsener, »schwerer« geworden, beladen mit persönlichen Sorgen und Sorgen der Zeit, aber auch erfüllt von tieferen latenten Fragen nach den Lebenspolaritäten und ihrer Überwindung. Eine neue Welt wird allmählich entdeckt, eine neue Sprache muss erobert werden. Diese Sprache, oft noch keimhaft, schwankt zwischen Schlagworten, Klischees aus der Umwelt und kühnen Entwürfen eloquenter junger Erwachsener. Kurzum, alles scheint im Umbau, alles scheint Symptom der in Entwicklung befindlichen Persönlichkeit in ihrer vielleicht empfindlichsten Phase, dem zehnten Schuljahr.

Gesucht: die künstlerische Verbindung

Der Unterricht der Waldorfschule, auch der Fremdsprachenunterricht, will hier Entwicklungshilfe leisten. Aber wie? Mit festgelegten Anforderungen eines erprobten Lehrplans, mit gut gemeinten Erfahrungen erfolgreicher Kollegen? Die Erwartungen an den Fremdsprachenunterricht sind hoch. Beide Lehrer wollten ein Projekt für ihre Sprache, beide suchten nach einer künstlerischen Verbindung von Unterricht, Sprache und Schülern und in beiden Sprachen sollte, in Anlehnung an die Deutsch- und Ästhetik-Epoche des zehnten Schuljahres (Nibelungen, Poetik, Sprachentwicklung), die Geschichte der englischen und französischen Sprache einen Schwerpunkt bilden. So entstand eine aus der konkreten Arbeit mit der Klasse entwickelte Idee: die Sprachgeschichte als künstlerische Epoche einmünden zu lassen in ein gemeinsames Projekt, das den Eltern und der Öffentlichkeit Ergebnisse aus dem Unterricht präsentieren und die erworbenen Kompetenzen anschaulich machen sollte.

Die Schüler gehen auf Zeitreise

In dieser sechswöchigen Unterrichtseinheit sollte jede Sprache in ihrer Frühphase (Altenglisch, Altfranzösisch), ihrer mittleren Phase, ihrer klassischen Phase (Shakespeare, Rostand) und ihrer heutigen Situation (Jugendsprache, Slang, Rap) dargestellt und an rezitierten, gespielten Beispielen erlebbar werden.

Dabei wurde klar: Es gibt in der Entwicklung beider Sprachen eine Zeit, in der in Englands gehobener Gesellschaft auch viel Französisch gesprochen wurde. Das könnte zu einer neuen, originellen Szene werden, die in beiden Sprachen parallel auf der Bühne abläuft. Diese Szene wurde von eine Schülergruppe entwickelt. Genauso wie die Rahmenhandlung, die von vier Schülern als Zeitreise gespielt wurde.

Die Schüler konnten dann, je nach Interesse, wählen, ob sie in der Englisch- oder Französischgruppe das Projekt auf die Bühne bringen wollten. Die teilweise parallel liegenden Sprachstunden erleichterten die neue Einteilung. Am Schluss floss alles in einer einwöchigen heißen Phase zusammen und fand seinen Abschluss vor der Öffentlichkeit unter dem Titel: »Timetravel – Voyage à travers le temps. Ein Abend zur englischen und französischen Sprachgeschichte in Gedichten, Texten, Songs, Szenen und Sketchen.«

Cyrano de Bergerac:

Roxane: Aujourd’hui…, vos mots sont hésitants. Pourquoi?
Cyrano: C’est qu’il fait nuit, dans cette ombre, à tâtons, ils cherchent votre oreille.
Roxane: Les miens n’éprouvent pas difficulté pareille.

Romeo and Juliette:

Juliette: O Romeo, Romeo! Wherefore art thou Romeo ?
Deny thy father and refuse thyname:
Or, if thou wilt not, be but sworn my love,
And I’ll no longer be a Capulet.
Romeo: I take thee at thy word:
Call me but love, and I’ll be new baptiz’d.
Henceforth I never will be Romeo.

Modern-day English:

Curtis: Yo, what’s up, Bro? What’s goin’ down?
Jamal: Nothin’ much, man. Just playin’ a little B-ball,
how about you?
Curtis: Chillin’, just chillin’. You know me – always chillin’!

Le français familier:

Bob: Hey Manu, hey Manu! … Oh putain fais chier …
hey Manu … hey Numa … mais keskil glande.
Momo: Laisse béton, il est grave.
Bob: T’es méga naze toi, hein ?

Durch die gemeinsam mit den Schülern entwickelte Gestalt des Projekts entstand eine künstlerisch-produktive Arbeitsstimmung. Wir arbeiteten an etwas Neuem. Wir rezitierten aus Dokumenten der alten Sprache, übten uns im kreativen Schreiben, machten Sprachübungen und versuchten uns mit kleinen Gedichten und Szenen. Neben den mehr informativen Phasen zur Entwicklung der Sprache, des Volkes, der Landesgeschichte und neben den Unterrichtsgesprächen zur Situation des heutigen Englisch und Französisch und zum persönlichen Bezug, gab es natürlich eine Fülle von Gelegenheiten, in kleineren und größeren Gruppen zu lernen und zu üben, so dass ein fast überwältigender Strauß von fachlichen, methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen aktiviert werden konnte. Hätten uns Spracherwerbs- und Jugendforscher begleitet, hätten sie sich in einer intensiven Evaluationsphase austoben können. Die seelischen und geistigen Wirkungen unserer Arbeit waren mit Händen zu greifen.

Hinweis: Timetravel – Voyage à travers le temps; Textvorlage beim Verfasser erhältlich: siebal@gmx.de

Zum Autor: Siegmund Baldszun, seit zehn Jahren an der FWS Uhlandshöhe, Lehrtätigkeit an der Freien Hochschule Stuttgart und Mannheim, bei Fortbildungstagungen und an der »Semaine Française«.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen