Der vierte König

Von Ludger Helming-Jacoby, Januar 2013

Der Erzählstoff der zweiten Klasse umfasst Natursagen, Fabeln und Legenden. In den Fabeln ist zwar von Tieren die Rede, gemeint ist aber der Mensch mit seinen Stärken und Schwächen. Die Kinder bekommen durch die Fabeln gleichsam einen Spiegel vorgehalten; sie werden, oft auf humorvolle Weise, ermutigt, ihre Einseitigkeiten zu überwinden, das Gute in sich zu stärken. Dass das Bemühen um Vervollkommnung nicht vergebens ist, zeigen die Heiligenlegenden – ebenfalls Erzählstoff der zweiten Klasse.

Bild Katharina Gutknecht, in: Henry van Dyke: »Artaban, der vierte Weise«, Verlag am Goetheanum, Dornach 2002

Unter den Legenden, die die Kinder, zumeist abgestimmt auf den Jahreslauf und die Jahresfeste, erzählt bekommen, findet sich die Geschichte von den Heiligen Drei Königen und eventuell auch die vom vierten König. Jakob Streit hat diese Legende in seinem »Dreikönigsbuch« in eindrucksvollen Bildern erzählt – bei ihm heißt der vierte König Talander –, von Edzard Schaper gibt es – für Erwachsene – eine mehr romanhafte Fassung.

Diese Legende berichtet von einem Königssohn, der zur Zeit von Christi Geburt in einem Land fern von Judäa gelebt hat. Eines Nachts nimmt er am Himmel das Erscheinen eines neuen, hell leuchtenden Sterns wahr. Er ist – ebenso wie die Heiligen Drei Könige – ein Weiser und weiß wie diese den Stern als Zeichen für die Geburt des vom Himmel herabgekommenen königlichen Kindes zu deuten. Und so macht auch er sich auf den Weg, um diesen himmlischen König aufzusuchen und ihm zu huldigen. Unterwegs wird er jedoch aufgehalten: Ein Kranker braucht seine Hilfe. Als er schließlich weiterzieht, begegnet er immer wieder armen, hungernden, in Elend geratenen Menschen. Er versucht, ihre Not durch tätige Hilfe und mittels der Kostbarkeiten, die er eigentlich als Geschenk für den Himmelskönig mitgenommen hat, zu lindern.

Am Ende ist er selbst arm geworden. Immer länger wird er aufgehalten, lange Zeit muss er in Gefangenschaft verbringen. Seine Reise wird zu einer Lebensreise, voller Mühen und Umwege, immer erfüllt von tätiger Nächstenliebe und immer mit dem Ziel vor Augen, den himmlischen König doch noch zu finden. Nach dreiunddreißig Jahren hat er endlich sein Ziel erreicht. In Jerusalem, zur Zeit des Osterfestes, begegnet er dem Gesuchten: »Der Weg führte ihn aufwärts einem Hügel zu. Einmal blieb er stehen und erhob den müden Blick. Da gewahrte er oben auf dem Hügel drei Kreuze. Vom mittleren strahlte ihm ein seltsamer Glanz entgegen. Mit den letzten Kräften schleppte sich Talander in seine Nähe. Vor dem Holz des Dornengekrönten sank er zur Erde nieder. Da hörte er über sich die milden Worte: ›Nun bist auch du gekommen, Bruder. Meine Wege sind deine Wege.‹ Ein ungeahntes Glück erfüllte das Herz des sterbenden Talander« (Streit).

Gab es den vierten König wirklich?

Wenn man von dieser Legende hört, wird man sich vielleicht fragen, ob es einen solchen vierten König gegeben hat. Diese Frage mag sich ganz allgemein im Hinblick auf die Legenden stellen. Die Mehrzahl der Legenden bezieht sich ja auf historisch nachweisbare Personen, Martin von Tours oder Elisabeth von Thüringen zum Beispiel. Allerdings sind die ihnen zugeschriebenen Begebenheiten, mit nüchternem Verstand betrachtet, oft wenig wahrscheinlich. Falls die Legenden tatsächliche Ereignisse wiedergeben, müssten sie beweisbar sein, müssten sich auf zuverlässige Augenzeugenberichte zurückführen lassen. Wenn man aber nach den Quellen von Legenden sucht, so stößt man in der Regel allenfalls auf eine erste schriftliche Fassung; diese wiederum kann auf einer langen mündlichen Überlieferung beruhen, deren Herkunft sich im Dunkeln verliert.

Einzelne Legenden­motive finden sich sogar in ganz unterschiedlichen Kulturkreisen, das heißt, eine bestimmte Begebenheit wird verschiedenen Personen zugeschrieben – was sie auf den ersten Blick nicht gerade glaubwürdiger macht. Bei der Legende vom vierten König ist der ursprüngliche Autor bekannt: der amerikanische Schriftsteller Henry van Dyke (1852-1933). Seine Erzählung »The Other Wise Man« wurde zuerst 1921 veröffentlicht. Der Ursprung der Legende geht auf das Jahr 1892 zurück. Van Dyke war zu dieser Zeit schwer erkrankt.

Van Dykes Geschenk

Wenn man nun liest, was van Dyke selbst zur Entstehung der Legende geschrieben hat, so mag einem deutlich werden, dass es sich bei ihm tatsächlich um eine Art Augenzeugen der geschilderten Begebenheiten handelt:

»Die Geschichte […] ist in keinem anderen Buch zu finden, auch nicht in irgendwelchen alten Schriften des Morgenlandes. Und doch habe ich nie das Gefühl gehabt, dass sie meine eigene Geschichte ist. Sie war ein Geschenk. […] Ich hatte die […] Erzählungen der drei Weisen aus dem Morgenland, wie sie in […] Schriften des Mittelalters geschrieben stehen, studiert und liebgewonnen, aber von dem vierten weisen Mann hatte ich bis zu dieser Nacht nie etwas gehört. Dann sah ich ihn ganz deutlich, wie er sich in einem kleinen Kreis von Licht durch die Schatten bewegte. Sein Antlitz stand klar […] vor mir. Die Geschichte von seinen Reisen und Prüfungen und Enttäuschungen zog ohne Unterbrechung an mir vorüber, auch gewisse Sätze kamen mir in den Sinn, klargeschnitten wie Gemmen, vollständig und unvergesslich. Alles, was ich zu tun hatte, war, Artaban Schritt für Schritt vom Anfang bis zum Ende seiner Pilgerfahrt zu folgen. […] Obwohl die Geschichte des vierten Weisen plötzlich und ohne Mühe zu mir kam, bedurfte es doch ernsten Studiums und vieler Arbeit, ehe sie niedergeschrieben werden konnte. […] Artaban begleitete mich, während ich mich durch viele Bände alter Geschichte und Reiseberichte […] hindurcharbeitete. Ich sah seine Gestalt, während ich durch das regungslose Meer der Wüste dahinfuhr und durch die wundersamen Städte des Ostens wanderte.«

Dass die Geschichte für viele Menschen bedeutsam war, kann man vielleicht daran ersehen, welch rasche Verbreitung sie fand. Bald erschienen Übersetzungen in verschiedenen Sprachen, bald tauchte das Motiv des vierten Weisen hier und dort auf, ohne dass seine Herkunft noch erkennbar gewesen wäre, es war sozusagen Allgemeingut geworden. Jakob Streit kam mit der Legende 1947 in Berührung; in einer Schweizer Tageszeitung fand er eine kurze Erzählung vom vierten König. Die Autorin, eine schwedische Schriftstellerin, teilte ihm auf seine Nachfrage hin mit, über die Herkunft könne sie nichts Genaues sagen, ihr sei die Legende nur fragmentarisch begegnet, vermutlich stamme sie aus Russland.

So wurde die Geschichte vom vierten König, die van Dyke empfangen hatte, zu einem Geschenk für die Menschheit. Und vielleicht ist es nicht ganz abwegig, in der geschilderten Lebenssituation Henry van Dykes ein Sinnbild für die heutige Menschheit zu sehen, deren seelische und auch physische Gesundheit immer mehr bedroht ist und die Mühe hat, ihre eigentlichen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Die Geschichte ist für sie bedeutungsvoll, so wie sie es für van Dyke war.

Die Geschichte vom vierten König gewinnt Bedeutung für jeden, der mit ihr in Berührung kommt, der sie aufnimmt und in sich zum Leben erweckt – sei es der Lehrer, der sie erzählt, sei es das Kind, das der Geschichte lauscht, sei es der Erwachsene, der sie liest. Für den, der sie in sein Leben hineinwirken lässt, wird sie wahr. Er wird sie in sich bewahren; sie kann ihm Stärkung auf mancher Durststrecke sein, kann ihm helfen, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – so, wie der vierte König auf langen Fahrten durch Wüsten und Einöden in seiner Seele das Bild bewahrte, das er eines Nachts – kurz nach Beginn seiner Reise – im Traum geschaut hatte:

»Er sah drei königliche Reiter vor sich. Bei einer kleinen Hütte stiegen sie ab. Er vernahm ihre Stimmen, da sie bei der niederen Pforte um Einlass baten. Die Türe ging auf, und die drei traten ein. Im Traum folgte Talander ihnen nach. Niemand schien seiner zu achten. Er trat in einen ärmlichen Raum, darin saß eine Mutter. Sie hielt ein neugeborenes Kind in den Armen. Der Glanz eines Sternes überstrahlte sie. Die Könige knieten nieder und verehrten das Kind. […] Der Anblick des Kindes erfüllte sein Herz mit unendlicher Freude. Festgebannt blieb er auf der Schwelle der kleinen Pforte stehen. Er hörte, was die Könige sprachen, sah ihre Geschenke, vernahm den Dank der Mutter.

Er wagte nicht, näherzutreten, und doch wollte auch er etwas schenken. Er suchte in den verborgenen Falten seines Kleides nach einem Edelstein; aber sein Gewand war leer und zerfetzt. Er sagte zu sich selbst: ›Bin ich als Bettler unter Könige getreten, darf ich nicht länger in ihrem Kreise weilen.‹ Leise tastete er sich rückwärts. Wie er im Begriffe war, das Tor hinter sich zu schließen, traf ihn der Blick des königlichen Kindes, als ob es sagen wollte: ›Wir sehen uns wieder.‹ Talander begab sich in die Nacht hinaus und wanderte weithin über frostige Felder« (Streit).

Literatur:

Jakob Streit: Das Dreikönigsbuch, Basel 2002 | Edzard Schaper: Die Legende vom Vierten König, Mannheim 2012 | Henry van Dyke: Der Vierte Weise, Dornach 1996 | Hans Rudolf Niederhäuser: Tierfabeln, Natursagen und Legenden, in: Anregungen zum Erzählen in Schule und Haus, Sonderdruck aus »Die Menschenschule«, 6/1975

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