Ein Fall für Medien im Unterricht? In zwei Stunden zum Podcast »CafeOhne2fel«

Von Ines Rosa, Mai 2019

»Medienmündig werden« ist das Grundstreben vieler Waldorfschulen. Schüler und Schülerinnen sollen die Zusammenhänge der Medien verstehen und selbst anwenden können. Vor allem durch das eigene Tun soll diese Medienmündigkeit erlangt werden.

Holt man Medien in den Unterricht, sind Lehrer und Schüler ab diesem Moment Grafikgestalter, Fotografen, Audioproduzenten, Filmemacher oder Programmierer. Eine Herausforderung an die Pädagogen, weshalb an medienpädagogischen Konzepten gearbeitet und Lehrkräfte weitergebildet werden, um qualifiziert mit Medien im Unterricht arbeiten zu können. Der Tessin-Lehrstuhl für Medienpädagogik bietet eine Weiterbildung für die praktische Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen an. Am Ende des zweiten Moduls (Praxismodul) liegen Werkzeuge in der Hand, um die Grundanliegen der Medienarbeit in der Schule anzugehen. Dazu zählen das produktions-, entwicklungs- und weltorientierte Arbeiten. In wenigen Unterrichtsstunden kann eine geniale Synthese aus Pädagogik und Medien sehr effizient neue Möglichkeiten für das Lernen hervorbringen. 

Ein Anruf kurz vor den Osterferien als Startpunkt. Wie Greta Thunberg gehen viele Schüler der 9. Klasse der Freien Waldorfschule Hassfurt jeden Freitag auf die Strasse für den Klimaschutz. Das war der Anfang der Idee, die Klassenfahrt am Ende des Schuljahres sinnhaft für ein eigenes Zeichen durch CO2freiem Transport von Kaffee zu nutzen. Sogenannter Segelkaffee aus ökologischem Anbau und fair gehandelt, soll von Hamburg nach Franken auf Fahrrädern transportiert werden. Das ist das Vorhaben der Klassenfahrt im Juli. Nicht gehört zu werden, obwohl ein Zeichen gesetzt werden soll, bereitet den Schülern Sorge. Vom überzeugten Aktivisten bis zum Zweifler ist alles dabei, da sind Konflikte vorprogrammiert. Hört sich das nicht nach einem Fall für Medien an? Ja, denn Medien lieben gute Geschichten. Das war jedenfalls der Gedanke, die Einladung zum Mitwirken am Telefon auszusprechen und in einer Doppelstunde am letzten Schultag vor den Osterferien kreativ in die Medienarbeit einzusteigen. Wir machten gemeinsame Sache und setzten bei der Story Line selbst an, um Fahrtwind für das Gelingen eines Großprojekts mit Medien zu bekommen. 

Gute Geschichten wollen erzählt werden. Egal ob in Text, Ton oder bewegtem Bild – Zuhörer gewinnt man mit einer guten Geschichte, in dem das Drehbuch einen festen Platz für Emotionen und Struktur bietet. Ein Gespräch mit Toleranz und Respekt geführt, kann zur echten Begegnung zwischen Menschen werden. Spontan aus dem Kopf erzählt, fesselt es die Zuhörer, weil es authentisch und echt ist. Daher entschieden wir uns für das Medium Ton, in Form eines Podcasts. Vergleichbar mit einer Radiosendung kann ein Podcast unabhängig von Sendezeiten angehört und für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet werden. Bevor wir uns in Gruppen aufteilten, erarbeiteten wir die Grundlage einer gut erzählten Geschichte. Nach Syd Field, dem begehrtesten Drehbuchlehrer der Welt, hat jede Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In diesen drei Akten ist nach der Einführung in der Mitte das Spannungsmoment zu ermitteln, bis am Ende die Geschichte aufgelöst wird. Aber wie baut man als lineare Anordnung all die kleinen Gesprächsfetzen und Dialogfragmente zusammenhängend in eine Story Line, damit ein Podcast stimmig wird? Wir entschieden uns für das Konzept des strukturierten Interviews mit Tonaufnahme, denn die Spontaneität des Gesprochenen ist das Herzstück für den Transport von Emotionen. Und Geschichten brauchen Struktur und Emotionen. 

Für das strukturierte Interview und dessen übergeordnete Namensfindung teilte sich die Klasse in zwei Gruppen. Die Erzähler und ich als Moderator stellten uns im Klassenzimmer nebenan um das Mikrofon bzw. den Fieldrecorder als Aufnahmegerät. Die anderen bekamen im Brainstorming zur Aufgabe einen Namen für die Geschichte bzw. ihr Projekt zu finden. Würden Name und Geschichte zueinander passen, wenn sich die Gruppen nicht verständigen können? Ein gewagter Versuch mit offenem Ergebnis.

Während der ersten Aufnahmen mussten sich die Schüler daran gewöhnen, die gestellten Fragen in ihren Antworten zu wiederholen, denn in der Postproduktion wird die Stimme des Interviewers herausgeschnitten. Überraschend flüssig wurde gesprochen, die Struktur der Fragen gab Führung. Immer wieder wurde pausiert und geprüft, ob das Gesagte den Tatsachen entspricht. »Das stimmt jetzt so nicht mit dem Taschengeld. Wir bezahlen das doch über die Klassenkasse!«, wurde diskutiert. Sehr ehrlich wurde über Hürden gesprochen, die es noch zu überwinden gilt. »Einige zweifeln noch daran, ob wir tatsächlich die knapp 700 km auf dem Fahrrad meistern.« oder »Wir haben Zweifel, ob wir paar Schüler wirklich etwas bewegen können.«, wurde geantwortet. Die Frage »Was könnt ihr den Sponsoren bieten, damit sie euch finanziell unterstützen?« war ein wichtiger Wendepunkt. Damit hatte sich die Klasse zwar befasst, auf der Packung und in der Presse werden Sponsoren namentlich erwähnt, doch stolperten die Gedanken über ein Warum. Mit der entscheidenden Frage »Was wäre denn, wenn ihr mehr Geld hättet?« konnte das Spannungsmoment endlich heraustreten. Staunend sprachen sie: »Wenn wir mehr Geld hätten, könnten wir mehr tun.« und fühlten sich von diesem Moment an gelöst und locker. Der richtige Zeitpunkt für den dritten Akt. Hier wechselten wir von einer formulierten Frage zur formulierenden Aufforderung an die Zuhörer. Zum Luft anhalten war der Moment als wir ins Nebenzimmer gingen um nach dem parallel erarbeiteten Namen der Geschichte zu fragen. Die Tafel mit Ideen aus dem Brainstorming übersät. Ein Aufschrei: »Das ist es!« und der Finger zeigt auf »CafeOhne2fel« – der Name war geboren. Konnte das ein Zufall sein, dass jetzt das Wort Zweifel auch hier fiel? Und in diesem Alter mit soviel Kreativität auch grafisch gestaltet! Davon noch tief bewegt und beeindruckt, ging es schnell zurück an das Mikrofon. Luisa ging in den letzten Minuten das Schlusswort nur so über die Lippen: «Wenn Sie als Sponsor interessiert sind, uns zu unterstützen und gemeinsam mit uns für die Zukunft zu kämpfen und eben dieses Zeichen zu setzen, dass es auch anders geht, dann melden Sie sich unter www.waldorfschule-hassfurt.de!«. Congratulation, liebe neunte Klasse – ihr habt soeben nicht nur Eure Geschichte erzählt, sondern ein wichtiges Anliegen formuliert und eine Kampagne gestartet!

Eine Doppelstunde Unterricht war zu Ende gegangen und die Eiligen mussten zum Zug. Mit dem Rohmaterial von ca. 40 Minuten hätten wir sehr zufrieden sein können. Doch nicht alle hatte das Ergebnis erreicht und hartnäckig blieben einige wenige Zweifler übrig, die den Lehrer sich den Kopf kratzen ließen. Es folgte ein kurzer Austausch mit Herrn Schlirf, dem engagierten Lehrer: »Wie wäre es jetzt, wenn du als Lehrer selbst erleben dürftest, was aus einem Interview heraustreten kann? Und als Antwort: »Ja, das wäre prima.« Aus der Frage: » Wie wäre es, wenn nach dem pädagogischen Wert aus Lehrersicht gefragt wird?« wurde ein Plan. Und so hängten wir noch eine Stunde Interview bei einer Tasse Kaffee dran, um die letzten Zweifel aus dem Weg zu räumen. 

Zur schnellen Veröffentlichung noch am ersten Ferienwochenende konnte die Postproduktion leider nicht durch die Schüler und Schülerinnen selbst vorgenommen werden, obwohl das logische Zusammenschneiden als Story Line mit der kostenfreien Audiosoftware Audacity ein Kinderspiel gewesen wäre. Aber am Tag der Veröffentlichung des Podcast »CafeOhne2fel« auf der Schulwebsite konnte sich die 9. Klasse über eine Spende von 500 Euro freuen. Nach drei Tagen Veröffentlichung lag die Geschichte in der Redaktionssitzung beim ZDF auf dem Tisch, Interesse für einen Fernsehauftritt ist angekündigt. Kurz darauf konnte der Bayerische Rundfunk für eine Radiosendung am Ende der Klassenfahrt gewonnen werden. Um weitere Anfragen kümmern sich die Schüler und Schülerinnen jetzt selbst. 

Pssssst ... In der Postproduktion ist aufgefallen, dass wirklich keiner ein Datum genannt hat! Deshalb hier noch einmal: Wir alle wünschen für den Start der Klassenfahrt »CafeOhne2fel« am Montag, den 8. Juli 2019 von Herzen gutes Gelingen und freuen uns auf ein Wiedersehen in den Medien!

War das nicht eine geniale Synthese aus Pädagogik und Medien? Herzlichen Dank an die Freie Waldorfschule Hassfurt, ihrem Medienpädagogen Herrn Kokkott für die Vorbereitungen sowie Frau Quitt und Herrn Schlirf (Klassenbetreuer der 9. Klasse) für die Möglichkeit, dieses wertvolle Vorhaben mit direkter Medienarbeit unterstützen zu dürfen!

Mehr zur Weiterbildung zum Medienpädagogen unter:

www.freie-hochschule-stuttgart.de/weiterbildung/medienpaedagogein-oder-medienberaterin-an-waldorfschulen/

Zur Autorin: Ines Rosa ist Dipl. Betriebswirtin und freie Medienbegleiterin im Bereich Grafik, Audio und Video. Nach langjähriger Erfahrung im Marketing und Vertrieb mittelständischer Unternehmen setzt sie sich für die aktive Medienarbeit in Schulen ein. Sie ist Mitglied im Medienkreis der Freien Waldorfschule Würzburg und Referentin am Matthias-Grünewald-Gymnasium Würzburg im P-Seminar. Sie war Teilnehmerin im Praxismodul 2018/2019 der Weiterbildung zur Medienpädagogin der Freien Hochschule in Stuttgart. 

Der Podcast zur Klassenfahrt: »CafeOhne2fel«

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