Flöten Lernen trotz Corona?

Von Hiltrud Kamolz, Mai 2022

Ein Versuch an der ersten Klasse der Augsburger Waldorfschule

Kurzschuljahr 1966: Der Einschulungstermin sollte in Baden-Württemberg von Ostern auf Sommer verlegt werden. Am 1. Dezember 1966 wurde ich eingeschult. Im Sommer sollte ich dann bereits in die zweiten Klasse kommen. Aber nach den Weihnachtsferien bekamen mein älterer Bruder und ich Scharlach, bei mir ohne Krankheitssymptome. Dennoch: Sechs Wochen Quarantäne waren damals für Scharlach angesagt – sie wurden für mich richtungsweisend! Die Mutter im »Schutzanzug« las uns Bücher vor – ich kenne den Inhalt noch genau! – und versorgte uns auf das Aller­beste, trotz weiterer drei Geschwister, die wir nicht sehen durften, und trotz beruflicher Herausforderung. Den Vater bekamen wir aus denselben Gründen so gut wie nicht zu Gesicht, ich habe keine Erinnerung an ihn aus dieser Zeit. Unser größter Assistent und Gesundmacher damals aber waren unsere Blockflöten! Denn das Flötespielen hatten wir schon vor der Einschulung an der lokalen Musikschule anfänglich erlernen dürfen. Wir probierten, übten und spielten sämtliche Weihnachtslieder rauf und runter, wurden immer besser, und als die Zeit der Quarantäne vorbei war, waren wir tatsächlich enttäuscht!

Frühjahr 2021: Nach langer Zeit des Distanzunterrichtes war es wieder möglich, Musikunterricht zu erteilen. Die erste Klasse hatte noch kaum Erfahrung im Umgang mit Instrumenten sammeln können. Als Musiklehrerin bekam ich im Wechsel einmal wöchentlich eine halbe Klasse zu Gesicht. Singen und Flöten waren noch nicht erlaubt, wir wichen auf Kinderharfen aus, die wir für die Situation angeschafft hatten. Die Alternative war zwar gewinnbringend, aber nicht ganz befriedigend. Als das Flötespielen wieder beschränkt auf die halbe Klasse möglich wurde, war eine Stunde alle 14 Tage pro Gruppe absolut nicht ausreichend, um voranzukommen. Bis zum Schuljahresende wurden drei Töne einigermaßen beherrscht.

September 2021: Als Klassenlehrerin der neuen ersten Klasse hatte ich mir viele Gedanken gemacht, wie das Erlernen des Flötespielens im Falle weiterer Corona-Einschränkungen möglich sein könnte. Nicht nur Rudolf Steiner war es ein großes Anliegen, die Kinder so bald wie möglich an das »Instrumentale« heranzuführen, meine persönliche Erfahrung hatte mich genauso davon überzeugt und geprägt. Somit entstand der Impuls, den Kindern das Flötespielen unter allen Umständen zu ermöglichen. Seit Januar beherrschen die Kinder alle Töne ihrer pentatonischen Sonnenflöte.

»Liebe Flöte bist du kalt – Hand und Atem wärmen bald.«

Das ist unser Sprüchlein zu Beginn des Flötens, täglich an der gleichen Stelle des Rhythmischen Teils. Das Anhauchen der einzelnen Löchlein der Flöte darf nur ganz vorsichtig sein, auch später beim Anblasen der Töne. Wir haben das mit Hilfe einer Kerzenflamme geübt, die sich im Hauch fast nicht bewegen, geschweige denn ausgehen darf.

»Meister Specht sei rasch zur Stelle – klopfe Takt und Rhythmus schnelle!« Alle möglichen Rhythmen werden an der unteren Öffnung der Flöte geklopft. Manchmal auch nur der Takt.

»Nun ist meine Rechte dran – fasst die Flöte richtig an.« Bis die Flöte richtig gehalten wird, die entsprechenden Fingerlein ihre »Ruhemulden« gefunden haben, das braucht Zeit! Mit diesen Übungen ist der erste Monat bereits vergangen.

Und erst jetzt wäre es dran, die Flöte auch erklingen zu lassen, aber Flöten im Klassenverband ist ja in diesen Zeiten nicht erlaubt. Somit muss die »stille Rille« unterhalb der Unterlippe als Ersatz herhalten. Wie der Ton klingen soll, wird von der Lehrerin vorgemacht. Und schon gleich zu Beginn des Schuljahres waren die Kinder in »Montagskinder«, »Dienstagskinder«… eingeteilt worden, wie später für das Aufsagen der Zeugnissprüche. Die dürfen sich an den entsprechenden Tagen hoch auf die Bänkchen stellen und einzeln und dann auch gemeinsam zeigen, dass sie es zu Hause gut geübt haben und können.

»Linker Daumen ganz in Ruh, schließt das Hintertürchen zu«. Der zweite Ton wurde innerhalb einer Woche von allen Kindern gefunden und wieder entsprechend geübt.

Schon jetzt bekommen die Töne Namen und Zeichen. Ein farbiges Tafelbild hat sie uns geschenkt. Der erste Ton (e´´) wurde vom Blauen Engel geschenkt, später ist er der »Blaue Stern«. Und mit dem Ton des Roten Engels (Roter Stern = d´´) lassen sich schon kleine Zweitonliedchen aufschreiben und spielen. Mit Feuereifer schreiben die Kinder die ersten ins Musikheft, jetzt können sie zu Hause nach Herzenslust üben.

»Zeiger geht nun auf und nieder – schließt sein Fenster immer wieder«. Der »Monden Ton« (h´) ist gefunden.

»Linker Zeiger darf nun ruh’n, jetzt hat der Große was zu tun.« Mit dem »Sonnenton« a´ waren wir dann soweit, dass wir rechtzeitig bis Nikolaus das Lied »Aus hohem Wolkenschlosse…« flöten konnten.

»Linker Ringel nach dem Riesen – darf das dritte Fenster schließen«.

Der grüne »Erdenton« g´ ermöglichte schon viele aus dem Kindergarten bekannte Liedchen wie »Schutzengel mein…«, »Lauf Lämmlein lauf…«, »Kommt ein Schwan gezogen…«

»Rechter Zeiger ist so schlau – trifft sein Fenster ganz genau«

Nach Weihnachten folgte dann der »Blaue Zwerg« (e´) als Pendant zum »Blauen Engel« (e´´). Wie glücklich waren die Kinder, dass jetzt das geliebte Zwergenliedchen »Tippe tappe« auch geflötet und nicht nur geklopft werden kann!

»Rechter Ringel wartet schon – er schenkt uns den letzten Ton«.

Mit dem »Roten Zwerg« (d´) sind jetzt alle Töne der pentatonischen Sonnenflöte erlernt worden. Für die »Choroiflöte« müssten die Sprüchlein entsprechend angepasst werden.

Zuletzt wurden noch die »Notenlinien« eingeführt: Die blaue »Himmelsstraße« als Trägerin der oberen beiden Töne, die »Sonnenstraße«, auf welcher die nächsten drei Töne ihren Platz haben und der »Erdengrund« für die beiden Zwergentöne; als Zeichen dienen die »Zwergenkäppchen«. Der nächste Schritt wird sein, alle »Symbole« in runde Noten (noch farbig) umzuwandeln.

Eine Herausforderung war es selbstverständlich, die Kinder nicht vorschnell wild in die Flöte hineinblasen zu lassen, das klappte aber mit Hilfe der »Stillen Rille« und durch die klare Ansage, an welchen Tagen welche Kinder dran sind, schnell ganz gut. Und vor allem das »Spielen nach Noten«, das Aufschreiben der Liedchen, motiviert die Kinder sehr, zu Hause zu üben. Wir freuen uns schon auf das Zusammenspiel mit allen!

»Liebe Flöte, das war schön – jetzt sagen wir auf Wiedersehn!« Bedanken möchte ich mich bei meinen ehemaligen Kollegen Peter Beurle und Wilfried Kamolz, die unserer Schule die Sprüchlein und das Bildernotensystem zur Verfügung und Abwandlung bereitgestellt haben.

Ermutigen möchte ich alle Kolleginnen und Kollegen, sich auf das gesund erhaltende und gesund machende Flötenspiel mit ihren Klassen einzulassen!

Autorin: Hiltrud Kamolz, * 1959, Studium Lehramt Grund-Hauptschule mit den Fächern Musik, Handarbeit und Englisch, danach Waldorflehrerseminar Stuttgart, anschließend zwei Jahre Camphill Schottland. Seit 1989 tätig an der FWS Augsburg, erst Fachunterricht Musik (Klassenorchester Mittelstufe und Chor Oberstufe), Spinnen und Korbflechten, seit 2000 Klassenlehrerin, drei Kinder und drei Enkelkinder.

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