Formenzeichnen – eine neue Linienkunst weltweit

Von Thomas Wildgruber, Mai 2019

Auf allen Kontinenten und in zahlreichen Kulturen lebt heute die Waldorfpädagogik. Bei vielen Besuchen in überseeischen Waldorf-»Kolonien« drängte sich mir die Frage auf, inwiefern dieser mitteleuropäische Kulturimpuls beispielsweise in Indien, China oder Mittel- und Südamerika, in Kulturen, die gelitten haben oder vernichtet wurden durch den europäischen Kolonialismus seine Berechtigung hat.

Chichen Itza, Mayakultur, Mexiko

Cuasmalkultur, Kolumbien

Chimukultur, Nordperu

Aimarakultur, Bolivien

Mapuchekultur, Südchile

Formenzeichnen, Mapuche, Chile

… in Bolivien

… in Guatemala

Die Fokussierung der Anthroposophie auf die Stärkung und Freiheit des Individuums erscheint mir andererseits heute aktuell und notwendig, angesichts der weltweiten einseitigen Intellektualisierung und Verstaatlichung des Schulwesens. Mehr denn je braucht die Weltgesellschaft freie und unabhängig denkende Individuen, die sich vorurteilsfrei begegnen können.

Doch in ihrem Gepäck schleppt die Waldorfbewegung viel unreflektierten Ballast. Zu oft bekomme ich auf meine Frage, warum ein Lehrer oder eine Lehrerin dieses oder jenes so mache, die Antwort: »Weil man mir gesagt hat, dass ich es so machen soll.« Ich greife nur ein Beispiel heraus, das Formenzeichnen, ein Schulfach, das einzigartig ist, wofür wir Traditionen und Empfehlungen haben, jedoch keinen verbindlichen Lehrplan. In den von mir besuchten Ländern hält sich die Gepflogenheit, im 4. Schuljahr Flechtformen zu zeichnen, die nordeuropäischen, keltischen oder langobardischen Gestaltungen entspringen. Sicherlich ist es pädagogisch wirksam, mit diesen Formen die fließenden Schwünge und den Aufwachmoment des Drunter und Drüber an den Kreuzungspunkten zu üben. Doch übersehen wir dabei leicht, dass der zeichnende und wahrnehmende Schüler sich zugleich mit einem Gestus und mit Bedeutungen identifiziert, die aus einem ganz bestimmten Geistesimpuls kommen. Rudolf Steiner beschreibt das in einem Vortrag am 13.9.1907, wo er über Zeichen und Symbole spricht: »Machen Sie sich einmal klar, wie der einzelne (mittelalterliche) Handwerker seine Freude an jedem Stück hatte, wie er seine Seele da hineinarbeitete. In jedem Ding war ein Stück seiner Seele. Und wo in der äußeren Form Seele ist, da strömen auch die Seelenkräfte über auf den, der es sieht und ansieht. [...] Was der Mensch sieht, was hineingegossen wird in seine Seele aus seiner Umgebung, das wird in ihm eine Kraft. Danach formt er sich selbst …«.

Für die reale Orientierung der zehn- bis elfjährigen Kinder in ihrer Welt gibt der Waldorflehrplan den Hinweis, die lokale Geografie und Geschichte zu erkunden. Im Formenzeichnen kann man das vertiefen, indem man Zeichen aus den lokalen Kulturen aufsucht und didaktisch in lineare Bewegungsspuren umwandelt.

Seelisches Bauchgrimmen

Bei Fortbildungen zur Kunstdidaktik in Peru und Bolivien mit Lehrern, die stark verwurzelt sind in der Aimara- und Inka-Kultur, musste ich erleben, dass ihnen die Gestaltung von Themen aus der europäisch christlichen Tradition eine Art seelisches Bauchgrimmen verursachte. Und so begannen wir, Motive aus ihrer Mythologie und aus den Zeichen und Symbolen der präkolumbianischen Keramik oder Textilkunst zu suchen und didaktisch für das Formenzeichnen aufzubereiten. Das machte sie kreativ, denn sie konnten sich jetzt nicht mehr auf die exzellent ausgefeilte Didaktik der ars lineandi eines Rudolf Kutzli verlassen. Mit Entdeckerfreude und Eifer entwickelten sie Neues. Durch das selbst Erarbeitete setzt sich ein Lehrer viel intensiver in Beziehung zu seinen Schülern als durch Übernommenes – ein Qualitätsmerkmal interpersonaler Pädagogik. Diesen Impuls verfolgte ich weiter in Indien, in China und in verschiedenen Ländern Mittel- und Südamerikas.

Je früher und origineller das Liniendesign der alten oder indigenen Kulturen ist, umso näher kommt man dem, was Steiner im selben Vortrag in Bezug auf die »aus dem Wesen der Dinge herausgenommenen« okkulten Zeichen und Sinnbilder beschreibt, »wodurch wir in die Verhältnisse der geistigen Welten hineinschauen können«.

Kann ein Lehrer sich wirklich vertiefen in die Gestaltungen und Wirkungen dieser Linienbewegungen, die ja als Form- oder Skulpturkräfte in allem Lebendigen wirken, so wird er sie unschwer mit einer Angabe zum Zeichnen und Malen im 2. Jahrsiebt, die Steiner in einem Vortrag am 22.9.1920 gegeben hat, verbinden können: »Das sind die Kräfte, die im Zahnwechsel ihren Abschluss finden, die vorher den Körper des Kindes ausplastizierten, die Skulpturkräfte, und die wir verwenden später, wenn der Zahnwechsel vor sich gegangen ist, um das Kind zum Zeichnen, zum Malen und so weiter zu bringen. Es sind dies hauptsächlich die­jenigen Kräfte, die in das Kind gelegt sind von der geistigen Welt aus, in denen die kindliche Seele gelebt hat vor der Empfängnis, in der geistigen Welt. Sie wirken zuerst kopfbildend als Körperkräfte und dann vom 7. Jahre ab als Seelenkräfte.«

Die Zeichensprachen indigener Kulturen stammen aus der unmittelbaren Verbindung jener Zeiten und Völker mit den elementaren Kräften der Welt; sie werden nicht erklärt. Daher muss man sich in die Gesten ihrer Liniensprachen hineinfühlen. Auch das ist Teil der vertieften schöpferischen Vorbereitung eines Lehrers. Ich möchte dies an einem Beispiel aufzeigen, als mir bei meinem Rätseln über die Bedeutung eines Motives eine Erklärung gegeben wurde: eine Linienkombination, die immer wieder auftaucht in der Architektur, der Keramik und der Textilkunst von den Mayas in Mexiko bis zu den Mapuches im Süden Chiles: die Komposition einer Spirale mit Stufen, eine harmonische Verbindung geschwungener und gerader Linien (siehe Abbildungen, S. 23).

Die Spirale, so heißt es, steht für die Zeit – in Zyklen, die Stufen stehen für den Raum. Damit ist das Weltbild der alten Kulturen in einem zusammengesetzten Zeichen zusammengefasst. Meist sind es drei Stufen, welche die Dreigliedrigkeit der Welt symbolisieren: die untere Welt (Ukhu Pacha) repräsentiert durch Schlangen, Fische, Reptilien, die mittlere Welt der Menschen (Kay Pacha), repräsentiert durch den Jaguar oder Puma, und die obere Welt (Hanaq Pacha), repräsentiert durch Adler oder Kondor.

Die linke Bildleiste zeigt, wie die Kursteilnehmer dieses Motiv verarbeiteten. Jugendliche aus prekären Verhältnissen in den Bergen Kolumbiens beschäftigten sich in einem Museum mit archäologischen Funden: tönernen Spinnwirteln, die von den indigenen Frauen mit individuellen Mustern gestaltet worden waren (ca. 5. Jh. n. Chr.). Die Jugendlichen übten in einem Formenzeichnen-Workshop großformatig die Bewegungsgestik dieser Formen – und waren sichtlich glücklich, als sie ihre Ergebnisse dem Museum vorstellten.

Fast alle diese Beispiele eines neuen Impulses im Formenzeichnen sind farbig flächig gestaltet; das ist der letzte Arbeitsschritt. Der erste muss das häufige und immer flüssigere Üben der linearen Bewegungsspuren sein, denn diese sensomotorische Tätigkeit ist es, die am tiefsten in die Konstitution des Menschen hineinarbeitet und sie tätig fühlend verbinden kann mit den ursprünglichen Formkräften ihrer Kultur.

Zum Autor: Thomas Wildgruber, langjähriger Klassen- und Kunstlehrer, veröffentlichte das Handbuch Malen und Zeichnen 1. bis 8. Schuljahr, das nun auch in englischer, chinesischer und spanischer Sprache erscheint; er berät Schulen und gibt weltweit Fortbildungen in Methodik und Kunstdidaktik. 

www.kunst-didaktik.de

Literatur: R. Steiner: Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole, GA 101, 13.9.1907, Dornach 1987 |. Steiner: Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis, GA 302a, 22.9.1920, Dornach 1983 | R. Kutzli: Entfaltung schöpferischer Kräfte durch lebendiges Formenzeichnen, Schaffhausen 1993

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