Kreative Wege zum Dichten mit der Oberstufe

Von Ute Basfeld, Februar 2020

Wie kommt eine 12. Klasse zu ihrem Klassenspiel? Wie kommt sie dazu, aufgrund eines Romans oder eines Films ihr Klassenspiel selbst zu schreiben?

Angefangen hat dieser Prozess, ein eigenes Klassenspiel zu schreiben, mit der Poetik-Epoche in der 10. Klasse, in der es auch ums Selber-Dichten der Schüler anhand verschiedener Gedichtformen ging. Die nachfolgenden Gedichte sind während der Zwölftklassfahrt nach Florenz entstanden im Rückgriff auf die in der 10. Klasse behandelten Formen (siehe Beispiele).

Schlaufengedicht

Der Regenbogen erscheint
Erscheint in allen Farben
Farben, die leuchten
Leuchten im Himmel
Himmel in tiefem Blau
Blau wie die Regentropfen
Regentropfen für den Zauber
Zauber des Regenbogens.    

Finn H.

Haiku

Im Abendlicht klar,
Florenz wunderschön verträumt –
Der blaue Arno  

Marie B.

Zu der Möglichkeit, eigene Empfindungen, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, kam durch die Parzival-Epoche der 11. Klasse die Beschäftigung mit der Bedeutung der eigenen Frage hinzu. Als ideale Einstimmung konnte dafür die Beschäftigung mit Juli Zehs Roman Corpus Delicti (2009) dienen: »Wie die Frage lautet«, so die Überschrift eines zentralen Kapitels darin.

Auf der Suche nach dem geeigneten Klassenspiel beschäftigten wir uns in der 11. Klasse sowohl mit dem 1937 erschienenen Roman von Ödön von Horváth als auch mit der 80 Jahre danach aus dieser Vorlage ins 21. Jahrhundert übertragenen Thematik des gleichnamigen Films Jugend ohne Gott. Beiden Vorlagen gemeinsam ist die Frage: Wie finde ich in dem jeweiligen System den Mut zur Wahrheit und damit zugleich: Sehe ich die Welt so, wie sie sein sollte oder so, wie sie wirklich ist?

Was beide voneinander unterscheidet: 1937 ein paramilitärisches Camp für Jungen und deren Lehrer als Hauptperson, 2017 ein Auswahlcamp für Eliteuniversitäten mit dem Schüler Zach im Mittelpunkt. Hier gibt es individuelle Schülernamen, dort nur die Anfangsbuchstaben für den Nachnamen. Die Schnittstelle zwischen beiden lässt sich am besten durch Juli Zehs Satz aus Unterleuten markieren: »Diese jungen Menschen (…) waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies (…) mit ausgestrecktem rechten Arm, nicht zum Führergruß, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.«

Aus dem dann folgenden Ranking möglicher Klassenspiele ging Jugend ohne Gott wegen seines Themas als knapper Sieger hervor: »Das schreiben wir um!«, so der selbstbewusste Kommentar aus der Klasse, wodurch aus beiden Vorlagen und deren markanten Zitaten ein Stück wurde. Eine Gruppe aus acht Elftklässlern und mir setzte sich in Freistunden, an Nachmittagen, sogar an freien Tagen zusammen, um innerhalb von drei Monaten bis zur viertägigen Ausfahrt nach Blaubeuren der Klasse wenigstens eine Rohfassung zur Rollenverteilung präsentieren zu können. Dort wurde das Thema weiter ausgearbeitet. Die Hauptrollen sollten doppelt besetzt werden – und es galt eine geeignete Schülerregie von drei Personen auszuwählen. Auch die Notwendigkeit einer weiteren Rolle – der des Gewissens – zeigte sich jetzt. Durch sie sollte ein innerer Gesprächspartner entstehen, der nicht bestimmend in das Geschehen eingreift, sondern nur durch das Stellen entscheidender Fragen.

Die Umschreib-Gruppe arbeitete anschließend bis zum Schuljahresende eine Schauspielfassung in fünf Aufzügen mit unterschiedlicher Szenen-Anzahl aus. Hochinteressant war dabei, dass durch die gemeinsam gefundenen »Inhaltsstoffe« die Aufzüge in Zweierteams ausgearbeitet werden konnten und erst am Schluss ein Dreierteam Unebenheiten im Gesamt-Spannungsbogen ausglich, sodass tatsächlich zu Beginn der Sommerferien eine aus­gedruckte und digitalisierte Fassung der Klasse zum Rollenlernen vorlag. Gleich mit dem ersten Schultag der 12. Klasse begann die zweieinhalbwöchige Phase intensiver Proben, täglich von 8.30 Uhr bis 18.00 Uhr, die in zwei Schüler- und zwei Abendaufführungen mündete. Da es sehr viele Szenen gab, in denen fast die ganze Klasse von 29 Schülern auftrat, gab es oft sehr viel zu tun und entsprechend blanke Nerven …

Am Ende konnte jedoch eine Schülerin aus der Umschreib-Gruppe und Schülerregie in den Badischen Neuesten Nachrichten voller Überzeugung sagen: »Das Theaterprojekt hat uns alle zusammengeschweißt«.

Wieso konnte das auch vom Inhalt her möglich sein?
Welche Fragen und Themen sind denn bewegt worden?

  • das skrupellose Höher-Schneller-Weiter der gegenwärtigen Leistungsgesellschaft;
  • das Mitgefühl für einen Jugendlichen, der darin ohne Liebe aufwachsend keine Gefühle kennt und diese dann in doppelter Hinsicht todbringend sucht;
  • worin besteht die Wirklichkeit der Welt und welche Möglichkeit hat der Einzelne, seinen wirksamen Beitrag zu leisten?

Auch über das Klassenspiel hinaus beschäftigte die Zwölftklässler gerade diese letzte Frage, sodass sie sie in verschiedener Weise nach der Florenz-Fahrt zum Zwölftklass-Abschluss modifizierten: So wird aus dem Satz des Z. im Roman: »Der Lehrer sagt immer nur, wie es auf der Welt sein sollte, und nie, wie es wirklich ist«, bei Sarah W. aus der 12a eine anderslautende Aussage über das Verhältnis von Ideal und Wirklichkeit: »Denn manchmal muss man die Welt so sehen, wie sie wirklich ist und nicht, wie sie sein sollte.« Und aus dem Film-Zitat von Zach,* bei dem es ebenfalls um diese unterschiedliche Weltsicht geht, wird bei Jan V.** aus der 12a eine Annäherung beider Pers­pektiven:

Im Wort »Dichten« steckt »dicht«, was ein Schüler zu folgendem Akrostichon verdichtete: D as ICH T anzt.

Die Aufführungen einer 12. Klasse haben dies gezeigt.

Wolfram von Eschenbach, Parzival, um 1200: Das Epos thematisiert den individuellen Entwicklungsweg von Unkenntnis über Krisen hin zum Ergreifen des eigenen Lebensweges durch das Gespräch, das Stellen von Fragen und das Mitgefühl füreinander.

Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, 2009: Ein Geschwisterpaar kämpft auf zunächst sehr unterschiedliche Weise in einem leicht futuristisch anmutenden Gesundheitsstart um physisches und seelisch-geistiges Überleben in einem entindividualiserenden Systems.

Ödön von Horváth, Jugend ohne Gott, 1937: Ein Lehrer in einem totalitären System der Gleichschaltung von Gedanken und Taten bis hin zu Verlogenheit und Mord ringt darum, die Wahrheit zu sagen, um dabei zwar seine äußere, nicht aber innerlich-wahrhaftige Existenz zu verlieren. In der Verfilmung (2017) wird aus dem paramilitärischen Lager von Jugendlichen ein Auswahlcamp für eine Eliteuniversität. Er thematisiert den Verlust von Empathiekräften versus das Erringen eigenen Urteilsvermögens durch Aufrichtigkeit.

Hinweis: Vom 28. Februar – 1. März 2020 findet in der Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband für Sprachgestaltung und Schauspiel auf anthroposophischer Grundlage eine vom Initiativkreis Pädagogik und Sprache an der Pädagogischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum ausgerichtete Tagung statt mit dem Thema: »Das Ich spricht – Entwicklungsumbrüche durch Sprechkunst begleiten«, Fortbildung für Pädagogen, Oberstufenlehrer, Deutschlehrer, Fremdsprachenlehrer, Studierende. Kontakt: info(at)rss-wuppertal.de, sprachgestaltung.com/2019/das-ich-spricht/

Zur Autorin: Ute Basfeld ist Waldorflehrerin und unterrichtet Deutsch, Sprachgestaltung und Freie Religion an der FWS Karlsruhe und ist Dozentin für Sprachgestaltung bei Logoi, Freie Akademie für Sprachgestaltung, Schauspiel und Soziale Kunst, Weinheim.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen