Kunstunterricht fördert Offenheit

Von Nana Rothweiler, Juni 2019

Mit unseren Schülern kommt uns Zukünftiges entgegen. Speziell für das Fach Kunst stellt sich die Frage, welche Rolle es dabei spielt. Unser Leben in der Gegenwart steht zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Im künstlerischen Prozess öffnen wir uns für Letzteres.

Arbeiten von der Kunstlehrertagung zum Thema »Zwischen dem Naturnahen und der Abstraktion liegt die Verfremdung«

Lässt sich der Unterricht so gestalten, dass sich etwas Unerwartetes, Neues ereignen kann? Wie geht das? Die Beschäftigung mit dieser Frage zeigt, dass Zukunft nicht mit alten Vorstellungen oder Begriffen belegt werden kann.

Digitale Medien setzen uns immer mehr Zukunft vor die Nase. Schon nach einigen »Likes« erkennt das Programm persönliche Eigenschaften und nutzt sie für Werbezwecke aus. In kürzester Zeit werden wir mit Begriffen oder Annahmen belegt. Unser eigener, potenziell offener Gestaltungsraum wird besetzt und vorbestimmt. Wo bleibt der persönliche Freiraum für eine Entwicklung? Kunst kann dafür ein Mittel sein. Mit ihr lässt sich nachspüren, was stimmig oder das Wesentliche ist. Die Auseinandersetzung mit Kunst befähigt dazu, unterschiedlich wahrzunehmen, weil Gefühl und Erleben in die Wahrnehmung einfließen, weil sie befähigt, freie Räume zu erleben. Oft in ihrer eigenen Zeit verkannt, haben viele Künstler weit in die Zukunft gewirkt.

Wenn wir das im Kunstunterricht fördern, sind wir nah an der Entwicklung unserer Schüler dran. Unser Auftrag als Kunstlehrer, einen wachen Blick für das Zeitgeschehen zu haben und künstlerisch damit umzugehen, wurde auch im praktischen Tun erprobt. Was passiert, wenn ich ganz naturnah am Gegenstand arbeite – zeichnerisch, malerisch; wenn ich den Blick unterschiedlich fokussiere auf die äußere Gestalt oder aber auf die Zwischenräume; wenn ich den Bildgrund als Gestaltungsraum mit bearbeite; immer offen bleibe für den Prozess und das, was das Bild »braucht«? – Und dann der Cut! Ich zerschneide das Bild! Behalte nur, was mir wichtig erscheint. Das Andere, das Alte – das schaue ich an, dann verwerte ich es neu, prüfe mit ihm die Zukunft des Bildes, setze Fragmente und Teile zusammen und erschaffe ein neues Bild, eine neue Komposition, in die ich auch wieder eingreife, sie zerstöre, um Neues zu entwickeln …

Eine Begegnung erfordert Mut

Als Schlüsselqualifikation erscheint, im bildnerischen Prozess einer unbekannten, unerwarteten künstlerischen Äußerung begegnen zu können. Das setzt Übung und Fähigkeiten voraus, die heute auch in ganz anderen Lebens- und Arbeitsbereichen gefordert sind. Wie schnell sind unsere Begegnungen von Vorstellungen und Wissen zugedeckt. Dadurch festigen sich Annahmen, die vielleicht gar nicht stimmen. Mut, Offenheit und Interesse – nicht Wissen – öffnen den Weg in die Zukunft. Können wir das Fühlen als Werkzeug dafür entwickeln und unsere Schüler dahin führen, dieses Werkzeug zu benutzen? Gerade bei der Vielfalt der verschiedenen Stile, Anliegen und Kunstepochen brauchen wir im Kunstunterricht eine innere Beweglichkeit und nichts Festgefahrenes. Da unterscheidet sich der Kunstbetrachtungsunterricht auch wesentlich vom Kunstgeschichtsunterricht. Den Mut und das Interesse aufzubringen, als Lehrer und Schüler Fremdem, Unbekanntem zu begegnen, bedeutet in der Kunst auch, sich mit aktueller Kunst auseinanderzusetzen, wie zum Beispiel mit den Werken der ägyptischen Künstlerin Anna Boghiguian, die als Nomadin lebt und das Weltgeschehen in ihren Arbeiten thematisiert. Ihre Arbeiten zeigen: Man kann nach wie vor über die Existenz der Welt staunen und muss sich nicht nur in begrifflicher Form in ihr zurechtfinden! Mit dem Mittel der Kunst stellt Boghiguian Fragen an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und verarbeitet dabei ihre Erlebnisse als »Weltempfängerin«.

Es geht also im Kunstunterricht darum, sich der Welt zu öffnen, Erlebnisse zuzulassen und daraus eine innere Sicherheit zu entwickeln – welch ein schöner Auftrag, den wir Kunstlehrer haben! Eine künstlerische Haltung macht offen und dadurch lässt sich Zukünftiges ertasten. Künstlerisch gestärkt in die Zukunft gehen und durch Kunst Kraft tanken, diese Bereicherung bietet auch die nächste Kunstlehrer­tagung vom 13. bis 16. Februar 2020 in Buchenau.

Seit nahezu 50 Jahren findet diese wichtige Tagung des Bundes der Freien Waldorfschulen statt. Kunstlehrer aller Waldorfschulen Deutschlands und der angrenzenden Länder treffen sich einmal im Jahr und arbeiten gemeinsam an Fragen zur Kunst und zum Kunstunterricht. Ein Ort voll neuer Impulse, wertvollen Begegnungen und innerer Berührung. Es ist ein Substanzzuwachs, der sich hier erfahren lässt, durch die Aktivierung von neuer, frischer Energie.

Zur Autorin: Nana Rothweiler Lehrerin für Kunst und Kunstbetrachtung in der Oberstufe an der Freien Waldorfschule Überlingen am Bodensee, Dozentin am Berufsbegleitenden Waldorflehrerseminar Überlingen und gibt Teacher Training an der Leichuan Waldorf School in Taichung/Taiwan.

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