Mit 13 schon Projektmanager

Von Josef Endres, März 2019

An der Rudolf Steiner Schule Gröbenzell haben Lehrer und Eltern gemeinsam über vier Jahre ein Reformmodell für die siebte und achte Klasse entwickelt, das den besonderen Entwicklungsbedingungen dieses Alters noch besser gerecht werden soll.

Es ging vor allem darum, den vorhandenen Initiativ- und Schaffenskräften der Jugendlichen Raum zu geben, das Lernen noch stärker an das Leben anzuschließen und sie darin zu unterstützen, die Verantwortung für die eigene Lernentwicklung immer mehr selbst in die Hand zu nehmen. Einige Neuerungen in der siebten Klasse werden hier beschrieben.

Im Wirtschaftsleben sind Projektmanager für besondere Vorhaben zuständig. Dabei müssen sie Ziele definieren, Arbeitsprozesse planen und steuern, verschiedene Abläufe koordinieren und schließlich die Ergebnisse kontrollieren. Gefragte Kompetenzen sind hier: den Überblick zu behalten, gute Nerven zu zeigen und kommunikative Fähigkeiten mitzubringen.

Warum verwehren wir eigentlich dieses Erfahrungsfeld unseren Schülern? Mit Beginn der Pubertät rufen sie nach Eigenständigkeit, wollen etwas in ihrer Umgebung bewegen, sich selbst erproben und auch Verantwortung übernehmen. Wenn diese Initiativkräfte nicht abgerufen werden, suchen sie sich fragwürdige Schauplätze oder stoßen ins Leere. Beides ist für ihre individuelle Entwicklung nicht förderlich.

Die Möglichkeiten, in der gewohnten Umgebung des Klassenraumes diese Potenziale zu entfalten und entsprechende Handlungskompetenzen zu entwickeln, sind in dieser Altersstufe begrenzt. Wir suchten also nach Gelegenheiten, bei denen die Schüler der 7. Klasse in der schulischen Lebenswelt etwas gestalten und Verantwortung übernehmen konnten.

So bekam jeder der Schüler im Verlauf des Schuljahres die Aufgabe, sich einmal in einem Zweier- oder Vierer-Team als »Manager« zu betätigen. Dabei ging es um Planung, Organisation, Durchführung und Auswertung eines Vorhabens, das die eigene Klasse betrifft.

Aufgabe 1: Schülerrestaurant auf dem Adventsmarkt

Unter der Leitung des Management-Teams trug die Klasse Themenvorschläge, Speisenangebote und Dekorationsideen für ein Schülerrestaurant zusammen und formte diese zu einem Konzept. Dann kontaktierten die Schüler den Marktkreis der Schule, um Angebote und Preise abzustimmen. Mit dem Hausmeister galt es, Sicherheitsfragen zu klären, und beim Schulkoch holte man sich wichtige Tipps und besprach Regelungen für die Teilnutzung der Schulküche.

Rechtzeitig musste nun ein Aufbau- und Vorbereitungsplan für das Speiselokal erstellt und mit Fachlehrern der Klasse abgesprochen werden, denn hier ging es um die Nutzung von Unterrichtszeit. Sehr wichtig war die Einteilung eines Dienstplanes für den Restaurantbetrieb, bei dem die einzelnen Projektleiter in jeder Schicht selber als »Geschäftsführer« anwesend sein mussten, denn es galt, gegebenenfalls spontan unternehmerische Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel wenn der Gästeansturm zu groß wurde oder auch wenn die Kundschaft ausblieb.

Woran sollte der Erfolg des Unternehmens gemessen werden? Das Team entschied sich für drei Kriterien: Zufriedenheit der Gäste, das Betriebsergebnis und die »Hinte­r-

lassenschaft«. Aus den Erfahrungen zurückliegender Jahre sahen die Experten hier die größte Klippe: Haben Abbau, Aufräumen und Putzen so funktioniert, dass am nächsten Schultag im Klassenraum wieder Unterricht möglich war? Der Klassenlehrer übte sich in der Kunst des Loslassens, gab allenfalls Ratschläge, wenn er direkt gefragt wurde und trat ansonsten nur als Gast des Restaurants in Erscheinung.

Die Manager werteten mithilfe eines selbst erstellten Fragebogens das Projekt mit der ganzen Klasse aus, besprachen aber auch eingehend die Abläufe in ihrem Viererteam nach.

Aufgabe 2: Die Geisterbahn auf dem Sommerfest

Für dieses Vorhaben muss man Schüler der 7. Klasse nicht erst motivieren. Aus der Dunkelheit heraus mit »krassen« Aktionen die Besucher zu erschrecken, scheint einem Urbedürfnis dieser Altersstufe zu entsprechen. Das Team sammelte Ideen, verteilte Aufgaben für den Aufbau und die Durchführung – Dienstplan für Gespenster! – und musste dafür Sorge tragen, dass man die Geister, die man rief, schließlich auch wieder losbekam.

Aufgabe 3: Autowaschen auf dem Herbstmarkt

Gegen eine Spende sollten die Autos der Eltern- und Lehrerschaft sowohl innen als auch außen gereinigt werden. Hier ging es um eine zugkräftige Werbung und eine überzeugende Logistik am Schulparkplatz.

Aufgabe 4: Stadtexkursionen

Zur Vertiefung des Geschichtsunterrichts waren Exkursionen nach Augsburg und Regensburg geplant. Zunächst verschafften sich die »Manager« Informationsmaterial und besuchten Wochen vor dem Klassenausflug die jeweilige Stadt. Die Schüler teilten sich nun vier Themen untereinander auf und wurden (in Regensburg) Experten für die »Steinerne Brücke«, den gotischen Dom, die alte Römermauer oder das alte Rathaus mit Folterkeller. Am Tage des Ausflugs statteten sie die Klasse mit selbst hergestelltem Informationsmaterial und Stadtplänen aus. Bei einem gut ausgearbeiteten Rundgang sollten nun Gruppen nacheinander die vier Stationen anlaufen. Dort trafen sie auf einen ihrer Mitschüler, der ihnen einen möglichst lebendigen Kurzvortrag hielt. Spätestens beim dritten Durchgang erreichten sie das Niveau von professionellen Stadtführern!

Zum »Management« gehörten aber auch das Studium von Fahrplänen der öffentlichen Verkehrsmittel, die Besorgung von Gruppentickets und die Erkundung von »Erlebnismöglichkeiten« für den freien Stadtgang.

Aufgabe 5: Unterrichtsassistenten

Thema einer Physik-Epoche war die Mechanik. Hier erschien es uns sinnvoll, alle Schüler die Gesetze von Hebel und Schwerkraft möglichst »am eigenen Leibe« erfahren zu lassen. An zwei Nachmittagen bereitete ein Projektteam mit dem Klassenlehrer alle Experimente mit Brechstangen, Wippen, Flaschenzügen, Balken und Sandeimern vor. Die Assistenten sollten in die Lage versetzt werden, die Eigenversuche im Unterricht anzuleiten und zu betreuen. Die Aktionen konnten nun in Gruppen an verschiedenen Stationen durchgeführt und begleitet werden. Ohne den Einsatz dieses Teams hätte der Lehrer diese Methode des selbstentdeckenden Lernens kaum anwenden können.

Ähnlich war das Konzept einer Geografie-Epoche zum Thema »China« angelegt. Einzelne Workshops, in denen die Errungenschaften einer asiatischen Kultur tätig vermittelt werden sollten – Scherenschnitt, chinesische Schrift, Tangram –, wurden von den Mitgliedern eines vorbereiteten Projektteams fachmännisch angeleitet.

Aufgabe 6: Vortragabend mit Eltern und Schülern

Die 7. Klasse sollte die Ergebnisse einer umfangreichen Gruppenarbeit aus dem Geschichtsunterricht zum Thema »Die Entdecker« der Elternschaft präsentieren. Die beiden Projektleiter schrieben die Einladung, organisierten den angemessenen Raum in der Schule, sorgten für das technische Equipment und kümmerten sich um ein Imbiss-Buffet. Auch die Zusammenstellung des Programms lag in ihren Händen. Schließlich moderierten sie als »Veranstalter« die mehrstündige Abendveranstaltung.

Aufgabe 7: Theatersaal

Der Theatersaal wird von der Schule auf vielfältige Weise genutzt und außerdem an einen Konzertveranstalter vermietet. Deshalb muss er mehrmals im Monat komplett auf- oder abgestuhlt werden. Traditionell wird diese Aufgabe von Schülern der 7. Klasse übernommen. Ein Projektteam, das für die Umsetzung zuständig ist, steht hier vor der Aufgabe, den Veranstaltungskalender im Blick zu haben, rechtzeitig eine Gruppe von Mitschülern zu organisieren und diese vom Unterricht befreien zu lassen. Als Fachleute mussten sie sich eingehend mit dem Bestuhlungsplan und den Sicherheitsbestimmungen beschäftigen. Die Sauberkeit von Stühlen und Parkett spielten besonders dann eine Rolle, wenn die Mieter auf dem vertraglich festgelegten Zustand der Räume bestehen konnten.

Weitere Gelegenheiten, ein Projekt zu leiten, waren: Vor­bereitung und Leitung eines Besuchs im Deutschen Museum (Physik), Organisation und Gestaltung einer Ausstellung

im Schulfoyer (Geografie) und Theater-Inspizienz für die Aufführung eines Maskenspiels.

Erfahrungen

Zunächst konnte man feststellen, dass kein Schüler danach fragte, warum man jetzt Arbeiten übernehmen sollte, die sonst in den Händen der Lehrer lagen. Die Identifikation mit ihren Aufgaben war spürbar und sie fühlten sich für das Gelingen der Projekte verantwortlich. Erste Ideen in eine Planung umzusetzen und diese dann in der Praxis realisiert zu sehen, stärkte ihr Selbstbewusstsein.

Die Dynamik der Teamarbeit, die Delegation von Aufgaben – wer ist für welche Tätigkeiten geeignet? – und auch der Umgang mit den Widerständen einzelner Mitschüler sorgten für Reibungspunkte. Hier konnten wir durch Gespräche das weite Feld des sozialen Lernens weiter beackern. Diese »Mediation« war übrigens eine der wenigen Situationen, in denen der Klassenlehrer sichtbar in Erscheinung trat. Ansonsten galt es, die Kunst der Zurückhaltung zu üben und Vertrauen auszustrahlen.

Die Schülerteams waren engagiert und mit lebendigem Interesse bei der Sache – ein wichtiger Indikator dafür, dass hier nachhaltig gelernt werden konnte. Neben sozialen, methodischen und fachgebundenen Fähigkeiten – je nach Projekt mit unterschiedlicher Gewichtung – waren es besonders die Handlungs- und die Selbstkompetenzen, die durch diese Unternehmungen weiterentwickelt werden konnten:

  • Vertrauen in die eigenen Potenziale gewinnen
  • die Erfahrung, Probleme selber bewältigen zu können
  • Verantwortungsgefühl und Engagement.

Zum Autor: Josef Endres war 28 Jahre als Klassenlehrer in Gröbenzell tätig und hat in dieser Zeit die Entwicklungsarbeit am Reformmodell für die Klassen 7 und 8 impulsiert und koordiniert. Seit dem Erreichen des Rentenalters gibt er noch Gastepochen und begleitet als Mentor junge Kolleginnen und Kollegen.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen