Perspektive-Zeichnen – auf dem Weg zum eigenen Standpunkt

Von Thomas Wildgruber, September 2012

Schüler lernen durch das perspektivische Zeichnen, sich in ein neues Verhältnis zu ihrer Umgebung zu setzen. Klassenlehrer Thomas Wildgruber beschreibt seine Hinführung im Unterricht dazu und ein interessantes Experiment.

Schon wieder ist ein Glas umgefallen. Die Hand wollte hingreifen, das Auge hat’s nicht gepeilt; und dann gibt’s noch Ärger! – Die Welt der Siebtklässler gerät aus den Fugen, die Eltern werden schwierig, die Freundinnen haben sich abgewendet, die Lehrer nerven. Und ich bin ganz allein.

Kunst kann Brücken bauen zwischen dem unsicheren Selbstbewusstsein und der Welt, wenn Zwölfjährige im sechsten Schuljahr zeichnend Gegenstände als Licht- und Schattengestalten aufs Papier bringen, wenn ihr Blick an optischen Experimenten für die Phänomene der Farbperspektive aufgeweckt wird. Präzisieren Siebt- und Achtklässler dies noch weiter in der wahrnehmenden und zeichnenden Übung an der Linearperspektive, dann können wir sagen: Sehen verbindet!

In der tätigen Auseinandersetzung mit den optischen Gesetzen kann ein Schüler in diesem Alter sich selbst wie einen Renaissancemenschen erleben. Die Linearperspektive wurde in der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit relativ spät als darstellerisches Anliegen thematisiert. Es ist das selbstbewusste Individuum der europäischen Renaissance des 14. Jahrhunderts, das in der zeichnerischen Konzeption der Architektur und in der Malerei die Raumkörper den Sehgesetzen gemäß auf eine Bildebene projiziert und dafür die konvergierenden, auf einen Punkt zulaufenden Fluchtlinien konstruiert. Im Sehraum werden alle Formen mit zunehmender Entfernung vom Auge kleiner. Unsere Erfahrungen im Bewegungs- und Tastraum sagen uns hingegen, dass gleich große Körper gleich groß bleiben. Zwei Sinnesbereiche, zwei Welten.

Perspektivisches Sehen will gelernt sein

Wie kann ich nun die in weiten Teilen recht nüchterne geometrische perspektivische Darstellungsweise den Jugendlichen interessant machen? Zum Einstieg wähle ich ein Experiment. Da bietet sich die schon von Dürer dokumentierte Glastafelmethode an (Abb. 1 und 2 – die Abbildungen finden Sie in der gedruckten Ausgabe). Hier erkundet der Einzelne die Seh- und Darstellungsgesetze. Blicken Schüler unvorbereitet auf Sempés Cartoon »Der letzte vortreten!« (Abb. 3) fallen sie genau in diesen Abgrund zwischen Seh- und Raumwahrnehmung: »Da stimmt was nicht!«

Nun erkunden wir den Witz der Karikatur in einer gemeinsamen Aktion. Dafür benötigen wir ein Stativ mit einer oben angebrachten Plexiglasscheibe (nach Möglichkeit mehrere Scheiben), einen schwarzen und einen roten wasserlöslichen Filzstift und ein transparentes Lineal (30 cm). Auf einem ebenen Platz möglichst im Freien spielen wir die Aktion »Der letzte vortreten!« durch (Abb. 4). Ein Schüler (mit ruhiger Hand!) skizziert beim Durchblicken (perspicere!) durch die Glastafel die ganze Reihe der aufgestellten Klasse auf die Scheibe (Abb. 5). Nun darf – oder muss – jeder die Stelle des »Obersten« einnehmen und rufen: »Der letzte vortreten!« Dabei misst er bei ausgestrecktem Arm am Lineal die Größe des ersten und des letzten in der Reihe (Abb. 6). So kommt jeder Schüler einmal von hinten nach vorne, ruft, misst und reiht sich vorne wieder ein.

Zurück im Klassenzimmer schreibt jeder ein Protokoll und berechnet das am Lineal abgelesene Größenverhältnis der ersten (größten) und letzten (kleinsten) Figur. Das kann zum Beispiel 25 cm und 5 cm sein und somit das Verhältnis 5:1. Nun müssen die Glastafeln (Abb. 7, nächste Seite) noch ausgewertet werden. Auf ihnen verlängern wir mit dem roten Filzstift die Kopf- und Fußlinien bis zu ihrem Schnittpunkt. Jetzt taucht die entscheidende Erkenntnisfrage auf: Was für ein wichtiger Punkt ist das? Weil man jetzt zwischen dem »Da-draußen« und dem »Bei-mir-in-der-Zeichnung« pendelt, ist es nicht leicht, die Antwort verständlich zu machen: Der Schnittpunkt der Fluchtlinien ist genau der aus dem Gegenüber auf die Scheibe projizierte Augenpunkt des Zeichners! Am Ende nennen wir ihn beim Eintrag in ein anzulegendes Perspektive-Heft den Fluchtpunkt. Dieser liegt immer auf dem Augenhorizont, der Höhe des Betrachters und Zeichners einer räumlichen Anordnung. Nach diesem optischen Experiment kann dann der lange kunstdidaktische Weg des konstruktiven und künstlerischen Zeichnens beginnen.

Perspektive: ein Bewusstseinsschritt wird nachvollzogen

Erleben die Jugendlichen in den beiden letzten Jahren der Mittelstufe eine intensive wahrnehmende und auch gestalterische Auseinandersetzung mit den optischen Gesetzmäßigkeiten der Perspektive und ihren darstellenden Möglichkeiten, vollziehen sie einen für die Bewusstseinsentwicklung des neuzeitlichen Menschen charakteristischen Schritt mit. Man könnte einwenden, dass dieses Thema angesichts der Möglichkeiten, welche die Photographie und Computerprogramme heute bieten, zu vernachlässigen sei. Das System der Perspektive im Ansatz zu beherrschen, vermag jedoch auch der eigenen körperlichen und seelischen Konstitution, die in dieser Zeit ein Stück aus den Fugen gerät, zu helfen: Indem ich mein eigenes Sehen durchschaue (perspicere, lat. Hindurchsehen), finde ich meine Perspektive, meinen Standpunkt. Zudem bin ich damit in der Lage, jederzeit eine anschauliche räumliche Skizze aufs Papier zu bringen.

Vom Ich geht im Sehen eine interessengelenkte Aufmerksamkeit aus, zugleich aber auch eine überbewusste empfangende Aufmerksamkeit, die es eins werden lässt mit der Geistigkeit der Welt. Diese Dimension des Sehvorganges finden wir ausgesprochen in einer seiner frühesten Darstellungen: Platon stellte in seinem Lehrgespräch »Timaios« dar, inwiefern das Sehen das Ich mit der Welt verbindet und dazu noch die leibliche Entwicklung mit impulsiert. Das Auge, so schildert er, habe der Schöpfer aus »mildem Licht« geschaffen, aus dem Auge »strömt« Licht aus und »verschmilzt« mit dem Licht der Erscheinungen in der Welt. Diese Verschmelzung teilt sich im Sehvorgang »dem ganzen Leibe« mit – bis zur Seele, die aus dieser Empfindung die Wahrnehmung »Ich sehe« erzeugt. Leib, Seele und Geist sind für Plato noch eins. In dieser Konzeption des Sehens ist der Blickende unmittelbar eins mit dem Leben, dem Licht der Welt. Goethe sprach es so aus: »Und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete […] Wär nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?«

Wie innig und pädagogisch bedeutend der Sehsinn und die Leibessinne zusammenwirken, ist heute Forschungsgegenstand der Pädagogischen Ästhesiologie (Christan Rittelmeyer). Rudolf Steiner stellte in der Allgemeinen Menschenkunde das Urteilen als leiblich-seelische »Funktion« des »ganzen Menschen« dar. Und im 7. Schuljahr, so sagte er in einer Lehrplanbesprechung (6.9.1919), müsse das Kind »eine gute Vorstellung vom Perspektivischen beigebracht erhalten« und zu Urteilen finden, was »schön oder unschön« sei. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er der Kunst in der Schule einen immer höheren Stellenwert zu: »Wir können diese freie Ausbildung [des Ätherleibes und des astralischen Leibes] fördern, wenn wir ein möglichst umfassendes Empfinden für das Schöne an den Menschen heranbringen. Dazu ist er am empfänglichsten im schulmäßigen Alter. Deshalb müsste eigentlich alles darauf angelegt sein, den Menschen gerade zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife in das Empfindende, in das Erleben der Schönheit hineinzuführen. Dann wird er es für das spätere Lebensalter behalten.«

Im Perspektive-Zeichnen können wir exaktes Vorstellen und Schönheitsempfinden in diesem Sinne als Lebenshandwerk anlegen.

Literatur: Platon, Timaios, Ditzingen 2003; Johann Wolfgang Goethe: Farbenlehre (1810), Einleitung (in Goethe Farbenlehre mit Einleitungen und Kommentaren von Rudolf Steiner, herausgegeben von Gerhard Ott und Heinrich O. Proskauer, Stuttgart 1979; Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde, GA 293, 8. Vortrag, Stuttgart 29.8.1919; ders.: Erziehungskunst, Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge, GA 295, Stuttgart 6.9.1919; ders.: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens, GA 303, 14. Vortrag, Dornach 5.1.1922; Christian Rittelmeyer: Pädagogische Anthropologie des Leibes. Biologische Voraussetzungen der Erziehung und Bildung, Weinheim, München 2002; Thomas Wildgruber: Malen und Zeichnen 1. bis 8. Schuljahr. Ein Handbuch, Stuttgart 2010 (Detaillierte Darstellung eines methodisch-didaktischen Aufbaus des konstruktiven und künstlerischen Zeichnens für das 7. und 8 Schuljahr)

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