Schöner als Ferien. Schüler erforschen die Ökologie der Atlantikküste

Von Silvia Wunderlin, Ulrich Wunderlin, Oktober 2013

Der Biologieunterricht sollte zu einer unmittelbaren Begegnung mit den Naturphänomenen führen. Was im Unterricht erarbeitet wird, kann in der direkten Auseinandersetzung mit der Natur intensiv erlebt und zu neuen Fähigkeiten weiter entwickelt werden. Dies zeigt das Praktikum Meeresbiologie und Ökologie der 11. Klasse der Atelierschule Zürich.

Petite Conche. Foto: © Karlheinz Lauer

Der Zustand der Umwelt stellt uns vor neue Herausforderungen. In einem Praktikum zur Meeresbiologie und Ökologie sollte deshalb nicht nur das genaue Studium der einzelnen Organismen geübt, sondern vor allem deren Zusammenwirken in den verschiedenen Lebensgemeinschaften erforscht werden. Dafür wählten wir einen Standort, der ein Mosaik verschiedenster Biotope und Organismen­gemeinschaften aufweist, die vergleichend studiert werden können. Wenn geographische Fragestellungen, Wetter- und Bodenkunde sowie die Astronomie einbezogen werden, wird die Interdisziplinarität im wissenschaftlichen Arbeiten gefördert. Die abiotischen Faktoren, die einen Lebensraum prägen, lassen erkennen, was notwendig ist, um eine Landschaft in ihrer ganzen Lebendigkeit zu schaffen.

Die Ile d’Yeu (Vendée) ist ein von besonderen Lichtqualitäten geprägter Standort, der auf kleinem Raum eine Vielzahl verschiedenster Lebensräume bietet. Hier finden wir eine weite, wärmedurchflutete, sich gegen den Kontinent öffnende Dünenküste mit kleineren Sand- und Schlickwattgebieten und einer prächtigen, noch weitgehend natürlich erhaltenen Dünenvegetation, in der viele Pflanzen aus dem mediterranen Florengebiet wachsen. Zugleich gibt es eine wilde, häufig vom Wind umtoste, zerklüftete, felsige Steilküste, die dem offenen Ozean zugewendet ist, mit ausgeprägten, malerischen Felswattbereichen und einer Polster- und Heidevegetation mit Pflanzengesellschaften, die an europäische Mittelgebirge erinnern. Viele hier wachsende Pflanzen haben einen Verbreitungsschwerpunkt in Nordeuropa.

Als Aufgaben für die praktische Feldbiologie ergeben sich die sehr beliebten Studien im Sand- und im Felswatt. Im Sandwatt sind es vor allem die Spülsäume, die von vergangenem Leben künden. Ist die Oberfläche des Sandes scheinbar tot, entfaltet sich das Leben in einer reichen Unterwelt. Beim Graben werden die erstaunlichsten Lebewesen gefunden. Demgegenüber trifft man im Felswatt überall auf quellendes, kriechendes, krabbelndes Leben. Hier wird die Welt der Algen der Verlandungszone studiert. Das Verhalten der verschiedensten Tiere ermöglicht reiche Beobachtungen – immer mit dem Anspruch, selbstständig Schlussfolgerungen ziehen zu lernen. Besonders bieten sich hier die Ebbetümpel zur Untersuchung an – kleine, überschaubare Ökosysteme, die während der Niedrigwasserzeiten als eigenständige Lebensgemeinschaften funktionieren. Beim Schnorcheln oder Tauchen können die Schüler die Kelpwälder der obersten Dauerflutzone mit den großen Krabben (Taschenkrebse, Seespinnen) und vielen Fischen (Meeraal, kleingefleckter Katzenhai) erleben.

Die Küstenvegetation charakterisieren wir an den verschiedenen Standorten (Düne, Felsküste) in ihrer Gesamtheit, indem wir ein exaktes Vegetationsprofil ausmessen. Die Schüler bestimmen und zeichnen die verschiedenen Pflanzenarten, ebenso die Pflanzengesellschaften und deren Sukzession in den verschiedenen Zonen der Küstenvegetation. Abgeschlossen werden diese Einzelbeobachtungen von elf Stationen, die über die gesamte Insel verteilt sind, durch vergleichende Studien der unterschiedlichen Lebensräume. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden charakterisiert und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. So sind beispielsweise die sukkulenten Pflanzen der Dünen alle einjährig (Meersenf, Meeresmelde), die sukkulenten Pflanzen der Felsküste dagegen mehrjährig (Strandalant, Meerfenchel).

Diese an den entsprechenden Standorten bearbeiteten Fragestellungen arbeiten die Schüler zu Protokollen aus und vertiefen sie in Seminaren, um auf der Grundlage ihrer Untersuchungen die globalen Zusammenhänge zu verstehen. Um nicht nur die Erde im Blick zu haben, sondern auch deren Beziehung zum Kosmos, beobachten sie zudem regelmäßig die Gestirne.

Redaktionell bearbeitete Fassung eines Artikels, der erstmals im Forum der Ehemaligen der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen der Schweiz im Frühjahr 2012 erschienen ist.

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