Schwamm drüber. Können Whiteboards die klassische Schultafel ersetzen?

Von Andrea Vogelgesang, November 2012

Ein Schulraum ist ohne sie undenkbar – die Wand- oder Standtafel. Seit Jahrhunderten ist sie das Medium, um möglichst allen Schülern gleichzeitig und gut sichtbar Unterrichtsinhalte zu präsentieren – weiß auf schwarz. Die Kinder wiederum schreiben schwarz (oder blau) auf weiß in ihre Hefte ab, um das Gelernte festzuhalten. Bald schon könnte dieses Prozedere überholt sein, denn eine neue Tafelgeneration hält mit den sogenannten Whiteboards seit geraumer Zeit Einzug in die Klassenzimmer.

Schiefer versus Whiteboard?

Im Jahr 2008 wurden bereits 26.000 Whiteboards an deutschen Schulen eingesetzt. Im Biologieraum der Rudolf Steiner Schule Düsseldorf kommt (als eine der ersten Waldorfschulen in Deutschland) seit März dieses Jahres die digitale Variante zum Einsatz – ein Schritt, der besonders für die Waldorfpädagogik ungewöhnlich erscheint, zumal hier digitale Medien eher mit Zurückhaltung betrachtet werden. Was hat diese Technik zu bieten und wie kann sie die Unterrichtsarbeit unterstützen, wenn nicht sogar stellenweise verbessern oder erleichtern? Die elektronische Tafel an der Wand, mit ähnlichem Format wie ihre Vorgängerin, wird an einen Computer angeschlossen. Dann können dessen Funktionen über einen Beamer projiziert werden. Der Lehrer muss also nicht mehr mit dem Rücken zur Klasse Sätze oder Formeln aufschreiben, sondern kann, an seinem Laptop oder Tablet sitzend, Unterrichtsinhalte entwickeln, die die Schüler, auf die große Fläche übertragen, sehen und notieren können.

Bei den Vorbereitungen des Mathematikleistungskurses der Düsseldorfer Schule für das Abitur in diesem Jahr zum Beispiel wurden 100 Aufgabenblätter bearbeitet. Diese umfassten ihrerseits bis zu zehn Seiten. »Da ist man als Lehrer froh, wenn man nicht stapelweise Blätter anschleppen muss. Dank Whiteboard hat man die Unterrichtsmaterialien mit einem Klick vorliegen. Auch die Lösungen können vom Laptop direkt auf das Whiteboard übertragen werden«, sagt Franz Glaw, Deutsch- und Mathematiklehrer in der Oberstufe. Oder in der Projektiven Geometrie können komplexe Zeichnungen jederzeit neu aufgerufen, kombiniert, ergänzt und einander gegenübergestellt werden. Es lassen sich dreidimensionale Zeichnungen animieren und aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Im Geographieunterricht können verschiedene thematische Landkarten, zum Beispiel zu Bodenschätzen und zur Siedlungsdichte, übereinandergelegt und verglichen werden. Auch für den Einsatz von Tabellen, Zahlen und bei Referaten ist das Whiteboard hilfreich. Es erlaubt eine schnelle Recherche und bessere Präsentation von Stoffen. Mühseliges Abschreiben wird gegebenenfalls sogar überflüssig. Mit dem Speichern der Aufzeichnungen kann der Lehrer Ergebnisse nach Unterrichtsschluss direkt an die Schüler mailen. Hört sich gut an, Franz Glaw aber gibt zu bedenken: »Man muss natürlich auch aufpassen, dass die Heranwachsenden nicht einer großen Lethargie verfallen und immer bequemer werden. Es ist nämlich ein ganz anderer Lernprozess, ob ich selbst mitschreibe, was ich gegebenenfalls durch eigene Notizen ergänzen muss und dabei mitdenke, oder ob ich mich zurücklehne und weiß, der Lehrer schickt mir später sowieso alles.«

Es gilt also, mit dem Whiteboard im Unterricht gezielt und bewusst zu arbeiten, zumal die meisten Heranwachsenden sowieso schon genügend Zeit vor ihrem Computer zu Hause verbringen. Der Hamburger Gymnasiallehrer Thomas Iser spricht von der Faszination, die das Medium auf die Schüler ausübe und führt die Ergebnisse eines Hamburger Pilotprojektes aus dem Jahr 2007 an. Demzufolge motiviere der Einsatz von Whiteboards die Arbeitshaltung deutlich. Klaus Armbruster, Lehrer für Mathematik und Sport im gymnasialen Zweig einer Gesamtschule, hält hingegen die Wirkung und Motivation über ein technisches Novum für fraglich und überschätzt – eine kritische Haltung, die nicht von einem Waldorfpädagogen geäußert wurde.

Kreidezeit

Eine entscheidende Rolle spielt natürlich das Alter der Schüler, wobei der Einsatz von Whiteboards bei den Jüngeren pädagogisch abzuwägen ist. Der Waldorflehrer Joachim Brune aus Düsseldorf beschreibt den Wert des klassischen Tafelbildes, besonders für die Unterstufe: Die Kinder ahmen mit ihren Blöckchen die Maltechnik des Lehrers nach, der mit der Kreide großflächig das Format bearbeitet. Dabei durchdringen sich die Farben und überlappen einander. So und nicht durch Striche entstehen Konturen. Dadurch werden die Bilder vieldeutig und wecken die Phantasie. Sie bergen Geheimnisse und geben Rätsel auf – ein Effekt, der digital nicht umsetzbar ist. »Die Tafelbilder begleiten die Unterstufenschüler bis zu vier Wochen je nach Länge einer Epoche und spiegeln Unterrichtsinhalte wieder. Sie sind wie Stimmungsbilder. Mit ihnen wird ganz stark das Gemüt der Kinder angesprochen«, erklärt Brune. Der Schüler, der selbst ein Stück Kreide in der Hand hält und damit über die Tafel fährt, hat zudem ein haptisches Erlebnis. Doch auch in höheren Jahrgangsstufen erfüllt die klassische Tafel wichtige Aufgaben. Hildegard Brauner gibt zur Zeit eine Biologie-Epoche in der 9. Klasse der Düsseldorfer Waldorfschule zum Thema Menschenkunde. Die überdimensionale Abbildung eines Menschenschädels, weiß auf schwarz, hebt sich von dem dunklen Hintergrund der Wandtafel ab. Die Zeichnung, die die Lehrerin in stundenlanger Vorbereitung erstellt hat, fasziniert mit ihren Schattierungen, die den Kopf mit Augenhöhlen und Knochenpartien geradezu plastisch erscheinen lassen. Unterschiedlich starke Flächenübergänge mit Kreide erzeugen diesen Effekt. Hildegard Brauner betont, dass es ein wichtiger Teil des Unterrichts sei, die Schüler die Darstellung in ihre Hefte abzeichnen zu lassen. »Durch diesen Prozess wird die Wahrnehmung geschärft und die Jugendlichen verinnerlichen die Anatomie des Schädels intensiver«, betont sie und fügt hinzu: »Die Zeichnung mit brüchiger Kreide auf der schwarzen Tafel hat zudem eine künstlerische Wirkung, die auch Rudolf Steiner schon ansprach. Ein Effekt, der mit einer digitalen Graphik auf dem Whiteboard so nicht erzielt werden kann.« Im Lebendigen gebe es zudem selten linienhafte Abgrenzungen, oft eher Übergänge, denen mit Kreide besser nahezukommen sei.

Dass das Whiteboard mit seinen Funktionen und Möglichkeiten eine sinnvolle Bereicherung der Unterrichtsarbeit, vornehmlich in der Oberstufe, darstellen kann, möchte die Biologielehrerin allerdings nicht in Frage stellen. Es sollte jedoch nicht in Konkurrenz zur klassischen Wandtafel stehen. Insofern wäre ihrer Meinung nach so etwas wie ein Medienraum der richtige Ort dafür.

Es gilt, die Vor- und Nachteile der neuen Technik abzuwägen. Franz Glaw fasst das in folgenden Worten zusammen: »Man sollte sich den Neuerungen nicht verschließen und sie als Unterstützung für den Unterricht da nutzbar machen, wo sie Vorteile bringen«. Das Whiteboard kann stellenweise auch schon mal in der Mittelstufe zum sinnvollen Einsatz kommen, wenn zum Beispiel im Rahmen einer Tierkundeepoche ein Film in bester Qualität gezeigt werden soll.

Ein Vorzug scheint unbestritten: Die schnelle Vergänglichkeit des Tafelbildes – ob aus Versehen oder mit Absicht in Sekundenschnelle weggewischt –, scheint der Vergangenheit anzugehören. Lehrer brauchen sich in Zukunft diesbezüglich also keine Sorgen mehr zu machen, es sei denn das Programm stürzt ab …

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