Was machen Waldorfcoaches?

Von Robert Hell, März 2019

Pädagogische Kompetenzen müssen neue Lehrer sich erst erwerben. Während die Seminare diesen Prozess bestenfalls berufsbegleitend unterstützen, übernehmen die Schulen die praktische Ausbildung und Einarbeitung – zusätzlich zu ihrer ohnehin nicht geringen Arbeitsbelastung.

Foto: © Charlotte Fischer

Diese verantwortungsvolle Aufgabe wird in der Regel sogenannten Mentoren übertragen, denen diese Arbeit allerdings nur an manchen (!) Schulen monetär oder durch Stundenentlastung vergütet wird. Es gilt als selbstverständlich, dass sie das können, wenn sie sich in ihrer Arbeit mit den Kindern entsprechend bewährt haben. Dass es sich dabei um eine neue berufliche Tätigkeit handelt, für die man qualifiziert sein muss, wird selbst von den schon Mentorierenden oft nicht gesehen.

So fragte mich vor einiger Zeit eine Kollegin, warum man denn neuerdings für alles, auch für die Einarbeitung neuer Lehrer, eine Qualifikation brauche. »Ich bin doch schon lange Lehrerin und habe genug Erfahrung, die ich weitergeben kann.« Meine Antwort fiel eher knapp aus: »Nein, darum geht es eben nicht.« Die Weitergabe von Bewährtem und Erfahrenem mag vor etlichen Jahren noch eine angemessene Form der Einarbeitung gewesen sein. Im 21. Jahrhundert sind die Menschen jedoch so individuell, dass es eine gänzlich andere Haltung, neue Lernformen und Lernräume braucht, die auf die Bedürfnisse und Entwicklungspotenziale des Einzelnen zugeschnitten sind. Qualifizierte Mentoren schaffen solche Lern- und Entwicklungsräume, in denen die in der Regel jungen Pädagogen ihren eigenen Ansatz und ihren individuellen Weg finden.

Die Mentoren sind also nicht mehr nur Fachexperten, sondern Entwicklungsbegleiter. Sie müssen deshalb Begegnungs- und Führungskompetenz besitzen, einen transparenten und erwachsenengemäßen Entwicklungs- und Einarbeitungsrahmen schaffen und für die Waldorfpädagogik als eine moderne und zukunftsweisende Pädagogik begeistern. Die Mentorenschulungen, die wir mit Unterbrechungen seit 2001 durchführen, stärken geeignete Pädagogen und unterstützen sie bei ihrer neuen Aufgabe. Gesprächsführung – ich-bewusstes Zuhören und Sprechen – wird geübt; wir schulen Präsenzbewusstsein als Grundlage jeglicher Begegnung durch Meditation als Grundhaltung; wir verschaffen uns ein Verständnis von Lern- und anderen Blockaden, hinter denen oft Angst vor Versagen steckt und üben entwicklungsförderndes Feedback. Dabei sind die aktuellen Fragen und Anliegen aus der Praxis immer die Ausgangspunkte, an denen die Teilnehmer ihre neuen Kompetenzen erproben.

Seit 2016 gibt es nun eine Vertiefung dieser Mentorenschulung in Form einer Ausbildung zum Waldorfcoach. Diese richtet sich in erster Linie an Pädagogen, die ihre Mentorenfähigkeiten erweitern wollen, um nicht nur neue Lehrer, sondern auch Schüler, andere Kollegen und auch Eltern bei Entwicklungsfragen zu unterstützen.

Im Gegensatz zur Biographiearbeit konzentriert sich das Waldorfcoaching auf die Handlungskompetenz, das heißt auf den Willenspol des Menschen in seinen Arbeitszusammenhängen. Dabei werden nicht nur hemmende Seelenmuster im Denken, Fühlen und Handeln erkannt und verwandelt, sondern auch neue Lebens- und Arbeitsperspektiven entwickelt.

Der Waldorf-Coach arbeitet natürlich im Rahmen der Waldorfpädagogik und auf der Grundlage des anthroposophischen Menschenbildes auf einem Weg zu einer spirituellen Menschenerkenntnis. Dabei entsteht ein geschützter Lern-, Forschungs- und Übungsraum: Bewusstseinsdurchdrungene Begegnungen bilden den Schwerpunkt der Schulung. Dabei führen wir reale Coachinggespräche zu mitgebrachten Fragen: jeweils zwei Teilnehmer miteinander unter der Beobachtung der anderen mit ausführlicher Nachbesprechung. Unterstützt werden diese Gespräche durch Arbeitstechniken und -methoden wie Offener Raum, Aufstellungsarbeit, Leerer Stuhl und Bilderreisen sowie meditative Übungen, die auch in der Natur stattfinden.

Als »spirituelles Coaching« steht diese Ausbildung auch Psychologen, Beratern, Sozialpädagogen und Therapeuten zur Verfügung.

Zum Autor: Robert Hell ist Waldorflehrer, Dozent und Praxisausbilder am Südbayerischen Seminar für Waldorfpädagogik und Erwachsenenbildung in München; er ist seit mehr als 30 Jahren tätig als Biographieberater und Coach mit umfassenden Schulungshintergrund sowie als Unternehmensberater und Mediator.

Kontakt: robert.hell(at)arcor.de

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