Lehrer:innen an heilpädagogischen und inklusiven Schulen

Von Larissa Beckel, Thomas Maschke, Dezember 2022

Neue Wege und Ideen für Grund- und Nach-Qualifikationen.

In den vergangenen Jahren wurde immer deutlicher, dass Schulen, die Schüler:innen mit spezifischem Unterstützungsbedarf unterrichten, kaum neue fachlich und formal gut ausgebildete Lehrkräfte für diese Aufgabe gewinnen konnten. Hinzu kommt, dass an vielen Schulen Lehrer:innen beschäftigt sind, die tagtäglich wertvolle Arbeit leisten, jedoch formal nicht ausreichend qualifiziert sind. Eine andere Gruppe von Lehrkräften erfüllt dieses Kriterium (z.B. durch ein Studium mit Staatsexamen), kann dabei aber inhaltlich nicht auf Waldorf- bzw. heilpädagogische Inhalte und Methoden zurückgreifen.

So wurde im Verwaltungsrat der Arbeitsgemeinschaft heilpädagogischer Schulen auf anthroposophischer Grundlage nach Wegen gesucht, neue qualifizierte Lehrkräfte für die Schulen zu gewinnen und außerdem Angebote für Nachqualifikationen zu schaffen.

Das Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität, Studienzentrum Mannheim der Alanus Hochschule, nahm sich in Person von Thomas Maschke, Professor für Inklusive Pädagogik mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, sowie der extra für dieses Projekt gewonnenen wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Larissa Beckel dieser Aufgabe im Auftrag von anthropoi Bundesverband an.

Es galt nun, vielfältige Formate zu schaffen, um allen genannten Bedürfnissen und Notwendigkeiten gerecht werden zu können. Hierfür wurde jetzt ein Zertifikatskurs entwickelt, der durch die Ausweisung von Inhalten und Aufwand der Teilnehmenden so genannte Leistungspunkte (ECTS) vergibt, welche als universitäre Weiterbildung anrechnungsfähig sind.

Vom 29. Juli bis zum 2. August 2022 fand das erste Mal der Mannheimer Sommerzertifikatskurs statt. Die Konzeption des Hochschulzertifikatskurses verfolgt mehrere Ziele: Zum einen stellt er ein Angebot zur (Weiter-) Qualifizierung von Lehrkräften im Bereich der anthroposophischen Heilpädagogik dar, um neue Lehrkräfte zu gewinnen und formal nicht adäquat qualifizierte zu sichern, zum anderen soll die Zusammenarbeit mit weiteren Hochschulen im Bereich der Sonder-, Heil und Inklusiven Pädagogik gefördert werden. Die Zielgruppen für das Weiterbildungsangebot sind somit weit gefasst.

Teilnehmende

Insgesamt haben neun Teilnehmende den Sommerzertifikatskurs besucht. Davon waren zwei Studierende der Alanus Hochschule in Alfter (Studiengang Master Waldorfpädagogik) und der Evangelischen Hochschule in Darmstadt (Studiengang Master Inclusive Education / Heilpädagogik). Die sieben weiteren Teilnehmenden waren Lehrkräfte verschiedener Waldorfschulen aus vier Bundesländern (Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hamburg).

Inhalte

Den inhaltlichen Schwerpunkt des Kurses bildete ein Vergleich verschiedener Perspektiven auf Beeinträchtigung und Behinderung, die eigene künstlerische Arbeit sowie Möglichkeiten zum Praxisaustausch. Somit sollten vor allem nach der Pandemiezeit Möglichkeiten zur Begegnung geschaffen werden. Durch die verschiedenen Zielgruppen konnte zwischen Studierenden und etablierten Lehrkräften unter den Teilnehmenden ein anregender Austausch stattfinden zwischen Theorie und angewandter Schulpraxis.

In den fünf Tagen wurden verschiedene Fragestellungen zur schulischen Heilpädagogik und Schulorganisation bewegt. Es wurden grundlegende Begriffe der Waldorf- und Heilpädagogik erarbeitet sowie geschichtliche Perspektiven miteinbezogen. Außerdem setzten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Inklusionskonzepten und intersektionalen Ansätzen auseinander. Durch diese unterschiedlichen theoretischen Rahmungen entstanden zahlreiche Anregungen für die pädagogische Praxis. So wurden verschiedene Formen von Differenzierung in der Unterrichtsgestaltung, der Methodik und Didaktik vorgestellt und weitere Formen erarbeitet. Darüber hinaus entstanden immer wieder Möglichkeiten für den reflexiven Austausch über Unterrichtsformate und die eigene pädagogische Praxis vor dem Hintergrund der erarbeiteten Inhalte.

Die intensive seminaristische Arbeit wurde erweitert durch eigene künstlerische Prozesse. Am Mittag ergänzten Einheiten im dynamischen Zeichnen die erarbeiteten Inhalte, am Abend verschiedene Einheiten in Eurythmie. Der Arbeitsumfang belief sich insgesamt auf 36 Stunden in Präsenz sowie 39 Stunden der Vor- und Nachbereitung der Veranstaltung in Eigenarbeit.

Feedback der Teilnehmenden

Am Ende der Veranstaltung haben wir um Feedback der Teilnehmenden gebeten. Die Rückmeldung zum Zertifikatskurs fiel durchweg positiv und begeistert aus. Über die fünf Tage hinweg ist zwischen den Teilnehmenden eine intensive Arbeitsatmosphäre entstanden, sodass der Wunsch geäußert wurde, in ähnlicher Konstellation in kommenden Veranstaltungen weiter zu lernen. Die Teilnehmenden äußerten, dass sie neue Anregungen für den Unterricht mitnehmen konnten sowie einen klareren Fokus auf die eigene Unterrichtsmethodik. Es entstand zudem ein besseres Verständnis von Inklusion und deren schulischer Umsetzung. Die Teilnehmenden äußerten zudem, dass durch die theoretische Rahmung Werkzeuge und Anhaltspunkte die Reflektion der eigenen beruflichen Praxis erarbeitet wurden. Per Mail erreichten uns weitere Rückmeldungen nach Beginn des neuen Schuljahres Anfang September: Die Teilnehmer:innnen konnte das Gelernte aus dem Kurs gleich in die Unterrichtsvorbereitung des kommenden Jahres mit einfließen lassen. Das Ziel, theoretische und praktische Inhalte miteinander zu verflechten, konnte also erreicht werden. Die Teilnehmenden des Auftaktkurses möchten gerne weitere Kurse im Rahmen des Projektes besuchen.

Vorbereitung und Organisation des Sommerzertifikatskurses

Im Vorfeld wurden unterschiedliche Maßnahmen durchgeführt, um auf den Kurs aufmerksam zu machen. So wurden verschiedene Formen von Werbematerial erstellt wie das Layout und der Druck von Flyern, eine eigene Website für den Kurs sowie auf unterschiedlichen Wegen der Öffentlichkeitsarbeit für die Veranstaltung geworben.

Das Projekt und der Sommerzertifikatskurs wurde bei verschiedenen Veranstaltungen vorgestellt (bspw. Anthropoi-AGs in Karlsruhe, Hamburg und Stuttgart; Anthropoi-Plenartagung in Marburg) sowie Netzwerkarbeit auf verschiedenen Konferenzen (INASTE-Kongress in Wien) geleistet. Eine weitere große organisatorische Aufgabe war die Erstellung eines Versandverteilers für den Print-Flyer und die Erstellung von Inhalten für digitale Verteiler. In einer ersten Runde wurde digital auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht im Rahmen der Email-Verteiler des DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft), von anthropoi Bundesverband und dem Bund der Freien Waldorfschulen. Auch die Print-Flyer wurden an über 120 Schulen und über 20 Hochschulen verschickt, zuvor wurde telefonisch über die Veranstaltung informiert und Bedarfe abgefragt. In einer zweiten Runde rund sechs Wochen später wurde dieses Prozedere wiederholt und ggf. Flyer nachgesendet, je nach Rücklauf und Resonanz. Ein weiterer Newsletter mit einer Schärfung des Zertifikatskurses für unterschiedliche Zielgruppen wurde erneut über die E-Mailverteiler von anthropoi Bundesverband, den Bund der Freien Waldorfschulen und der DGfE versandt. Für die anthropoi-Website wurde ebenfalls ein Artikel über den Zertifikatskurs veröffentlicht. Um die Studierenden aller relevanter Hochschulen gezielt anzusprechen, wurde umfangreich recherchiert und ein Verteiler der jeweiligen Studierendenvertretungen (AStA) erstellt und auf diesem Weg für die Veranstaltung geworben.

Trotz dieser umfangreichen Maßnahmen, um auf den Zertifikatskurs aufmerksam zu machen, war lange Zeit nicht klar, ob dieser auch stattfinden würde, da es im Vorfeld nur wenige Anmeldungen gab. Gründe hierfür sind zum einen die Nachwirkungen der Pandemie, die sich in Überlastung von Studierenden und Lehrkräften äußern. Nach längeren Phasen von Online-Veranstaltungen, verschobenen oder ausgefallenen Terminen während dieser Zeit müssen sich Präsenzveranstaltungen erst wieder etablieren.

Ein weiterer Grund war der schleppende Verlauf der Werbung und Bekanntmachung des Kurses und der hohe damit verbundene Aufwand. Das Erstellen von neuen Verteilerlisten nahm viel Zeit in Anspruch: Da Schulen nicht oder in unterschiedlichen Verbänden organisiert sind und diese Informationen z.T. nicht öffentlich einsehbar waren, war die Erstellung der Verteiler sehr kleinteilig. Auch das Abtelefonieren der 120 Schulen nach Flyer-Bedarfen war zeitlich sehr umfangreich und von mäßigem Erfolg: Von den Teilnehmende des Sommerzertifikatskurses wurde u.a. rückgemeldet, dass sie keine Flyer in den Schulen gefunden hätten, diese also wahrscheinlich nicht weiterverteilt wurden. Auch nach der Vorstellung des Projektes und des Kurses auf den anthropoi-Tagungen wurden nur wenige Informationen über den Kurs in die Schulen weitergetragen. Auch nach mehrmaligem Versand der Informationen über den Emailverteiler via anthropoi und den Bund kam kaum eine Resonanz, sodass sich die Planung und Bekanntmachung des Projektes schwierig gestaltete.

Bei der Bewerbung der Veranstaltung bei den Universitäten ist ähnliches zu beobachten. Durch die Email-Verteiler der jeweiligen Universitäten und des Astas sind z.T. neue Kontakte entstanden. Einige Professor:innen haben den digitalen Flyer sowie den Beschreibungstext in ihren internen Email-Verteiler weitergeleitet, jedoch gab es, wie oben kurz erwähnt, die Rückmeldung, dass Studierende überlastet seien durch die Pandemie-Auswirkungen und so nur wenig Kapazitäten für zusätzliche Bildungsangebote hätten. Die Teilnehmenden des Sommer-Zertifikatskurse wurden also nur durch den direkten persönlichen Kontakt, bspw. bei Schulbesuchen, auf auswärtigen Lehrveranstaltungen sowie einzelnen Multiplikator:innen (NRW) erreicht. Diese Akquirierung von Teilnehmenden ist zwar erfolgreich, aber mit einem sehr hohem Aufwand verbunden.

Um zukünftige Veranstaltungen bekannter zu machen, ist also die Unterstützung durch anthropoi Buhdesverband und seine Mitglieder von großer Bedeutung. Insbesondere Multiplikator:innen haben hier eine Schlüsselfunktion, um die Informationen an die Schulen bzw. Kollegien weiterzutragen und so auf das Angebot aufmerksam zu machen. Auch die proaktive Rückmeldung, wenn Informationen oder Materialien fehlen, ist sehr hilfreich an dieser Stelle, um rechtzeig entsprechend nachsteuern zu können.

Ausblick

Basierend auf dem Feedback der Teilnehmer:innen des ersten Mannheimer Sommerzertifikatskurses wird das Format weiter angepasst. Grundsätzlich soll das Format des ersten Kurses als Basisveranstaltung beibehalten werden. Aufgrund der hohen Arbeitsintensität werden in kommenden Veranstaltungen Änderungen am Stundenplan vorgenommen, bei welchem sich die künstlerischen und theoretischen Anteile stärker abwechseln und so für eine Auflockerung sorgen.

Bei der Planung weiterer Veranstaltungen soll der Sommerzertifikatskurs als inhaltliche und soziale Grundlage für weitere Qualifikationen und Veranstaltungen fungieren. Geplant sind mehrmals jährlich stattfindende modulare Weiterbildungseinheiten zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten, wie bspw. im Themenbereich Diagnostik oder zu den verschiedenen Förderschwerpunkten, die auf die Basis-Qualifikation des Zertifikatskurses aufbauen. In den späteren Projektphasen werden, wie oben dargestellt, in den Lehrveranstaltungen die Hochschul-Kooperationspartner mit hinzugezogen. Durch die Kooperation soll im weiteren Verlauf auch eine stärkere regionale Verteilung der Veranstaltungen erreicht werden. So können verschiedene Kooperationsmöglichkeiten verstärkt werden und die jeweiligen Anfahrtszeiten verkürzen sich. Für die Hochschulen ist die Kooperation interessant, da die geplanten Veranstaltungen eigene Lehrveranstaltungen ergänzen oder ersetzen können und somit für eine Entlastung in der Lehre für die Kooperationsinstitutionen sorgen. Blended-Learning-Formate können hier ergänzen und unterstützen.

Larissa Beckel und Thomas Maschke

larissa.beckel(at)alanus.edu | thomas.maschke(at)alanus.edu

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