Aus einer Geographie- wird eine Klima-Epoche

Von Maja Schuster, April 2020

Bericht aus der 7. Klasse der Freien Waldorfschule Berlin-Südost.

» Ich schaue in die Welt … «. Mit diesen schönen Worten beginnt ein Tag seit nun hundert Jahren ab der 5. Klasse in der Waldorfschule. » Ich höre in die Welt, ich fühle in die Welt «, so möchte ich diese Sätze weiterführen, um meine Aufgabe als Klassenlehrerin an einer Waldorfschule zu beschreiben. Ich schaue auf die Kinder, ich versuche, mich in sie hinein zu fühlen und höre auf sie. Was rufen sie? Was schreien sie heraus seit Monaten? » What do we want? Climate justice! When do we want it? Now! « – Rufen so kleine, sorglose und unschuldige Kinder? Rufen so verantwortungslose Jugendliche?

Meine Siebtklässler demonstrieren seit Monaten mit. Und ich bin ihnen dankbar dafür. Denn wir, die Erwachsenen, Pädagogen und Eltern, wissen es seit Jahren und der Protest ist überfällig. Bereits 1972 wies uns der Bericht des Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums hin. Diesen Grenzen sind lange überschritten und nur noch radikales Umdenken und entschlossenes Handeln kann die globale Krise lindern.

Die Geographie-Epoche nach den Sommerferien kam mir da wie gerufen. Der Sommer war heiß, die Schule in Berlin begann bereits Anfang August, mitten in der Hitze. Wie war es nun möglich, aus der klassischen Geographie-Epoche, einer Überblicksepoche mit dem Thema »Unsere Erde«, einen aktuellen Bezug zum Klimawandel herzustellen? – Aufwachen am Kind, so der pädagogische Auftrag. Arbeiten in der Mittelstufe so künstlerisch wie möglich, so Steiners Rat. Also ran an die Arbeit.

Die Schüler meiner 7. Klasse, 34 an der Zahl, haben viel Kraft, viel Geduld und hervorragende Ideen. Das haben sie mir in den vergangenen Wochen deutlich gezeigt. Sie haben mir auch gezeigt, dass sie von der klassischen Arbeit im Epochenheft teilweise unterfordert sind. Abschreiben von Tafeltexten ist nicht mehr altersgemäß, das Schreiben von eigenen Texten fordert eben nur den Intellekt heraus. Und Hand und Herz?

Ich ließ sie machen. Es war wie immer laut und wild. Denn es entstand ja was. Sie waren am Schaffen und produktiv. Ich bat die Eltern, mir altes Papier, alle Reste aus der häuslichen Bastelwerkstatt mitzubringen. – Unglaublich, welche Schätze da zusammenkamen. Ich war begeistert von den spendablen Eltern und davon, was die Schüler daraus machten.

Aus Müll wird Material

So entstanden in Windeseile riesige Plakate gegen den Klimawandel, die freitags, wenn möglich gemeinsam bei Fridays for Future, ausgeführt wurden. Auch die Flure unserer Schule wurden damit geschmückt.

Ich brachte sogenannten Müll mit. Alte Tetrapacks, alte Pappe, Verpackungen jeglicher Art – das ganze Sortiment der Gelben-Punkt-Tonne. Wenn die Schüler alle den Inhalt ihrer häuslichen Tonnen mitgebracht hätten, dann wäre das Klassenzimmer innerhalb einer Woche voller Müll – besser: verwertbaren Materials.

Die Schüler begannen zu basteln. Ich gab fast keine Anweisungen. Ich zeigte ihnen lediglich ein paar Dinge, die aus verbrauchten Materialien entstanden waren: zum Beispiel ein Portemonnaie aus Tetrapaks, ein Spielzeugauto aus Blechdosen, hergestellt von Kindern auf Madagaskar aus dem örtlichen Eine-Welt-Laden. In armen Ländern der Welt ist es üblich, dass in Kinderarbeit der Müll der ersten Welt recycelt wird. Wir kaufen ihn dann wieder und sind erleichtert – scheinbar. Denn trotz unserer guten Taten bleibt das schale Gefühl über den Zustand der kapitalistischen Welt, die sterbenden Menschen im Mittelmeer und die brennenden Wälder. Und schneller als wir denken, verschaffen sich die Kinder inzwischen Zugang zu diesen Bildern des Schreckens – und damit zu ihren Herzen. Sie haben das Leben noch vor sich. Sie entdecken ...

Es entstanden Taschen aus Verpackungen, Hüte aus Resten, Skrunchis (Haarbänder) aus Stoffresten, sie produzierten Notizbücher, Brettspiele, Postkarten, Bilder ... sie kochten vegane Burger.

»Die Welt liegt in unseren Händen«

Eine Aufgabe stellte ich den Kindern: Jedes Kind sollte eine Erde aus Ton formen. Eine kleine Weltkugel, die in seine Hände passt. Die Schüler bemalten ihre Erden nach ihrem Geschmack, bunt und vielfältig. »Es ist Deine ERDE«, habe ich ihnen gesagt. Die Botschaft ist: »Die Welt liegt in unseren Händen.« Haltet an ihr fest, tragt sie auf Händen, verehrt sie und seid gut zu ihr, wie zu euch selbst. Zum Abschluss der Epoche gingen wir gemeinsam mit den Erden aus Ton auf die Bühne. »Die Welt liegt in unseren Händen«, war der eine Satz, den wir gemeinsam sprachen, bevor wir unsere Ergebnisse präsentierten. Die hergestellten Artikel wurden nach der Monatsfeier zum Verkauf angeboten.

Neues Bewusstsein geschaffen

Ich habe gemerkt, dass sich mein eigenes Bewusstsein in dieser Epoche verändert hat. Ich als Jägerin und Sammlerin und als leidenschaftliche Bastlerin hatte schon immer ein großes Herz für die Reste, für das, was abfällt. Versuchen Sie es mal! Wenn Sie schon Müll kaufen, produzieren Sie allein, mit ihren Kindern oder Schülern etwas Neues daraus. Einerseits schaffen Sie etwas Neues, was vielleicht den Alltag bereichert, andererseits werden Sie aber auch merken, wie viel Müll sie produzieren. Es ist zu viel. Die Meere sind voll, was soll ich meinen Kindern erzählen und was erst meinen Enkelkindern? Wie können die Urenkel meiner Kinder noch weiterleben und warum interessieren wir uns eigentlich so wenig für die Tiere, für Mutter Erde und alte, indianische Ideale?

»Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig.« Das ist eigentlich die Parole der Zukunft für die Jahre nach Waldorf100. Sparsamkeit, Achtsamkeit und Respekt vor den Menschen und der Welt. Global. Ich danke allen Kindern und Jugendlichen dafür, dass sie uns aufwecken. Aufwachen müssen wir selbst, jeder für sich und jeden Morgen wieder. Denn, so sagt es der Morgenspruch der Kleinen: »Der Sonne liebes Licht, es hellet mir den Tag.« Die Kraft der Erde, der Pflanzen und Tiere gilt es, gemeinsam mit den Heranwachsenden wahrzunehmen und daran zu wachsen.

Zur Autorin: Maja Schuster ist Klassen- und Musiklehrerin an der Freien Waldorfschule Berlin-Südost.

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