Ausgespannt zwischen Wort und Wort

Von Ariane Eichenberg, Oktober 2019

Lyrik ist das Herzstück der Literatur. Aufs engste verdichtet erscheint in ihr wie in einem Brennglas, was Romane und Erzählungen über viele Seiten entwickeln müssen.

Gewissermaßen trotzt Lyrik der unabdingbaren Linearität, in die unsere Gedanken gezwungen werden, wenn wir sprechen. Sie schafft die Möglichkeit, allein durch die Versstruktur, Gleichzeitigkeit und eine Art Mehrstimmigkeit zu erzeugen, die wir nur von der Musik kennen.

In einem großen Wurf nähert sich Patzlaff dem seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts existenziell gewordenen Problem, dass Sprache das Wesen der Dinge und damit die Wahrheit nicht mehr trifft. Nach einem kurzen Überblick über das Verhältnis oder auch Missverhältnis zum Wort in der heutigen Zeit – Stichwort »Plastikwörter« (Pörksen) – folgt ein prägnanter Blick auf den ersten Weltkrieg und den mit ihm einhergehenden Verlust in das Vertrauen gegenüber der Sprache. Die Antworten auf diese Verlusterfahrung werden in kurze Analysen anhand exemplarisch ausgewählter Gedichte von Georg Heym bis zu Hilde Domin dargestellt. Diese Betrachtungen stehen selbst wiederum für bestimmte Suchbewegungen nach dem »Kern des Kerns« (Kafka). Patzlaff zeigt, wie unterschiedlich die verschiedenen Autoren, den »Schraubstock der Phrase« zu durchbrechen und zum Unsagbaren durchzustoßen versuchen. Einen Höhepunkt bildet Hilde Domin mit dem »Nichtwort«, das zwischen Wort und Wort ausgespannt ist. Hier wird deutlich, dass es in Zukunft entscheidend auf die Aktivität des Lesers ankommt, der in die Zwischenräume eintreten kann und sich damit dem Unsagbaren wieder annähert.

Der Titel »Wort(w)ende« fasst das zentrale Anliegen zusammen: Wirksamkeit und Bedeutung des herkömmlichen Wortes gehen zu Ende und indem sie zu Ende gehen, kann eine neue Wirksamkeit entstehen. Patzlaff begegnet der allgemeinen Resignation über den Verfall unserer Sprache mit einem  Gegengedanken: Auch wenn uns die Verbindung mit dem Kosmos nicht mehr geschenkt ist, können wir sie doch durch das Wort in freier Weise wieder herstellen.

Dabei ist der Blick auf Rudolf Steiners Sprache und seine Äußerungen zur Sprache erhellend. In dem ergänzenden Essay wird deutlich, dass Steiners Sprache in besonderem Maß die Kräfte und Qualitäten in uns anregt, die zu einem neuen Bewusstsein von Sprache und letztlich zu einer neuen Sprache führen – einer Sprache, die »im reinen Elemente des Lichtes« lebt, »das von Seele zu Seele, von Herz zu Herz geht« (Steiner).

Steiners Äußerungen mit der Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts zusammen zu denken und eine Brücke zu schlagen über das Wort, ist selbst wiederum eine Bewegung im bislang nicht Sichtbaren. Von daher sollten die zwei Texte als einer gelesen werden. Sie sind eine Literatur- und Kulturgeschichte en miniature und zugleich für alle interessant, denen Gegenwartsfragen am Herzen liegen.

Rainer Patzlaff: Wort(w)ende. Die Geburt der modernen Lyrik im 20. Jahrhundert, 128 S., brosch., EUR 14,–, Info3 Verlag, Frankfurt am Main 2019

Rainer Patzlaff: Rudolf Steiner und das »Nichtwort« in der Lyrik des 20. Jahrhunderts, 44 S., brosch., EUR 6,–, Info3 Verlag, Frankfurt am Main 2019

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