Außer Konkurrenz

Von Henning Köhler, Mai 2016

Was macht Kinder stark? Zu diesem Thema gibt es viele Bücher, darunter eines von Boris Becker, der ja ein enorm starkes Kind gewesen sein muss, wenn man bedenkt, dass er schon mit siebzehn zum Tennis-Weltstar aufstieg.

In einigen der Bücher stehen hilfreiche Dinge, gewiss. Trotzdem stellen sich Fragen. Was soll das überhaupt sein, eine »starke Persönlichkeit«? Ich kenne nur Leute mit Stärken und Schwächen. Wobei man sehr verschiedener Meinung darüber sein kann, was Stärke, was Schwäche ist. Zu den stärksten Menschen, die mir je begegnet sind, gehören psychisch Erkrankte. Das führt zur zweiten Frage: Sind Stärke und Schwäche eindeutige, objektivierbare Kategorien? Drittens: Warum übt Stärke – in der geläufigen Definition von seelischer Robustheit und Durchsetzungskraft – eine derartige Faszination aus? Viertens: Was ist eigentlich gegen Schwäche, also Zartheit, Zaghaftigkeit oder Verletzlichkeit einzuwenden?

»Stärke« als Erziehungsziel kann eine Mogelpackung sein: Es steht Lebensbewältigung drauf und Sozialdarwinismus ist drin. Die Starken setzen sich durch, die Schwachen bleiben auf der Strecke, deshalb seht zu, dass ihr beizeiten Richtung Sieg marschiert. »Loser« oder »Opfer« gehören heute zu den gefürchtetsten Schmähworten unter Kindern. Haben sie das aus der geistigen Welt mitgebracht: Schwäche zu verachten? Oder impft man es ihnen ein?

Sind »starke« Kinder solche, die voraussichtlich gut abschneiden werden im Kampf aller gegen alle um Macht, Reichtum, Rang und Einfluss? Man könnte den Slogan »Kinder stark machen« so auslegen. Doch unsere Zeit braucht etwas anderes.

Sie braucht ein Bekenntnis zur Schwäche, besser gesagt: zu der Kraft, die darin liegt, nicht auf Stärke zu setzen, nicht besser als andere sein zu wollen, nicht nach Erfolg zu streben. Verneigen wir uns vor Menschen, die den Mut haben, schwach zu sein. Oder vor solchen, denen das Schicksal einen Platz jenseits der großen Casting-Show zugewiesen hat. Nehmen wir uns ein Beispiel an Lebensläufen »außer Konkurrenz« – und ermutigen unsere Kinder, so etwas zu wagen, wenn sie wollen. Ich spreche nicht von Aussteigern. Ich spreche von einem Ethos des Desinteresses an allem, was mit sozialen Rangordnungen zu tun hat. Siege sind bedeutungslos.

In dem Buch »Gewaltig lieben« von Claudia Munz und Ute Büchele wird ein Werbeplakat der Zeitschrift Men’s Health erwähnt. Darauf sind zwei Kinder abgebildet. Eines sitzt in einem Karren, das andere schiebt den Karren. Text: »Die wirklichen Chefs waren schon immer Chefs.«

Oskar Negt schreibt in seiner »Philosophie des aufrechten Gangs«: »Soll die Schule nicht zu einer Selektionsinstitution herabsinken, in der man die Kinder möglichst frühzeitig nach künftigen Gewinnern und potenziellen Verlieren sortiert, dann muss sie aus dem bestehenden Herrschaftsgefüge herausgebrochen und zu einem wahrhaft menschlichen Erfahrungsraum werden.«

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