Behindern ist heilbar

Von Wolfgang Debus, Juli 2015

Wer täglich auf der Suche nach dem Königsweg einer guten und heilsamen Vorbereitung auf den Unterricht und das Schulleben ist, mag auch die eine oder andere Gelegenheit nutzen, ein wertvolles Buch dieser Art in die Hand zu nehmen.

Man scheue sich nicht, dieses dicke Buch aufzuschlagen! Nicht um es von Anfang bis Ende durchzulesen, sondern um eher zufällig zu finden, was man immer schon gewusst, vielleicht auch nur geahnt hat. Man lese es, um sich auf seinem Weg bestärkt zu finden und Anregungen für den Unterricht und das Schulleben zu bekommen.

Ein »Praxisbuch« ist es, weil es mit guten Ideen zur Unterrichtsgestaltung aufwartet und die Menschenkunde für die alltägliche Arbeit aufbereitet. Die praktischen Erfahrungen langjährig im täglichen Unterrichtsgeschehen forschender und lernender Pädagogen werden zur Nachahmung und Weiterentwicklung anregen.

Nur eine zufällige, keine dem Thema und der Fülle gerecht werdende Auswahl von Zitaten ist an dieser Stelle möglich. Wenn Michaela Glöckler feststellt: »Waldorf­pädagogik ist ihrem Ursprungsimpuls nach Inklusionspädagogik«, gleich darauf aber anmahnt, dass wir uns darauf nicht ausruhen dürfen, ist damit nicht nur die Gefahr benannt, angesichts der »gut gemeinten« und täglich auf uns einströmenden Forderungen unsere pädagogische Aufgabe zu versäumen. Es gilt, die Ur-Impulse der Waldorfschule und deren Beziehungen zum heutigen Bewusstseins- und Kenntnisstand für eine kindgerechte individuelle Begleitung fruchtbar zu machen.

Johanna Keller weist auf eine mögliche Fehlinterpretation der UN-Konvention hin: »Inklusion bedeutet nicht, dass alle Kinder immer gemeinsam unterrichtet werden müssen, sondern dass allen Kindern der Zugang zu gleichen Bildungsmöglichkeiten gegeben wird ...« Inklusion oder Integration?, fragt man sich nicht nur an dieser Stelle.

Bewusstseinsarbeit, Selbstschulung, Neuorientierung und Umdenken sind notwendig, um den Boden für Veränderungen vorzubereiten, damit die Kinder nicht zu Versuchskaninchen experimentierfreudiger Erwachsener werden.

Thomas Maschke weist auf das Spannungsfeld hin, in dem sich jetzt nicht nur der Waldorflehrer, sondern jede Lehrerin, jeder Lehrer bewegt. Sie sollen einerseits eine optimale individuelle Entwicklung ermöglichen, andererseits dem Anspruch auf normierte und messbare Leistungen gerecht werden.

Möge dieses Buch auch helfen, die Barrieren zwischen den verschiedenen pädagogischen Ausrichtungen durchlässiger zu machen. Inklusion fängt bei uns selber an, ganz im Sinne des Zitats, das Walther Dreher in seinem Beitrag nennt: »Behindern ist heilbar.«

Ulrike Barth, Thomas Maschke (Hrsg.): Inklusion – Vielfalt gestalten. Ein Praxisbuch, 809 S., geb. EUR 39,– Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014

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