Berufliche Bildung an Waldorfschulen

Von Wilfried Gabriel, Februar 2018

Die Waldorfschulen können dazu beitragen, Jugendlichen den Übergang in den Beruf zu erleichtern, dem Fachkräftemangel in Handwerksberufen zu begegnen und dem Akademisierungswahn entgegenzutreten. Die verschiedenen Ansätze, Waldorfpädagogik und berufliche Bildung miteinander zu verbinden, eint dabei das Ziel, ein neues Verständnis humaner Allgemeinbildung zu etablieren.

Foto: © Hiberniaschule

Schon die erste Waldorfschule stand vor der Frage, wie der ganzheitliche Ansatz der Unter- und Mittelstufe in der Oberstufe weitergeführt werden kann. Wie können Bildungsprozesse so organisiert werden, dass der künftige Akademiker und der künftige Handwerker oder Facharbeiter möglichst lang in gegenseitiger Anerkennung ihrer unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten voneinander lernen? Wie kann das Künstlerische dabei eine vermittelnde Rolle spielen? – Das war der volkspädagogische Impuls Rudolf Steiners bei der Gründung der ersten Waldorfschule, der in dem Auseinanderdriften dieser Bereiche eine der Wurzeln sozialer Ungerechtigkeit und gesellschaftlicher Fehlsteuerungen sah. Wie können ein studienbezogener Lernweg und berufliche Spezialisierung so verbunden werden, dass eine neue Qualität der Persönlichkeitsentwicklung entsteht?

Hiberniaschule in Herne

Vielfach diskutiert wurde der Ansatz, den die Hiberniaschule seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verfolgt. Sie ermöglicht allen Schülern eine Berufsausbildung: Möbeltischler, Maßschneider, Elektroniker, Feinwerkmechaniker und als nichthandwerkliche Ausbildung Kinderpfleger. Dazu kommt ein allgemeinbildender Abschluss: Fachhochschulreife oder Abitur nach 13 oder 14 Schuljahren. Die Berufsgrundbildung in der 7.-10. Klasse ist als erstes Ausbildungsjahr anerkannt und in der 11. und 12. Klasse gibt es eine Berufsfachschule parallel zur schulischen Bildung.

Die Hiberniaschule hat in den Jahren 1977-1983 hierzu einen von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsentwicklung (BLK) geförderten Modellversuch durchgeführt: »Praxisnahe Entwicklung doppelqualifizierender Bildungsgänge im Lernortverbund in der Oberstufe der Hiberniaschule und wissenschaftliche Begleitung«. Alle Schüler sollten am Ende der 12. Jahrgangsstufe integriert einen Berufsabschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf (Gesellenbrief), den mittleren Bildungsabschluss (Mittlere Reife/Fachoberschulreife) und schließlich auch die Allgemeine Hochschulreife erlangen.

Dazu wurden die beiden 9. Klassen des Schuljahres 1977/78 (90 Schüler) als »Versuchsjahrgang« zusammengefasst, der sechs Jahre lang wissenschaftlich begleitet wurde und zu folgendem Ergebnis führte: Von den 90 Schülern haben 89 einen Berufsabschluss erlangt, davon 85 mit Fachoberschulreife, nach einem oder zwei weiteren Jahren 50 die Fach- oder Allgemeine Hochschulreife. Bis heute hat sich dieses Konzept bewährt. Die Hiberniaschule verfügt also seit Jahrzehnten über eine vielfältige, methodisch-didaktische Erfahrung. Aufgrund ihrer rechtlichen Sonderstellung (Lex Hibernia) ist sie bis heute jedoch Unikat geblieben.

Freie Waldorfschule in Kassel

Ein weiteres Flaggschiff im Bereich der beruflichen Bildung ist die Freie Waldorfschule in Kassel, die ebenfalls seit mehr als einem halben Jahrhundert ihren Schülern eine Berufsausbildung anbietet, die jedoch anders organisiert ist. Die Schüler können in der Oberstufe zwischen einer Berufsausbildung in einem bestimmten Bereich (Holz, Metall, Elektronik) oder einem allgemeinbildenden Abschluss, in der Regel dem Abitur, wählen. Die Schüler einer Jahrgangs-stufe haben Anteile gemeinsamen Unterrichts, sodass die sozialen Beziehungen der Klassenverbände in der Unter- und Mittelstufe als Lernfeld erhalten bleiben. Nach abgeschlossener Berufsausbildung haben dann auch die Werkstattschüler die Möglichkeit, das Abitur zu machen.

Rudolf-Steiner-Schule in Nürnberg

Einen ähnlich bewährten Weg geht seit Jahrzehnten die Freie Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg. Auch hier wird parallel zur Allgemeinbildung in drei Bereichen eine Berufsausbildung angeboten: Schreinerei, Hauswirtschaft, Metall.

Emil-Molt-Akademie in Berlin

Neuere Wege gehen in den letzten Jahren die Emil-Molt-Akademie Berlin und die Waldorf-Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen. Die Emil-Molt-Akademie ist die erste staatlich anerkannte waldorfpädagogische Berufsfachschule und Fachoberschule Berlins. »Wirtschaft verstehen und sozial handeln können« lautet ihr Leitbild. Sie qualifiziert die Schüler für die Wirtschaft und das Sozialwesen entsprechend den heutigen Anforderungen an moderne Bildungs- und Berufswege. Sie bietet eine Ausbildung zum Kaufmännischen Assistenten in den Fachrichtungen Fremdsprachen oder Informationsverarbeitung (EDV), die Ausbildung zum Sozialassistenten oder eine dreijährige Ausbildung zum Heilerziehungspfleger.

Waldorf-Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen

Das Waldorf-Berufskolleg ist eine Neugründung in der Waldorf-Oberstufe der Freien Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen. Es hat wie die Emil-Molt-Akademie die Form einer Fachoberschule und integriert Elemente der Waldorfpädagogik. Intensive pädagogische Begleitung in der betrieb­lichen Praxis, künstlerische Projekte und Epochenunterricht sind seine wesentlichen Merkmale. Angestoßen durch die Pisa-bedingten Veränderungen der staatlichen Schule und nach dem Motto »Differenzieren statt Selektieren« bietet es eine attraktive Alternative zum Abitur. Der zweijährige Bildungsgang des Berufskollegs unterscheidet sich in seiner Struktur deutlich vom Abiturzweig. Im ersten Jahr werden berufliche Qualifikationen in unterschiedlichen Fachrichtungen durch ein einjähriges Praktikum vermittelt. Das Praktikum wird von der Schule begleitet und durch schulische Anteile ergänzt. Das zweite Jahr ist Vollzeitunterricht, der dann zur allgemeinen Fachhochschulreife führt.

Dabei gibt es interessante Anschlussmöglichkeiten: Mit dem erfolgreich abgeschlossenen Praktikumsjahr ist ein verkürzter Einstieg in eine Berufsausbildung der jeweiligen Fachrichtung möglich. Die allgemeine Fachhochschulreife ist nicht an eine berufliche Fachrichtung gebunden. Sie berechtigt zum Studium von Bachelor-Studiengängen an Fachhochschulen oder Gesamthochschulen. Ein abgeschlossenes Bachelor-Studium berechtigt wiederum zu entsprechenden Master-Studiengängen an weiteren Hochschulen.

Es gibt sechs Waldorf-Berufskollegs in NRW mit unterschiedlichen Fachrichtungen:

  • WBK Bielefeld (Gesundheit und Soziales)
  • WBK Haan-Gruiten (Technik)
  • WBK Köln (Gesundheit und Soziales)
  • WBK Sankt Augustin (Gestaltung)
  • WBK Schloss Hamborn (Gesundheit und Soziales)
  • WBK Windrather Tal (Gesundheit und Soziales)

Weitere Initiativen

Inzwischen gibt es eine Reihe weiterer Initiativen. So haben sich Hamburger Waldorfschulen zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Waldorf-Berufskolleg auf den Weg zu bringen, das mit der beruflichen Qualifizierung zum sozialpädagogischen Assistenten abschließen soll. Die Freie Waldorfschule Heinsberg plant ein Waldorf-Berufskolleg für ihre Oberstufe in der Fachrichtung Gestaltung, sogar ohne parallelen Abiturzweig. Weitere Initiativen sind ebenfalls überregional in Planung.

Im Unterschied zur handwerklichen Berufsausbildung mit eigenen Lehrwerkstätten können Berufskollegs relativ einfach in eine bestehende Waldorfoberstufe integriert werden, da die berufliche Qualifizierung zum überwiegenden Teil in der Praxis externer Betriebe stattfindet. Auch mit einem einzigen Fachbereich lassen sich kleine Berufskollegs gut refinanzieren. Die »familiäre Waldorf-Atmosphäre« wissen Schüler und Eltern zu schätzen. Die wissenschaftliche Begleitung durch die Alanus-Hochschule zeigt, dass insbesondere das erste Praxisjahr an den Waldorf-Berufskollegs den Schülern wesentliche biographische Entwicklungsschritte ermöglicht.

Zum Autor: Dr. Wilfried Gabriel arbeitet am Waldorf-Berufskolleg Schloss Hamborn und der Forschungsstelle Waldorf-Arbeitspädagogik/Berufsbildung an der Alanus-Hochschule Alfter | Kontakt: E-Mail: waldorf-berufskolleg@alanus.edu

Literatur: M. Brater: Berufsbild und Persönlichkeitsentwicklung, Stuttgart 1988 | W. Gabriel: Personale Pädagogik in der Informationsgesellschaft, Berlin 1996 | W. Gabriel: Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik. In: P. Heusser u.a. (Hrsg.): Rudolf Steiner. Seine Bedeutung für Wissenschaft und Leben heute, Stuttgart 2014 | G. Rist, P. Schneider (1990): Die Hiberniaschule. Von der Lehrwerkstatt zur Gesamtschule: Eine Waldorfschule integriert berufliches und allgemeines Lernen, Berlin 1990 | P. Schneider, I. Enderle: Das Waldorf-Berufskolleg. Entwicklung und Ergebnisse einer neuen Oberstufengestaltung der Waldorfschule, Frankfurt 2012; Waldorf-Berufskolleg. Dokumentation der vier Fachtagungen, Alfter 2016

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