Bewegt euch!

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2011

Ein deutsches Grundschulkind verbringt täglich im Durchschnitt neun Stunden im Sitzen – Tendenz steigend. Erwachsene bringen es sogar auf über elf Stunden. Rechnet man die Bettruhe hinzu, ist heute ein Kind nur noch ein Viertel seines Lebens in Bewegung.

Das Pennington Biomedical Research Center in Louisiana untersuchte 13 Jahre lang den Zusammenhang von Gesundheit und Lebensstil bei 17.000 Testpersonen und bescheinigte Dauersitzern ein um 50 Prozent höheres Herztodrisiko als Wenigsitzern. Der Endokrinologe James Levine von der Mayo-Klinik in Rochester bringt es auf den Punkt: »Sitzen ist eine geradezu tödliche Aktivität«, weil Muskulatur, Skelett und Stoffwechsel durch diese Körperhaltung negativ beeinflusst werden. Dass Dauersitzen vor dem Fernseher zusätzlich zu massiven psychischen Problemen führen kann, belegt eine spanische Studie, deren erwachsene Probanden bei einem wöchentlichen Fernsehkonsum von 42 Stunden ein um 31 Prozent gestiegenes Risiko für psychische Erkrankungen zeigten.

Waldorfschulen halten sich etwas darauf zugute, dass »wir niemanden sitzenlassen«. Gemeint ist damit, dass bei uns kein Kind wegen seiner vom Durchschnitt abweichenden Leistungen eine Klasse wiederholen muss. Aber der Sinn dieses Satzes bekommt seit einigen Jahren eine neue Bedeutung: Immer mehr Unterstufenklassen arbeiten im »Bewegten Klassenzimmer«. Bewegung wird zum integralen Teil eines Lernens, bei dem das Sitzen nur noch ein Element von vielen ist. Diese Entwicklung fußt auf einer pädagogischen Erkenntnis, die von der Hirnforschung bestätigt wird: Lernen geschieht nicht durch passives Abspeichern von »Wissen« im Kopf, sondern durch alles, was ein Mensch mit seinen Sinnen und Gliedmaßen erfährt, begreift, versteht – alles Begriffe, die aus der Bewegung abgeleitet sind! Besonders interessant: Fürs Leben gelernt wird dabei gar nicht der »Stoff«, sondern die Gefühle, die Lernen begleiten und uns darüber aufklären, ob wir gerade etwas Wesentliches tun dürfen oder einer Dressur folgen müssen. Kurz: Ist Lernen etwas, das sich lohnt, oder ist es ein notwendiger Zwang, dem man lieber aus dem Weg gehen sollte?

Studien aus der ganzen Welt zeigen, dass Kinder vor ihrem 14. Lebensjahr doppelt so viel lernen, wenn sie nicht an einen Stuhl gefesselt sind. Von Gelesenem können sie sich etwa zehn, von Gehörtem zwanzig, von Gesehenem dreißig und von der Kombination beider rund die Hälfte merken. Wenn Kinder oder Jugendliche aber etwas selber tun und das auch selbst ausdrücken, bleiben davon achtzig Prozent in Erinnerung.

Der bekannte US-Pädagoge Lewis Perelman aus New York sagt in seinem Buch »School’s out«, es sei ein Glück, dass Menschen das Wichtigste in ihrem Leben vor der Schule lernten, nämlich das Laufen und Sprechen. Die Schule würde es ihnen sonst im Sitzen beibringen wollen.

Rudolf Steiner stellte den gesunden Wechsel von Ein- und Ausatmung an den Anfang seiner pädagogischen Vorträge. Wenn wir nicht sitzenbleiben wollen, müssen unsere Kinder wieder einen rhythmischen Wechsel von Ruhe und Bewegung lernen. Wie sonst sollen sie einmal die Welt bewegen?

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule | www.freie-schule.de

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