Bewegtes Gleichgewicht

Von Mathias Maurer, Juni 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! 

Der kleine Manuel liegt in seinem Bettchen und strampelt wild mit Armen und Beinen. Seine Schwester schaut zu ihm rein und fragt: »Warum zappelt Manu denn so in der Luft herum?« Die Mutter antwortet ihr: »Weißt Du, er muss erst einmal lernen, wie er seine Ärmchen und Beinchen richtig bewegen kann.« – »Musste ich das auch lernen?«, fragt die Schwester nach. »Ja, natürlich. Und jetzt kannst Du schon Seilspringen!« Die Schwester schaut noch mal vergewissernd hinein: »Aber ich bin doch viel langsamer!«

Bewegung ist nicht Motorik oder Reflex, sie ist schierer Wille. Dieser Bewegungswille wird mit dem Heran­wachsen zunehmend verinnerlicht, geführter, immer stärker mit Bewusstsein durchdrungen.

Was für den Körper gilt, gilt für Seele und Geist gleichermaßen. Nur ein bewegliches Fühlen lässt uns »stimmig« handeln. Nur ein bewegliches Denken führt zu wirklich neuen Erkenntnissen. Ohne willentliche Bewegung hätten wir kein Sprungbrett zielvollen Handelns hin zur Tat. Ohne sie wären wir willenlos. Wir brauchen ein Bewegungsziel und einen Weg zum Ziel. Das steckt schon im Wort Be-WEG-ung.

Heute leiden wir unter Bewegungsarmut auf allen Ebenen. Gerne lassen wir uns transportieren, stimulieren und inspirieren. Wir lassen unseren Körper, unsere Gefühle, ja auch unsere Gedanken gerne von anderen oder etwas anderem bewegen, ohne uns selbst physisch, seelisch oder geistig in Bewegung setzen zu müssen. – Wo haben wir zuletzt eine nicht von äußeren Einflüssen angeregte Bewegung ausgeführt?

Wir konsumieren Bewegung auf allen Kanälen. Millionen schauen Fußball, ohne selbst Fußball zu spielen. Millionen Kinder lassen ihre Atavars am Bildschirm kämpfen, ohne selbst ihre Kräfte mit ihren Altergenossen zu messen. Millionen Jugendliche lassen ihre Idole für sich in ihren Serienfilmchen lieben, ohne sich selbst ins Abenteuer zu stürzen.

Selbst als Erwachsene erwarten wir, dass uns zuerst der andere in Bewegung setzt, bevor wir uns selbst bewegen. So gesehen könnte der kleine Manu lange warten.

Sport, Tanz und Eurythmie bringen den Menschen körperlich in Bewegung. Ihre Schwerpunkte sind jedoch nach leiblichen, seelischen und ätherischen Gesichtspunkten unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Menschen in seinem vollen Menschsein harmonisieren können. Sport würde stumpf ohne kulturellen Bezug, Tanz würde zum Ausdruck bloßer Astralität ohne technisches Können, Eurythmie würde »abheben« ohne physisch-seelische Verbindung. Körper und Geist sollen die Bewegungen umfassen und in ein gesundes bewegliches Gleichgewicht mit der Seele bringen. Danach strebt der Mensch ein Leben lang.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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