Bienen können Leben retten

Von Andreas Neider, Februar 2020

Meredith May, heute als Journalistin beim »San Francisco Chronicle« tätig, beschreibt eine durch die dramatische Scheidung ihrer Eltern völlig zerrüttete Kindheit.

Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen der Eltern zieht ihre Mutter mit der fünfjährigen Meredith und dem zweijährigen Bruder von der Ostküste der USA nach Kalifornien. Die Mutter verkraftet die Trennung nicht und lebt jahrelang vollkommen zurückgezogen in einem Zimmer, in dem sie von ihrer Mutter betreut wird, die Kinder jedoch vollkommen vernachlässigt.

In dieser verzweifelten Situation erscheint der Großvater von Meredith mit seinen über 100 Bienenstöcken, die er an der Südküste Kaliforniens als professioneller Imker betreut, als Retter. May beschreibt, wie sie durch den Großvater immer tiefer in die wunderbare und zwischen 1970 und 1980 noch heile Welt der Bienen eingeführt wird. Und sie darf schließlich auch in den Honigbus einsteigen, einen alten Armeebus, den der Großvater zu einer Art Honigfabrik umgebaut hat.

Indem sie das Leben der Bienen kennenlernt, beginnt sie, ihre schmerzhafte Familiengeschichte zu verarbeiten: »Wenn ich meine quälenden Gedanken den Bienen und ihrem Verhalten zuwandte, heiterte sich meine Stimmung auf. Ich spürte die tröstliche Gewissheit, dass überall um mich herum verstecktes Leben war, und dadurch schienen meine Probleme irgendwie kleiner.« Und sie lernt schließlich, dass es noch etwas Größeres gibt als nur die kleine Welt des schmerzhaften Alltags der Menschen, etwas wofür die Bienen ihr Leben geben: »Die Erkenntnis, dass in einer verborgenen Struktur jedes noch so kleine Geschöpf dabei half, alle anderen am Leben zu erhalten, war erstaunlich. [...] Mir kam der Gedanke, dass das Universum einen Plan für mich hatte, und auch wenn ich ihn nicht immer sehen oder spüren konnte, musste ich darauf vertrauen, dass es ihn gab.«

Und so lernt das junge Mädchen, wie alle Lebewesen miteinander dafür sorgen, dass die Natur und damit schließlich auch wir Menschen auf dieser Erde leben können. Damit hat May ein wunderbares Buch geschrieben, in dem sie ein Stück geglückter Naturpädagogik vor uns ausbreitet, wie man es sich intensiver und anschaulicher kaum vorstellen kann. Man gewinnt dabei nicht nur den Grandpa lieb, sondern durch die Augen der Heranwachsenden vor allem auch die Bienen. Nach dem Tod ihres Großvaters 2015 hat sie seinen letzten, noch übrig gebliebenen Bienenstock übernommen und sorgt heute neben ihrem Beruf als Journalistin als Imkerin in fünfter Generation dafür, dass die Bienen auch in San Francisco weiter fliegen können.

Meredith May: Der Honigbus, 320 S., geb., EUR 22,– S. Fischer Verlag, Frankfurt M. 2019

Buch bestellen

Folgen