Bildung braucht und erzeugt Vertrauen

Von M. Michael Zech, Dezember 2018

Der Mensch ist durch und durch Beziehungswesen. Sowohl sein Organismus als auch sein Selbstbewusstsein entstehen und erhalten sich in ständiger Wechselwirkung mit der umgebenden Welt. Lernen und Handeln hängen im hohen Maß von der Intensität dieser Ich-Welt-Beziehung ab. Diese wird im Subjekt als Resonanz, von der umgebenden Welt als Wirkung des Handelns des Subjektes erfahren. Mit der für die Waldorfpädagogik zentralen Aufgabe, der Unterstützung des Individuationsprozesses, ist ein Doppeltes verbunden: Eine vertrauensvolle und intensive Beziehung zu sich selbst und zur umgebenden Welt zu stiften.

Foto: © Carsten Liersch

Der Soziologe Hartmut Rosa definiert die mentale und seelische, bis ins Leibliche reichende Beziehung zwischen Ich und Welt als Resonanzerfahrung: »Als Kernmoment lässt sich dabei die Idee isolieren, dass sich die beiden Entitäten der Beziehung in einem schwingungsfähigen Medium (oder Resonanzraum) wechselseitig berühren, dass sie als aufeinander antwortend, zugleich aber auch mit eigener Stimme sprechend, also ›zurück-tönend‹ begriffen werden können.«

Auch die Welt ist Subjekt

Der Religionsphilosoph Martin Buber unterschied in der Ich-Welt-Beziehung eine Es- von einer Du-Ebene. Erstere ist gegeben, wenn der Mensch die Elemente der ihn umgebenden Welt als Objekte seiner Erkenntnis und seines Handelns betrachtet, sich also der Welt gegenüberstellt. Die zweite realisiert sich, wenn sich die Beziehung in eine begegnende, dialogische wandelt. Letztere setzt voraus, dass die Welt selbst als Subjekt betrachtet wird, das auf den erkennenden und handelnden Menschen ebenso wirkt, wie er auf sie. In dieser wechselseitigen Antwortbeziehung zwischen Welt und Individuum sieht Rosa die Voraussetzung für ein geglücktes Leben. Wie Goethe, der davon ausging, dass der Betrachter, der sich auf ein Phänomen einlässt, nach und nach einen Sinn für dieses ausbildet, sieht er im Einlassen auf die Welt den zentralen Bildungsaspekt, da sich in ihm Mensch und Welt einander anverwandeln. Diese Beziehung ist fragil, denn sie besteht nur so lange, wie sie gewollt wird. Aus ihr resultiert, wie schon die frühromantischen Denker wie Novalis feststellten, Individuation: »In jeder Berührung entsteht eine Substanz, deren Wirkung so lange, als die Berührung dauert. Dies ist der Grund aller synthetischen Modifikationen des Individuums.«

Dieser Individuationsprozess kann sich nur nachhaltig vollziehen, wenn die Ich-Weltbeziehung erfahren, artikuliert und somit Anteil des Bewusstseins des Lernenden ist: »Bildung als Weltanverwandlung […] setzt […] voraus, dass die eigene Stimme des Schülers geäußert und gehört werden kann und das kann sie nicht, wenn das Unterrichtsgeschehen nur auf richtige und falsche Antworten, auf Effizienz und Optimierung zielt« (Rosa). Diese Aussage deckt sich mit den Grundprinzipien der Waldorfpädagogik, deren Kern die Begleitung und Unterstützung der Individuation ist.

Dreifache Beziehung von Ich und Welt

Mit dem von Steiner im 9. Vortrag des ersten Lehrer-Kurses angeregten didaktischen Prinzip einer individuellen Erkenntnisbewegung, die vom intensiven Einlassen auf eine Beobachtung oder eine bildhaft konkrete Vorstellung über einen differenzierten Urteilsprozess auf die Erkenntnis und Begriffsbildung zielt, findet Lernen in der Ich-Welt-Beziehung auf drei Ebenen statt.

Dieser Lernweg geht von einer fachlich arrangierten, konkreten, sinnes- oder vorstellungsgestützten Beziehung aus. Dadurch lässt sie einen Weltaspekt zur leiblich-individuellen Erfahrung werden. Steiner fordert die Lehrer auf, diese Neubegegnung mit einem Lerngegenstand in vollwacher Präsenz zu ermöglichen, denn je intensiver – aber auch differenzierter – die hier auftretenden Eindrücke wirken, desto mehr wird der folgende Lern- und Erkenntnisweg vom Lernenden als Prozess erlebt, den er selbst gestaltet.

An die Begegnung mit dem Lerngegenstand schließt sich eine Phase an, in der die Schüler sich ein Urteil bilden und das Erfasste in ihren Erfahrungs- und Erkenntnishorizont einordnen sollen. Weil jeder andere Vorerfahrungen hat und ein anderes Vorwissen, ist dieser Prozess individuell, wird aber im Austausch mit anderen geklärt und erweitert. Entscheidend dafür, dass das neue Wissen zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt, ist, dass es ästhetisch und in Worten ausgedrückt wird. Bringt der Schüler seine innere Arbeit zum Ausdruck, kann seine Ich-Welt-Beziehung enger werden. Man könnte auch sagen: Die Welt wird den Lernenden in einem Aspekt vertrauter.

Der Epochenunterricht ermöglicht es, die dritte Ebene, in der die Ich-Welt-Beziehung begrifflich durchdrungen und als Selbstwirksamkeitserlebnis erfahren wird, am nächsten Unterrichtstag zu realisieren. In einem Gespräch, das die Lehrkraft nur moderiert, werden aus den gewonnenen Urteilen allgemeine Prinzipien erarbeitet. Je mehr es gelingt, die Schüler in den Erkenntnisakt zu involvieren, desto mehr werden sie die Ergebnisse als Eigenleistung erleben, denen sie vertrauen, weil sie sie selbst durchdacht haben. Denn: »[…] was wir als Begriff ausbilden, das steigt hinunter bis in die tiefste Tiefe des Menschenwesens.«

Es geht dabei aber nicht nur um gedankliche Schlüssigkeit, sondern auch um die individuelle Stellungnahme, den individuellen Bezug zur gewonnenen Einsicht. Jede gedank­liche Aktivität ist ein Transformationsprozess sowohl der eigenen Persönlichkeit als auch des Weltaspekts, auf den sich das Denken richtet: »Durch unser Denken erheben wir uns von der Anschauung der Wirklichkeit als einem Produkt zu der als einem Produzierenden«, so Steiner in den »Grundlinien einer Erkenntnistheorie«. Durch unsere Erkenntnis wirken wir auf die Welt zurück. Mit anderen Worten: Gedanken generieren Wirklichkeit.

Für Steiner war es entscheidend, dass sich im Denken das Individuum in seinem Weltbezug aufrichtet. Deshalb empfahl er lebendige Begriffsbildung: »Er [der Begriff] muss lebendig sein, wenn der Mensch mit ihm soll leben können. Der Mensch muss leben, also muss der Begriff mitleben können.« Dies bedeutet, Erkenntnisprozesse nicht testgerecht zu vereinfachen, sondern mit den Schülern weiterführende Fragen zu generieren.

Verantwortung für die Welt

Angesichts der Herausforderungen, die uns die Digitalisierung, der Verlust an kollektiven Wertmaßstäben sowie die Gefährdung unserer Biosphäre stellen, ist es nicht unerheblich, ob wir mit unseren Erkenntnissen individuell verbunden sind oder sie als unpersönliche Deutung und Konstruktion eines von uns selbst unabhängigen Vorgangs betrachten. Letztere vermögen uns schwerlich zum Handeln zu bewegen. Steiner intendiert hingegen nachhaltig wirksame Begriffsbildungen, die »die ganze Welt in ihren Einzelheiten [hier: Begriffen] verbinden mit dem Menschen«. Denn aus dieser Verbindung zwischen dem Menschen und der Welt entsteht das Vertrauen, als Ich zu dieser Welt zu gehören, aber auch die Verantwortung für diese Welt. Friedrich Schlegel, der das Denken als wichtigsten menschlichen Weltbezug sah, in dem sich aber immer auch das denkende Individuum realisiert, bringt diese Verantwortung auf dem Punkt, indem er feststellt, dass die den Menschen umgebende Welt der Teil seines Ich ist, zu dem er in einer Du-Beziehung steht.

Den »Stoff« zum Sprechen bringen

Rosa weist darauf hin, wie wesentlich fachliche Kompetenz und Begeisterung der Lehrer für lebensvolle Resonanz-­erfahrungen sind: »Der Bildungsvorgang als Welterschließ­ungsvorgang beginnt mit der Begeisterung des Lehrers, der quasi als erste Stimmgabel die Resonanzbereitschaft seiner Schüler weckt, so dass im Resonanzgeschehen zwischen Schüler und Lehrer der Stoff […] zum Sprechen gebracht beziehungsweise erweckt wird.«

Es gehört zur Erziehungskunst und professionellen Verantwortung, die am Anfang des Lernprozesses stehende Weltbegegnung fruchtbar zu inszenieren: »Zentral wäre demnach die Bündelung der Aufmerksamkeit und der responsiblen emotionalen Involviertheit, für die der Lehrer als kaum ersetzbarer Katalysator wirkt« (Rosa). Wenn die Schule eine verantwortliche Ich-Welt-Beziehung aufbauen möchte, gehört dazu unabdingbar eine vertrauensvolle Schüler-Lehrer-Beziehung. Diese setzt voraus, dass sich der Lehrer für sein Fach interessiert, aber auch für die Erkenntnisse und Intentionen seiner Schüler.

Zum Autor: Prof. Dr. M. Michael Zech ist Dozent am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel und Juniorprofessor für Geschichtsdidaktik an der Alanus Hochschule.

Literatur: F. Bohnsack: Bildungs-Steuerung und Personalität. In: Erziehungskunst. Sonderheft Bildungsstandards. Stuttgart, Oktober 2006 | Novalis (von Hardenberg, F.): Blüthenstaub, in: Schlegel, A. W./ Schlegel, F. (Hrsg.): Athenaeum. Eine Zeitschrift. Erster Band (1798), Darmstadt 1977 |H. Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankfurt/M. 2016 | F. Schlegel: Die Entwicklung der Philosophie, Bonn 1846 | R. Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller, GA 2, Dornach 1979 | R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. Menschenkunde und Erziehungskunst, GA 293, Dornach 1992 | A. Wiehl/ M. Zech: (Hrsg.): Jugendpädagogik in der Waldorfschule. Studienbuch, Kassel 2017

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