Bildung ist die Sehnsucht, das Schicksal zu erfüllen

Von Andreas Laudert, Juni 2014

Die Formel »lebenslang Lernen« ändert nichts daran, dass in der öffentlichen Diskussion Bildung als Bildungs›gut‹ betrachtet wird: Zuwanderungsdebatten werden nach Besitzkategorien geführt – man will »die besten Köpfe haben«. Aber was erwerbe ich wirklich, wenn ich Bildung erwerbe? Was ist das spezifische Vermögen, um das es hier geht?

Andreas Laudert

Zum einen meint der Begriff Selbst-Bildung den Versuch, sich fern von Institutionen Bildung anzueignen, zum anderen, sich innerlich als Ich auszubilden. Zum Dichter und Dramatiker Heinrich von Kleist (1777-1811) passt beides. Immer wieder neu schuf er Lebenspläne, in denen er sich zu verwirklichen hoffte, und nannte Bildung seine ganze Bestimmung. Die akademische oder militärische Karriere lag ihm fern. Kleists Projekten fehlten Maß und Mitte, so dass er die Selbstbilder, die er konstruierte, die Perspektiven, die er entwarf, stets wieder zerstörte. Er starb durch eigene Hand, tötete gleichsam, was er noch nicht war.

An Kleists 100. Todestag sagte Rudolf Steiner in einem Vortrag am 21. November 1911 in Berlin, dieser habe sich nach echter Geisteswissenschaft gesehnt: der Anthroposophie, die es aber auf Erden noch nicht gab.

Wie könnte diese aus heutiger Sicht für manchen vielleicht anmaßende Äußerung zu verstehen sein? Es muss ja deprimieren, wenn just der geistige Sinngehalt, den jemand braucht, in seinem Leben unauffindbar wäre und er die Welt unverrichteter Dinge wieder verlassen müsste. Sind das dann die Menschen sogenannter bildungsferner Milieus, die »zurückbleiben«? Sind es all die – insofern Kleist nicht unähnlich – jungen Menschen, deren Schul- und Berufsvita von permanenter Krise, von Hemmung und Auflehnung, Provokation und Verzweiflung geprägt ist? Oder darf man Steiners Gedanken auch so weiterspinnen, dass schon die Sehnsucht als solche im Verborgenen etwas bewirkt, nur tritt dieses zu Lebzeiten noch nicht vollständig »ausgebildet« in Erscheinung, sodass das eigentliche Leben manchmal erst nach dem Tod beginnt? Kleist hat, nach bürgerlichen Maßstäben, nichts aufgebaut. Aber genau davon hatte er ein Bewusstsein, oder doch eine Ahnung.

Oft wissen wir nur, was wir nicht wollen, ohne dass schon Gestalt gewänne, was uns stattdessen vorschwebt. Wir können daran aber geistig anknüpfen, wenn auch offen ist, wie und wann. Oft im Leben wird uns erst im Rückblick, mit Abstand, der tiefere Sinn klarer, weshalb wir irgendetwas – eine Beziehung, einen Berufswunsch – nicht leben konnten. Eine unerfüllte Sehnsucht kann eine Kraft generieren und in der Seele wie ein Versprechen wirken, das man sich selbst gegeben hat.

Kleist ging mit einem Sehnsuchtsbewusstsein über die Schwelle des Todes. Was wurde daraus? Unser Wissen gerade von Kleist hat ja zunächst wenig mit ihm zu tun, es bildete sich nachträglich, posthum. Als Autor hatte er kaum Erfolg. Er kam nicht an. Kleist war noch nicht »Kleist«. Die Frage zwingt uns, die fest umrissenen Grenzen von Raum und Zeit, die ein Leben umspannt, zu überwinden. Im Bewusstsein kann sich der Keim eines nächsten bilden. Es ist diese Schwellenerfahrung der potenziellen Größe der eigenen Seele, die viele heutige Jugendliche träumend suchen, oder die ihrem Suchen zugrunde liegt.

Kleists Reichtum war ideeller Art. Der Fülle der Visionen rang er ein Werk ab, das heute zu unserem Bildungskanon gehört. Er ist wie einer, dem man beim Formen eines Gefäßes zuschaut und der aus dieser Gefäß-Bildung eine Identität bezieht, der aber zugleich ein Inhalt, die »Erfüllung« fehlt. War nun das Fehlende eine konkrete Weltanschauung? Oder war es umgekehrt: Nahm Kleist diese keimhaft vorweg, indem er sie nicht inhaltlich »realisierte«, sondern als ungelöste biographische Frage, als Beweg-Grund und als »Bewegung« in ihm selbst?

Die Evangelien berichten von einem reichen Jüngling, der Jesus fragt, wie man ins Reich Gottes gelange. Als Mitglied der Oberschicht besitzt er Bildung und betont, er habe alle Gebote eingehalten. Jesu Antwort spiegelt ihm aber: das Erworbene genüge nicht und es bedürfe einer Hingabe aller Güter, auch seines Selbstbilds. Traurig enttäuscht geht der junge Mann davon und gerät in eine Lebenskrise, die ihn an die Todesschwelle führt. Seine Geschichte taucht an unerwarteter Stelle wieder auf: beim von Christus auferweckten Lazarus, denn er ist jener. Er muss alles loslassen, was er an Selbstgewissheit aufgebaut hat, auch seinen Wertekanon, und muss sterben – nicht im tragisch-physischen, aber mystischen Sinne. Bei dieser von Christus sowohl initiierten als auch begleiteten Grenzerfahrung wird ihm die Sehnsucht bewusst, an der er krankte. An sie knüpfte Christus an, das Schicksal des jungen Mannes damals schon wahrnehmend. Selbstständig hatte der sich auf den Weg gemacht, ohne akademisch-gesellschaftliche Absicherung kommt er nun an – in einem Reich, das »nicht von dieser Welt« ist und doch im Sozialen wirkt: im eigenen, mit der Erde stets neu sich verbindenden Ich.

Vielleicht muss die Debatte die Bildungs-Traurigkeit jener Menschen wahr- und ernstnehmen lernen, die für die Welt »gestorben« sind – um an das anzuknüpfen, was aus einem nicht wird, an der Einsamkeit, die entsteht, wenn man nicht mitreden kann und doch sein Wort beizutragen hat. Es liegt einem auf der Zunge und bleibt ungeformt.

Die Verschlungenheit mancher Bildungswege ist nur die frühe Gestalt einer künftigen Befreiung. Es ginge darum, dass wir uns Selbst-Bildungs-Geschichten erzählen, die es noch nicht gibt, wie die Heinrich von Kleists, und dass wir uns dafür die Zeit nehmen, die unsere Sehnsucht braucht, um sie hervorzubringen.

Zum Autor: Andreas Laudert studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin sowie Theologie an der Freien Hochschule der Christengemeinschaft. Er war in der Heilpäda-gogik und als Lehrer tätig. Heute arbeitet er als freier Autor und Dozent. Im Herbst 2013 erschien sein Buch Und ist ein Verbindungswort, das Du ist es auch. Wege zu einer anderen Selbstlosigkeit.

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