»Bildung ist kein Wettrennen« - Gute Pädagogik braucht Spielräume. Kongress »Übergänge« in Frankfurt.

Von Susanne Pühler, Januar 2010

Mit dem Bildungskongress »Entwicklungsräume und Übergänge in Kindergarten und Schule« eröffneten der Bund der Freien Waldorfschulen und die Vereinigung der Waldorfkindergärten eine Dialogreihe, in der sie sich über die pädagogischen Herausforderungen der Zeit verständigen wollen.

Bildung ist kein Wettrennen. Kongress »Übergänge« in Kassel

Anlass dieses Kongresses ist der durch Früheinschulung und Schulzeitverkürzung erzeugte Handlungsdruck. Wie können die Übergänge von Kindergarten zu Schule und von Schule zu Ausbildung oder Studium neu gestaltet werden?

Mit einer sinfonischen Dichtung verglich Klaus-Peter Freitag, einer der Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen, die gemeinsame Arbeitstagung bei der Begrüßung: In vier Sätzen – drei anregenden Vorträgen und einer praxisnahen Diskussionsrunde – erlebten die rund 400 Teilnehmer das Tagungsthema aus verschiedenen Blickwinkeln.

Die grandiose Ouvertüre zu diesem sinfonischen Werk präsentierte das Oberstufenorchester der Frankfurter Waldorfschule. Aus jeweils ganz eigener Perspektive beschrieben die Vortragsredner an den drei Kongresstagen, wie wichtig es ist, Entwicklungsräume angemessen zu gestalten. Die Waldorfpädagogik, so Michaela Glöckler, Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, verfüge zwar über die »fünf zentralen Kernkompetenzen« zur Gestaltung solcher Übergänge: altersspezifische Entwicklungsförderung, Willenserziehung, Beziehungspflege, Autonomie und spirituelle Orientierung. Sie müsse diese aber noch stärker in die pädagogische Praxis einbringen – nicht zuletzt, um die in der Gesellschaft entstandene »pathologische Verkehrung« von Freiheit und Brüderlichkeit wieder aufzubrechen. Denn wenn Freiheit das Wirtschaftsleben statt die Wissenschaft und Kunst bestimme und Brüderlichkeit im Geistes- statt Wirtschaftsleben vorherrsche, führe dies zur Nivellierung des Geisteslebens, ungezügelten Marktkräften und krankhafter Bürokratisierung. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischem Institut in Köln betonte in seinem Vortrag, dass Bildung Zeit brauche. »Bildung ist kein Wettrennen«, sagte er und verwies auf die Notwendigkeit, die pädagogischen Konzepte von Kindergarten und Schule in den verschiedenen Altersstufen stärker zu verzahnen und damit Kontinuität für das Kind herzustellen.

Auch die Frankfurter SchulärztinMartina Schmidt sieht die Entwicklungsräume des Kindes durch politische, pädagogische und wirtschaftliche Faktoren vielfältig gefährdet: etwa durch starre Bildungs- und Lehrpläne, dadurch, dass die Schulzeit früher beginnen und schneller enden soll, dass der Kindergarten verschult wird und die Erziehungsarbeit der Eltern gesellschaftlich nicht anerkannt ist.

Viele Diskussions- und Kristallisationspunkte hatten sich somit aus den Vorträgen ergeben. In fast 30 Arbeitsgruppen konnten einige von ihnen fortgeführt und neue angesprochen werden.

In der Podiumsdiskussion präzisierte Birgit Beckers, Vorstandsmitglied des Bundes der FreienWaldorfschulen, das Anliegen der geplanten engeren Zusammenarbeit zwischen Eltern, Erziehern und Lehrern. Das gemeinsame Ziel, dass sich jedes Kind in seiner individuellen Weise entwickeln dürfe, bringt Eltern, Erzieher und Lehrer miteinander ins Gespräch. Staatliche Eingriffe wie sie nun in vielen Bundesländern angedacht seien, könnten sich auf lange Zeit negativ auswirken. »Deshalb nehmen wir neue Regelungen auf, wenn sie zur Waldorfpädagogik passen«, stellte Beckers klar. »Wenn sie unsere Pädagogik verletzen, wehren wir uns dagegen.«

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