Bildung und Kritik

Von Nadine Reinert, Oktober 2014

Der Mensch bildet sich nicht nur im Verhältnis zur Welt oder einer Frage, sondern auch im Zusammenleben und in der individuellen Auseinandersetzung mit anderen Menschen – durch Kritik.

Nadine Reinert

Für die Heranreifung der Persönlichkeit sind die wesentlichsten Bildungsprozesse gerade diejenigen, in welchen mir der Mitmensch nicht nur als Vermittler eines bestimmten theoretischen oder praktischen Inhalts erscheint, sondern Anteil nimmt an meinem individuellen Bildungsprozess.

Die mitunter schmerzhaftesten, langwierigsten, aber auch fruchtbarsten Bildungsprozesse spielen sich gerade in diesem Bereich ab – und dies durchaus auch über den konkreten Bildungszusammenhang hinaus. Schmerzhaft sind diese Bildungsprozesse, weil sie meist nicht ohne Korrektur des Selbstbildes vonstatten gehen; langwierig, weil sie gestaltend in tiefsitzende charakterliche Eigenschaften eingreifen; und fruchtbar, weil beides – die Korrektur des Selbstbildes und die Charakterbildung – für die Reifung der Persönlichkeit unabdingbar ist. Oftmals verdanken wir bedeutende Erkenntnisse dem Wort des Anderen, der Kritik durch unser Gegenüber.

Was bedeutet Kritik?

Gemeinhin hat »Kritik« keinen besonders guten Ruf. Wenn uns »Kritik« erwartet, gehen wir davon aus, dass etwas »Problematisches« auf uns zukommt; etwas, das wir am liebsten so schnell wie möglich hinter uns bringen möchten. Im Alltag ist für uns »kritisieren« synonym mit »bemängeln«, schlimmstenfalls mit »runterputzen« oder »abkanzeln«. Dass wir eine »konstruktive« oder »positive« Kritik als solche ausweisen müssen, zeigt, dass wir »Kritik« im Alltag zumeist als »negativ« oder »destruktiv« verstehen. Dementsprechend fühlt sich denn auch der Kritisierte peinlich berührt, vielleicht gar beschämt und ist sicher enttäuscht oder frustriert. Da der Kritisierende sich dieser Gefahr bewusst ist, wird er versuchen, die unliebsame Mitteilung mit Hilfe zahlreicher positiver Kommentare, so gut es geht, zu relativieren – und ist am Ende froh, wenn die heikle Situation überstanden und der notwendige, aber »saure« Apfel der Erkenntnis so schonungsvoll wie möglich verabreicht wurde. Doch dieses »Zuckerbrot und Peitsche«-Verfahren wäre gar nicht nötig, wenn wir Kritik in einem viel weiteren Sinne verstehen würden. Wir machen die Kunst der Kritik – als welche sie noch von den alten Griechen verstanden wurde – ärmer als sie es verdient, wenn wir sie darauf beschränken, lediglich ein Augenöffner für Unzulänglichkeiten zu sein.

Die Kritik ist ein wesentliches Moment des Dialogs und teilt mit diesem die drei für das Gelingen jedes Gesprächs unabdingbaren Tugenden: die Orientierung an der Sache und das Streben nach der gemeinsamen Erweiterung der Erkenntnis (epistêmê); das Wohlwollen gegenüber dem Anderen (eunoia) und die Freimütigkeit (parrhêsia) in Bezug auf die eigene Ansicht (vgl. vor allem: Platon: Gorgias 487 a-c). Aus diesem Dreiklang der Tugenden entsteht denn auch jede fruchtbare Kritik. Eine Kritik, die nicht der Suche nach Erkenntnis dient, also nicht im Dienst der Sache steht, wird schnell zum gegenstandslosen Geschwätz. Ist die Kritik nicht in die Wärme des Wohlwollens getaucht, droht sie zur feindseligen Beleidigung zu werden. Und wird sie nicht in Freimütigkeit ausgesprochen, enthalte ich mich dem Anderen vor und erweise mich als feige.

Was kann Gegenstand der Kritik sein?

Würden wir eine Blinde dafür kritisieren, dass sie keine Farben unterscheiden kann? Gewiss nicht. Denn eine Blinde verfügt gar nicht über die Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Deshalb ist das Erkennen des Spielraums der Möglichkeiten eine Grundvoraussetzung für jede gerechtfertigte Kritik. Und hier eröffnet sich auch die Herausforderung, der sich ein Kritiker zu stellen hat. Denn bei der fruchtbaren Kritik kommt es darauf an, dass ich dem Anderen seinen individuellen Möglichkeiten gemäß begegne und ihn an dem messe, was er selbst noch entwickeln kann. Insofern ist das, was ich mit der Kritik als Mangel oder Unzulänglichkeit hervorhebe, immer auch die Möglichkeit, die ich dem anderen zutraue. Ich stelle also nicht nur fest, was fehlt, sondern auch, was noch werden könnte. So gesehen wird Kritik zu jener Kunst, die sie von ihrer ursprünglichen Wortbedeutung her ist: eine Kunst des Unterscheidens.

Eine Ethik der Kritik müsste sowohl die Seite des Aufnehmens wie auch die Seite des Ausübens von Kritik berücksichtigen. Dass dieser zwischenmenschliche Bildungsvorgang zumeist über den Dialog stattfindet, macht ihn ebenso verwundbar wie wunderbar. Wenn mir der Andere der Überbringer der Kritik ist, dann ist er mir nicht nur das Schwert, das Fruchtbares von Unfruchtbarem scheidet, sondern er erweitert auch den Horizont meiner Möglichkeiten. Denn kritikwürdig ist nur, was Zukunft hat. Die Kritik verhilft dem werdenden Anderen zur Gegenwart. Sie ist Geburtshilfe.

Zur Autorin: Nadine Reinert studierte Slawische und Deutsche Literaturwissenschaft sowie Philosophie. Mitbegründerin des Philosophicum Basel.

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